Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolf en stein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) VII. Mirjam übt Gerechtigkeit. An einem Freitag-Naehinittag kam die dicke Riwke, Reb Noach Fingerhuts Dienstmagd, in Mirjams Bdckstube. Sie lebte in beständiger Erwartung der Chuppah1), denn es hiess, dass ihr Bruder einen Freund in der Provinz hatte, der, wenn er so weit sein würde, heiraten zu können, Riwke beschauen kommen um, vorausgesetzt, dass sie hundert Gulden haben würde, sie zur Frau zu nehmen, wenn er ihr gefallen sollte. In ihrer Hand glänzten die festlichen Schal ettöpfe, auf ihrem Gesichte ein Ausdruck bewusster Bedeutsamkeit; die Töpfe enthielten das Sahbatessen und der Ausdruck zeigte von einer höchst angenehmen Aufregung. „Nu, er ist also gekommen?" scherzte Mirjam bei ihrem Anblick, „du machst ein Gesicht wie eine Kalle."2) „Aeh geht," schmunzelte Riwke erfreut. „Hab* ich den Kopf für einen Chossen?"3) Ich hab' andere Zores.4) Habt Ihr nicht gehört, was für grosse Gesellschaft wir haben? Madame Blümeies. Tante, die reiche und kinderlose Madame Vögele Apfelbaum, deren Mann einen Kaufladen am Ring in Prag hat, ist grad' heute morgen angekommen. Ich sag' Euch, ich weiss nicht, wo mir der Kopf stellt bei diesem vielen Herumlaufen. Drei volle Truhen Silber zu putzen, und die Schüsseln mit vergoldeten Rändern, und das viele Kochen! Und ihre Sabbatkleider habe ich ausgepackt. AI! Ihr solltet nur das Kleid sehen, Madame Mirjam, graue Seide, steif wie ein Brett! Ich sag' Euch, es steht von selbst, und echte Spitzen darauf, so breit wie meine Hand, und eine goldene Kette trägt sie, die viermal um den Hals geht." „Hm — hm! — Madame Blümele wird eines Tages eine Masse Gold erben! Ihre Tante ist so reich, dass man sie nicht mehr Vögele nennt, sondern Fanny. Das muss ein vornehmer Name sein; es ist derselbe wie der vom Schosshtmd von der Gräfin." „Wie viel hat sie in die Armenbüchse hineingegeben?" war Mirjams trockene Erwiderung. „Mei5 Sorg! Die Armenbüchse! Was weiss ich von der Armenbüchse?" sagte Riwke mit einem Achselzucken. „Ich weiss nur, dass ich zwei Stunden lang Eiergerstel machen musste; vierzehn frischgelegte Eier für die Gerstel allein. Ich geb' Euch mein Wort darauf." „Die reiche Madame Apfelbaum soll sich nur nicht den Magen daran verderben/' versetzte Mirjam und wandte sich zu ihrer Arbeit. Am Äbend, nach der Synagoge kam Schimmele aufgeregt und mit der Verkündung heim: „Es hat einen grossen Streit nach der Schul* gegeben." Mirjam, die immer nach Neuigkeiten begierig war, blieb mit der ZiramesschüsseF) in der Hand stehen. „Es waren zwei Schnorrer da," fuhr Schimmele fort, „die Plett6) für Herrn Noach Fingerhut hatten, aber Reb Noach woITte sie nicht haben. „Gebt mir andere, oder gebt mir nächste Woche vier, aber diese Woche werde ich diese Sorte nicht nehmen," sagte er. „Ei, Pollackim?"7) unterbrach ihn Mirjam. „Ja, schmutzige," sagte Schimmele. „Aber sie gingen doch mit Reb Noach heim und nach einer Weile kamen sie alle wieder, und sie schrien laut, und der grosse Pollack sagte: „Glaubt er, dass ich ein Aussätziger oder ein Dieb bin, dass ich nicht an einem Tische mit ihm sitzen kann?" Und Reb Noach schrie: Glaubt er, ich werde von der Tante meiner Frau, der reichen und kinderlosen Madame Apfelbaum, deren Mann einen Kauflaüeii am Ring in Prag hat, verlangen, sie soll sich an denselben Tisch mit einem schmutzigen Pollacken setzen? Und der kleine Schnorrer schrie: „Wisst Ihr, dass mein Freund hier ein Chassid8) i st, ein Maggid,9) mit welchem an einem Tische zu sitzen kein Fürst in Israel sich zu schämen braucht? Er hat mehr Weisheit in seiinem kleinen Finger, als Ihr in Eurem ganzen Kopf, Ihr fetter Gfelrtsack?" Und Reb Noach schrie wieder: „Entweder Ihr wolllt in der Küche essen oder überhaupt nicht!" Und der grosse Poll&ck schrie: „Eher sollt Ihr an Eurem Fisch ersticken, bevor icBi in Eurer Küche essen werde!" Und Reb Noach schrie: „Eisack Sehulklopfer, Ihr seid Zeuge, dass es nicht meine Schuld ist/' Und dann ging er heima und die Schnorrer Blieben zurück, und «la alle Leute ausser Eisaek Schulklopfer und mir schon fortgeaiigen waren, so sagte mir Eisack, ich sollte die Schnorrer zu Reb Mwram führen, weil er nicht wisse, was er mit ihnen sonst machei solle, und Reb Awram schickte mich zu Malka 'Loew, sie soll den ldeinen Gast übernehmen, und den grossen, sagte er, sollte ich. zu. Jossei Kummer bringen, weil Jossei ein halbes Jahr keinen <Ja,st gehabt hat. So hab' ich ihn zu Jossei mitgenommen. Uncl ich" sagte: „Ich hab' Euch einen Sabbatgast gebracht, Reb Jossei/* und er sagte darauf: „Gott's Willkomm', Gast!" Aber seine Eirau war nicht sehr erfreut über den Gast und sie rief: „Jossei, liisb du verrückt? Wir haben nicht genug für uns selbst, und du mimmst einen Gast?"' Reb Jossei aber antwortete: „Schweig! Ich bin ein armer Mann, aber Dank und Lob sei Gott, ich habe nie einen Bettler von meiner Türe fortgeschickt. Wir habcia nur einen kleinen Topf Erbsen für unseren Sabbattisch, aber, wenn jeder von uns etwas weniger essen wrid, wird noch ein Löffel abrig bleiben," so-blieb denn der Schnorrer zu Tische bei Reb JT»&sel," endete Schimmele, keuchend von seiner langen Rede. Mirjams Augen flammten auf vor Entrüstung. „Eine schöne Wz\t} heutzutage!" rief sie. „Man muss es erleben zu sehen, <U.ss eine jüdische Frau zu stolz ist, sich mit einem armen Mamw zu Tische zu setzen. Was wird aus dieser Welt werden, wenn süö in dieser Weise in der frommen alten Khille in Prag handeln! Was für eine Art Frau ist diese Vögele Apfelbaum, diese Fanny! So wahr ich lebe, Riwke hat recht. Es ist ein feiner Name für sie und einen Hund." Mirjam war mDit zerstreut, als sie ihr Nachtmahl ass, und gab nur hie und da ilirer Entrüstung freien Lauf: „Reb Noach sollte sieh schämen, sich zu seinem reichen Mahl ohne einen JLrmen zu setzen," und: „Nebbich Jossei wird es vom eigenen Munde absparen müssen, wenn er dem Armen zu essen gibt/* Als sie ihren Mler wegschob, sagte sie: „Gott ist gerecht!" Und als Schiiamnele sein Tischgebet gesagt hatte, fügte sie als ergänzend hinzu : „Der Herr wird es vergelten!" Am nächsten Tage zu Mittag, nachdem Mirjam alle Mahlzeiten glücklieh zu dhren Eigentümern befördert hatte, sass sie mit Schimmele bei ihrem, eigenen Mittagessen, als die Türe plötzlich aufgerissen wu rde und die dicke Riwke hereinwackelte, das Gesicht blau vor Aufregung. „Unser Schatef!"" schrie sie und schnappte wie ein Fisch ausser Wasser. „Wo ist unser Schalet? Was habt Ihr damit gemacht? Unser Sek&let?" „Schrei nicht so* sagte Mirjam, „ich bin nicht taub." „Nicht schrein? Warum nicht schreib? Ich könnte mir die Haare ausraufen. So wahr ich hier steh! Vierzehn frischgelegte Eier nur Mi die Gerstel allein, und zwei geräucherte Gänsebrüste, welche auf der Zunge zerschmolzen. Was ist daraus geworden? Wo ist unser Schalet?" „Hab* ich Euek nicht Euren Schalet geschickt wie den Uebrigen?"