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Die Welt · 1903-02-13 · 7 (13.2.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
7 (13.2.1903)
Article
Das Wesen der jüdischen Nationalität
Date
1903-02-13
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Öle # Welt« zösischen Nationalbewusstseins? Dass aber die Antwort in Bezug auf uns. Juden nicht so lauten kann, wie in Bezug auf andere Völker, wird, in Erwägung der Verschiedenheit der Verhältnisse, einem jeden sofort einleuchten. Ich behaupte nun, zwei Faktoren sind es, die jeden Menschen in Bezug auf seine Nationalität zu dem machen, was er ist, nämlich: das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem gewissen Volke und, worauf ich aber das Hauptgewicht lege, die Erziehung. Wir wollen nun diese Behauptung zu begründen suchen. Das Volk ist, wie jedem bekannt, nur der erweiterte Begriff der Familie. Die Bildung der Völker pflegt daher folgendermassen fixiert zu werden:1) Erst war es die kleine Familie, das Haus, das vom Hausvater (und zur Zeit des Mutterrechtes von der Hausmutter) geleitet wurde.Dann, als von dem einen Hause sich mehrere abzweigten, war es der Aelteste und Angesehenste der Familie, dessen Ratschlägen und Zurechtweisungen alle Familien glieder sich unterwarfen. Als aber aus der einen Familie mehrere wurden, war der Stamm ausgebildet, der von dem Weisesten oder dem Mächtigsten regiert wurde. Eine Verbindung mehrerer verwandter Stämme unter einem Oberhaupte erreichte die höchste Stufe dieser Entwicklung und das Volk war da. Wollen wir nun gleich heim Anfang dieser Entwicklung beginnen und untersuchen, was in dem Kinde die Liebe zu seinen Eltern erzeugt. Die vielleicht noch im Volke herrschenden mystischen Vorstellungen von einem natürlichen, angeborenen Instinkt, durch welchen Kinder und Eltern oder sogar Geschwister, selbst wenn sie von dem verwandtschaftlichen Verhältnisse nicht das mindeste erfahren haben, gleichsam wie durch eine magnetische Kraft an einander gezogen werden, können vielleicht noch als poetisches Motiv in Romanen verwertet werden, in einer wissenschaftlichen Betrachtung haben sie selbstverständlich keinen Wert. Wir stehen jetzt in der Wissenschaft auf dem empiristisch-kritischen Standpunkte, nach welchem höchstens geistige Formen oder richtiger Dispositionen, aber niemals geistige Inhalte als etwas Angeborenes angesehen werden können. Und auch die darwinistische Theorie der Vererbung behauptet, was $ie geistige Erscheinungswelt betrifft, nicht mehr. Nur die Art, wie jemand etwas liebt oder hasst, zum Beispiel oberflächlich oder tief u. s. w.. kann angeboren sein, aber niemals der Inhalt, der Gegenstand, der gehasst oder geliebt wird. In diesem Sinne befindet sich der Locke'sche Satz, der die Seele des neugeborenen Kindes eine tabula rasa nennt, in vollem Einklang mit dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft, dass die angeborenen Anlagen, Triebe und Neigungen des Neugeborenen noch kein Objekt haben, woran sie sich geltend machen könnten. Diese Objekte aber werden ihm von seiner nächsten Umgebung geliefert. Das Kind liebt seine Eltern, weil sie es erziehen, weil sie seine Bedürfnisse befriedigen und, wenn es erwachsen ist, auch noch, weil es weiss, dass es seine Eltern sind. Fällt das erste Moment weg, wenn ein Kind zum Beispiel von seinen Grosseltern erzogen wird, die weit entfernt von seinen Eltern leben, so dass es sie nicht einmal oft besuchen kann, so wird sich seine Liebe auf die Grosseltern übertragen und das schwächere Gefühl der Liebe für die Eltern wird bei dem Erwachsenen nur aus dem Bewusstein, dass es seine Eltern sind, kommen. Fällt aber auch das zweite Moment weg, wenn zum Beispiel ein zweijähriges Kind *) Wohlgemerkt verfahren wir hier bei der Zergliederung des Volksbegriffes nach dem in der Aristotelischen Politik gegebenen Muster der Zergliederung des Staates, als etwas Bestehendem» ohne natürlich weiter darüber entscheiden zu wollen, ob die skizzierte Stufenfolge den tatsächlichen historischen Entwicklungsgang oder nur die logische Analyse des Bestehenden darstellt, da dies für unseren Gedankengang sich gleich bleibt. t seinen Eltern entrissen und von Fremden erzogen wird, ohne jemals zu erfahren, dass sie bloss seine Pflegeeltern waren, so wird dieses Kind diese Fremden mit derselben Innigkeit lieben, wie man Eltern liebt, und wenn der Zufall einmal den Erwachsenen in die Gesellschaft seiner wirklichen Eltern bringen sollte^ ohne dass er über den wirklichen Sachverhalt aufgeklärt wird, so werden sie für ihn Fremde sein. Ganz so verhält es sich mit dem Gefühl der Liebe zu seinem Volke. Man fühlt sich in der Regel nur dann als Zugehöriger eines bestimmten Volkes, wenn man unter demselben oder doch von Zugehörigen desselben erzogen worden ist. Wenn ein zweijähriger Madagasse oder Chinese nach Frankreich gebracht und daselbst von Franzosen erzogen wird, so wird er Franzose sein. Ob er auch für sein Volk etwas empfinden wird, wenn er als Erwachsener seine Abstammung erfährt, hängt ganz von der persönlichen Naiur des Betreffenden ab. Wenn ein zweijähriger Deutscher nach Frankreich gebracht und daselbst von Franzosen erzogen wird, ohne jemals in seinem Leben seinen deutschen Ursprung zu erfahren, so wird er Vollblut-Franzose sein und die Deutschen wahrscheinlich mit derselben unversöhnlichen Wut hassen, wie der echte Franzose, der seine gallische Abstammung bis zu den Zeiten Cäsars nachweisen kann. Wir sehen also, das Nationalgefühl des einzelnen wird ausschliesslich durch die Erziehung erzeugt, ohne einen anderen Umstand dabei mitwirken zu lassen, es sei denn das Bewusstsein der Abstammung. Wohlgemerkt, das Bewusstsein der Abstammung, aber nicht die Abstammung ohne das Bewusstsein derselben. IV. Hier aber beginnt der Unterschied zwischen den anderen Völkern und uns Juden. Bei selbständigen Völkern bedarf eigentlich der Einzelne keiner besonderen nationalen Erziehung. Der Deutsche zum Beispiel kann schon als solcher angesehen werden, wenn er nur in Deutschland unter Deutschen aufgewachsen und gross geworden ist und wenn er auch gar keine Erziehung erhalten hat. Er ist Deutscher, sobald er sich nicht als Franzose, Jude oder Pole fühlt, da er doch in der Heimat unter Volksgenossen aufgewachsen ist und schon das kindliche Gemüt all die Eigenschaften und Eigentümlichkeiten aufgenommen hat, die die Deutschen von anderen Völkern unterscheiden und da auch seine Muttersprache deutsch ist. Ganz anders aber verhält es sich bei uns Juden. Nur derjenige kann als Nationaljude betrachtet werden, der das Bewusstsein seines Judentums in sich trägt, der sich als Jude fühlt; dieses aber kann und wird in der Kegel, (einzelne Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen, gibt es natürlich, wie überall, auch hier), nur bei demjenigen der Fall sein, der eine echt jüdische Erziehung erhalten hat. Ich brauche die Gründe dafür kaum darzulegen. Ich will es aber trotzdem in aller Kürze tun. Wir leben unter anderen Völkern, wir sprechen ihre Sprache, wir haben viele Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten derselben angenommen. Eine echt jüdische Erziehung besitzt dennoch die merkwürdige Kraft, uns, in nationaler Hinsicht, zu etwas von diesen Völkern Verschiedenem, zu einem einzigen und geeinten Volke — zu Juden zu machen! Aber auch nur eine echt jüdische Erziehung ist imstande, dieses Meisterstück zu vollbringen. Nun setzt aber eine echt jüdische Erziehung voraus, dass dieselbe in einem echt jüdischem Hause vorgenommen und durchgeführt wird. Damit sind wir an dem springenden, an dem Hauptpunkt unserer ganzen Betrachtung angelangt. Das jüdische Haus, das ist die feste Grundlage, der eigentliche Inhalt unseres nationalen Lebens in der Zerstreuung., Denn das echt jüdische Haus bildet, wo es sich auch befinden mag, ein Stück jüdischen Vaterlandes

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