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Die Welt · 1903-02-13 · 7 (13.2.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
7 (13.2.1903)
Article
Das Wesen der jüdischen Nationalität
Date
1903-02-13
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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„Die a£ Welt" Seite 5 und bietet dem jüdischen Kinde in nationaler Hinsicht alles das, und vielleicht noch mehr, was dem Kinde eines anderen Volkes sein weites und breites Vaterland bieten kann» Das Haus, das Familienleben bei allen anderen Völkern bloss der kleinste Teil, gleichsam die soziologische Zelle des nationalen Organismus repräsentiert in dem in der Zerstreuung lebenden Judentum den ganzen nationalen Organismus. Denn in einem jeden echt jüdischem Hause ist alles konzentriert, was irgend ein Volk an nationalem Gut und Besitz aufzuweisen hat. Hierin liegt die Lösung des grossen Rätsels der Unvergänglichkeit des jüdischen Volkes. Seit den ältesten Zeiten besteht das kleine, schwache jüdische Volk mitten im Gewimmel der Nationen. Völker kamen und verschwanden, mächtige Reiche wurden gegründet und versanken in Nichts. Gewaltige Mächte, die sich die Welt unterwarfen un d alle Völker verschlangen, kämpften mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft gegen dieses kleine, schwache Völkchen an, um ihm das gleiche Schicksal zu bereiten. Vergebens! Selbst diese gewaltigen Mächte sind verschwunden, das kleine jüdische Volk besteht noch immer. Es wurde zwar heimatlos, in Stücke gerissen, nach allen Weltgegenden geschleudert. Wo boshafte Intoleranz und finsterer Fanatismus wirkten. wo harsträubende Grausamkeit und Barbarei wüteten, war dieses Volk die Zielscheibe für die giftigen Geschosse dieser finsteren Mächte. Das kleine jüdische Volk besteht aber hoch immer. Alles beugt sich dem unerbittlichen Naturgesetz : der Schwächere muss im Kampfe mit dem Stärkeren unterliegen, alles Bestehende ist dem Untergange geweiht, dieses kleine Volk allein beugt sich nicht; dieses allein macht die unbegreifliche Ausnahme, unvergänglich zu sein. Spricht das nicht all unserer Naturerkenntnis Hohn? Stehen wir hier nicht vor einem unlösbaren Rätsel, vor einem Weltwunder? Nein! Wir brauchen keine Wunder anzunehmen, alles ist natürlich zu erklären. Sehen wir uns dieses vermeintliche schwache Völkchen näher an und wir gewahren zu unserem Erstaunen, dass es in Wirklichkeit stärker ist als alle die gewaltigen Mächte, die es zu vernichten sich zur Aufgabe gemacht haben, dass es trotz seiner Heimatlosigkeit ein unangreifbares Vaterland besitzt, dass es trotz seiner Zerstreuung feste Burgen und unersteigbare Mauern hat, die es schützen. Der Genius des jüdischen Volkes in der mosaischen Gesetzgebung und in der Fortentwicklung derselben im Talmud war es, der es mit diesen eigentümlichen Befestigungen durch Gründung des jüdischen Hauses, durch Gestaltung des jüdischen Lebens versorgt hat. (Fortsetzung folgt.) Georg Brandes und der Zionismus. Die Kritiken Brandes* erhalten ihren Hauptwert durch das Gepräge rücksichtsloser Wahrheit. Dieser Schritsteller vertrat mit der Macht seiner Persönlichkeit die Forderungen der Tolstoianer: Wahrheit und Gerechtigkeit. Deswegen nahm es wunder, dass er einer so wahren und gerechten Sache, wie der unseren, nicht freundlicher entgegentrat. Hartnäckig erhielt sich die Hoffnung in uns, dass Brandes* Meinung bei näherer Betrachtung umschlagen werde. Wie unser Bruderblatt „Die jüdische Rundschau" zu berichten weiss, haben wir mit unserem Glauben recht behalten. Im Kopenhagener Regierungsorgan „Politiken" hat Dr. G. Brandes im Anschlüsse an die Behandlung der lumänischen Judenfrage auch über den Zionismus gesprochen und seine Ziele bejaht. Er schreibt unter anderem: „Inzwischen wächst das Elend in Rumänien von Woche zu Woche.. , Die verzweifelte jüdische Bevölkerung denkt nur daran, über die Grenze zu kommen und wird mit Gewalt zurückgetrieben. Da nun in Russland, wo drei Viertel aller Juden wohnen, die Zustände nicht besser sind, kann es nicht Wunder nehmen, dass die zermürbten osteuropäischen Juden sich an die Idee des Zionismus klammern. Es ist kaum eine Uebertreibung zu sagen, dass in Galizien wie in Russland und Rumänien der Masse Besterzogener und meist schwärmerisch Veranlagter unter dem jüngeren Geschlechte die Hoffnung vorschwebt, eine neue freie glückliche Gemeinschaft auf Palästinas Boden zu gründen . . . Nach aller menschlicher Wahrscheinlichkeit wird denn auch im Laufe des 20. Jahrhunderts Palästina urbar gemacht und bebaut werden mit dem Ziele vor Augen, den Verzweifeln den und Vertriebenen eine Zufluchtsstätte zu schaffen* Nach einer kurzen Besprechung der armenischen Frage fährt B r an d e s fortj „Die jüdischen Pläne verwandter Art hatten besseren Erfolg. Die grosse Kolonisation sbank für Palästina ist errichtet, viele Kolonien gedeihen, alljährlich werden zionistische Kongresse abgehalten. Bei einer so bedeutenden Sache ist die Zeitfrage nicht die wichtigste. Doch das Gewicht liegt ja nicht auf den zahlreichen Schwierigkeiten, die den Plänen der Zionisten entgegenstehen, sondern darauf, dass die Phantasie von Millionen hungriger und intelligenter Menschen in unseren Tagen leidenschaftlich in diese Richtung geleitet ist. Es besteht also eine Möglichkeit dafür, dass sich noch einmal innerhalb jenes engen Landgebietes eine Art jüdischer Kultur entwickeln kann und diesmal eine moderne." Noch fehlen Brandes eingehende Informationen über unsere Bewegung; das geht aus manchen Ansichten und Behauptungen hervor, zum Beispiel wird der Zionismus nur als Notstandsaktion hingestellt. Nichtsdestoweniger ist die Zustimmung eines so kritischen Geistes für uns überaus wertvoll. —j. Im deutschen Reich. Es gibt Juden, die ihre Tätigkeit für das Judentum darin, erschöpfen, wenn sie antisemitische Rüpeleien mit gleicher Münze zurückzahlen. Juden, die glauben, dass der Judenhass kleiner wird, wenn seine Matadore von Staatswegen auf einige Zeit beruhigt werden. Die scharfe Stellungnahme gegen judenfeindliche Angriffe ist angebracht; als Endzweck einer Hilfsorganisation für das bedrängte Judentum ist sie in ihrer Wirkung ungenügend. Viele Autoritäten und jüdische Geldsäcke sind schon strapaziert worden, um die brutale Judenfeindschaft niederzuhalten. Die Worte und das Geld verflogen im Winde. Und doch pflanzen die jüdischen Politiker moderner Zeit noch immer eine phantastische Hoffnung auf; die Vereine zur Abwehr des Antisemitismus wurden durch jüdische Organisationen mit ähnlichem Zweck abgelöst, in Deutschland zum Beispiel durch den „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Dieser Verein feierte vergangene Woche das Fest seines zehnjährigen Bestandes und in Berlin wurde toastiert und gratuliert, dass es eine Art hatte. Die Gründe der Festfreude sind in der Monatsschrift ,1m deutschen Reich", Mitteilungen des „Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" offenbart, in welchem Heft eine Generalrevue der Vereinstätigkeit geboten wird. Wir wurden lebhaft an das Wort erinnert: Ein leerer Wagen fuhr vor und heraus stieg Sarah Bernhard. 12 geschlagene Seiten Rechenschafts-Bericht und darin 12 Zeilen über das Rechtsschutz-Bureau. Im übrigen lauter Versicherungen, dass Antisemitismus gemein sei, dass man sich wehren müsse und siegen werde. Wann? sagen die politischen Kabbalisten nicht. Vorderhand geht es den Juden in Posen weit schlechter als den Polen, der sächsische und hessische Antisemitismus erfreuen sich blühender

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