Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Judenwanderung
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die $.,Welt£ ÄWZ einer kleinen, gar nicht in Betracht kommenden Menge einen Ausweg zu verschaffen. Und wir-geben euch die Mittel an , die Hand, wie es zu machen wäre. Wir verlangen eine Organisation des jüdischen Volkes, eine Organisation der Auswanderung/vor allem eine Organisation für die Ansiedelung unserer armen, verzweifelten Brüder. Bs gibt keine andere Hilfe. Und das ist nur zu leisten, wenn wir alle zusammenwirken. Wir haben diese Organisation geschaffen. Ihr habet nur beizutreten. Gestaltet sie aus, macht sie gross, mäeh-\ tig. Ihr könnt es. Wir haben die Woge geebnet. Das Schwerste ist getan. Ein Land, das Land der Sehnsucht unseres Volkes, würde euch aufnehmen, würde die Heimatlosen aufnehmen können, wenn ihr alle an seiner Erwerbung mithelfen wollt. Ist es denn wirklich so schwer^ gerade das Einfachste, das Logischeste zu tun? Ist es denn nötig, erst die Konsequenzen auszumalen, die eintreten müssen, wenn die grossen verzweifelten Massen des Ostens, die nichts mehr zu verlieren haben, sich in Bewegung setzen werden? Und sie werden es tun, weil die Not sie treibt, weil sie müssen. Welches Land der Erde soll diesen Ansturm üher sich er-? gehen lassen? reorganisiert, verzweifelt, ohne Kenntnis des Landes und seiner Verhältnisse, ohne Kenntnis der Landessprache, bereit, um jeden Preis ihre Existenz zu erkaufen, sind diese Desparados, wenn die Verhältnisse so bleiben sollten, wirklich einmal in Zukunft eine Gefahr für das Volk, dem sie sich zuwenden. Jetzt aber sind sie es noch nicht. Noch folgen sie Ratschlägen, noch lassen sie sich organisieren. Noch können sie," mit schwerer Mühe allerdings, zurückgehalten werden. Wie lange aber noch? Aus rein politischen Gründen, aus Besorgnis vor einer ungeregelten, wilden Einwanderung, die unter niemandes Verantwortung vor sieh geht, erschweren alle Staaten die Einwanderung der Juden. Nach dem Erschweren aber wird das gänzr liehe Verbot kommen. Und dann? Dann, das erklären wir jetzt schon mit tiefem Schmerze, aber auch mit vollem Ernste, dann wird selbst der von uns so sorgfältig erwogene und vorsichtig zur Ausführung gebrachte Rettungsplan nicht mehr genügen, selbst wenn dann alle anderen auch wollen. Gegen widrigen Wind kann ein Schiff aufkommen. Gegen die Elementargewalt eines rasenden Orkans, gegen ein Seebeben, welches das Meer in seinen tiefsten Tiefen aufwühlt, ist es machtlos. Noch ist es Zeit. Noch können wir die Judenwanderung organisieren. Aber es ist höchste Zeit. Kommt einmal der Orkan, treibt er die entfesselten Wogen der Verzweifelten über Europa, dann sind wir mit ihnen verloren. Dr. Sieg. Werner. Mazedonien. Die türkischen Werte steigen. Die Freude darüber ist gleichmässig gross bei allen Besitzenden, auch bei denen, die für ein freies Armenien sich begeistern und die Unabhängigkeit der europäischen Christen fordern. Die Freude wird auch noch einige Zeit dauern, denn die Unifizierung der türkischen Schulden wird vermutlich bald durchgeführt werden. Hat doch der Sultan, wie sicher verlautet, den Abschluss der Verträge bis zum Anfang März in sichere Aussicht gestellt — weil dann das neue Finanzjahr beginne. Die türkischen Papiere werden also weiter steigen — bis eines Tages eine grosse Ernüchterung folgen wird. Man wird dann nämlich plötzlich zur Einsicht koinmen, dass die Unifizierung durchaus kein erfreuliches Anzeichen für den Weltfrieden gebildet hat. ' Wir gönnen der Türkei gewiss alles Gute und freuen uns, wenn sie ihre Finanzen verbessern kann. Aber hat man sich bisher noch nie gefragt, woher die auffällige Beschleunigung der Verhandlungen resultiert? Man hat doch sonst in Konstantinopel so viel Zeit! Und nun verlangt der Sultan von der Rouvier-Gruppe die, schleunige Entsendung eines Spezialdele^ierten,: Erörterungen vor dem EnSe des ffinänzja^xes. Woher fieser auffällige Eifer?! Da dielejite Konversion für die Türkei einen sehr . lohnenden ^^B^ischu$sryierg0te& hat, kahat« die Geldnot doch nicht so drückend sein! Der Grund wird sofort Mar,, wenn man einige ändere wenig beachtete Nachrichten:' zum Verständnis'heranzieht. Wir lesen, dass die türkische- Regierung bei den:deufe^hen Waffen- und Munitionsfabriken 200 000 Mausergewöhife bestellt hat, dass bei Krupp Geschütze in Auftrag gegeben wurden, dass eine Genucser Firma schleunigst die Reparaturen an den Kriegsschiffen besorgt. Alle Aufträge laufen auf kurze Fristen. Mit einem Wort — die Türkei rüstet. Sie sammelt, unauffällig Truppen an der bulgarischen Grenze, und sie weiss sehr wohl, dass sie das Geld aus der grossen Finanzoperation baldigst gebrauchen wird. Wenn der Frühling ins Land kommt, wircVs auf dem Balkan lebendig werden, die Flinte wird schiessen und der Säbel hauen. Diesmal geht's um Mazedonien. Man will eine neue1 Amputation am Körper der Türkei vornehmen und diese ist zu Lande besser daran, als im Kretakonflikte, sie wird sich kräftig wehren. Sie wird auch nicht gutwillig zugeben, dass, wenn die kleinen slawischen Raubstaaten sich über die Beute nicht einigen können, ein. autonomes Mazedonien mit einem christlichen Gouverneur an der Spitze entsteht. Seit drei Jahren hat sich die bulgarische Propaganda in Mazedonien sehr verstärkt. Mit oder ohne Wissen der Sofianer Regierung werden andauernd in Bulgarien bewaffnete Banden gebildet, welche die Grenzen überschreiten, türkische Dörfer plündern und verbrennen, friedliche Einwohner fortschleppen oder töten und auf diese Weise die Ueberlegenheit christlicher Kultur und den Beruf der Bulgaren, zur Wiedererrichtung des alten bulgarischen Kaiserreiches beweisen. Drängen die türkischen Truppen die Banden über die Grenze, so werden die Führer gar nicht oder sehr milde bestraft. Man überfliesst von heuchlerischen Versicherungen der Friedensliebe und versendet gleichzeitig erfundene Telegramme über die Misshandlungen, denen die armen Christen ausgesetzt sind. Und in Europa ist dann das Mitleid gross. So macht man den Feldzug gegen die „Greuel" populär. Die Mächte sehen allmählich, dass es so nicht weiter geht, die Unruhen wachsen, aber statt den Unruhestiftern gründlich auf die wenig gewaschenen Finger zu klopf en, wird „interveniert", um Reformen ersucht, d. h. um christliche Beamte, und wenn die Türkei sich weigert, wird marschiert. Das haben wir schon oft erlebt.und im Frühling werden wir's wieder sehen. Wir wüssten nicht, welchen Rechtsanspruch die Bulgaren auf Mazedonien hätten. Die Mohammedaner bilden mit rund 500 000 Enwohnern das bei weitem stärkste Bevölkerungselement. Ihnen stehen 350 000 Bulgaren, 260 000 Griechen, 20 000 Rumänen und 75—100 000 Juden •gegenüber, welche letzteren allerdings vorzugsweise in Saloniki leben. Die Zahl der Serben steht nicht fest, wird aber die der Juden nicht wesentlich übersteigen. Keines der slawischen Völker kann also das Land regieren, dauernde Unruhen würden die Folge sein; dahingegen kommen die Türken, wenn die jüdische Bevölkerung treu zu ihnen hält, der absoluten Mehrheit im Lande sehr nahe. Und die Juden gerade Salonikis, die ja die Gastfreundschaft der Türkei und die Verfolgungen der Christenheit am eigenen Leibe erfahren haben, werden wissen, auf wessen Seite sie zu stehen haben. Sie brauchen nur ihre gegenwärtige Lage mit der ihrer Stammesgenossen in. den „befreiten Staaten", in Rumänien, Bulgarien^ Griechenland