Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Judenwanderung
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX,, Tlirkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, K., Tnrkenstrasse Nr. 9, f o richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und ManuserlDte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction täglich von 7al2— 7,1 Uhr. <► Preise der Anzeigen: Imjxt aufliegendem Taurif. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen« Einzelne Nummern 30 Heller. BßZDÖSnrWSft B? 6 s! er r,e 1 \ü^g V n: 8a?zjato*g > halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr/ 3.—. Für das mMi^MUWTO, Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shgt,14.-, halbjahrig Shg 7 ~, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteli?hrig1Jt 1L7^V^lh^e^ Fr^rei.chi ^e?5 .^He^ Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,-, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. -.85 Nr. 7. Wien, 13. Februar 1903 — 16. Schebat 5663, 7. Jahrgang Judenwanderung. Aus Capstadt kommt die Nachricht, dass eine grosse Anzahl jüdischer Auswanderer, die mit der Absicht nach Südafrika kamen, sich dort niederzulassen, von den Behörden an der Landung verhindert und gezwungen worden sind, zurückzukehren. In dem einen Falle handelt es sich um 120 Leute, mit denen die betreffende Schiffsgesellsehaft, selbst ohne Ahnung von einer solchen Massregel, nichts anzufangen weiss- Mehrere hundert andere Auswanderer sind aber bereits auf dem Wege, und es wird nur bei einem Teile möglich sein, sie noch während der Fahrt von diesem ganz unerwarteten Unglück zu. verständigen, das für sie die Verweigerung der Landung in Südafrika bildet. Was ist geschehen, dass eine englische Kolonie jüdischen Auswanderern die Aufnahme verweigert? Sind vielleicht die in dieser Kolonie ansässigen Juden bei der liegierung in Ungnade gefallen und stellt diese strenge Massregel eine Repression gegen die einheimischen Juden dar? Ist das vielleicht der Beginn einer antisemitischen Politik in England und seinen Kolonien? Oder sind es vagabundierende Landstreicher, verkommene Subjekte, die der Armenverwaltung zur Last fallen würden, oder alte, kranke Menschen, deren Aufnahme der Kolonie nur Kosten und Beschwerden verursachen würde, ohne dass von ihnen eine wirtschaftliche Leistung zu gewärtigen wäre? Nichts, nichts von alledem. Kein Land der Welt hat seit Jahrhunderten den Juden mehr Freundlichkeit erzeigt, als gerade England. Und Amerika, das so lange das Dorado für die gehetzten Juden bedeutete, hat seine menschenfreundliche und grossmütige Haltung seihst verfolgten Einwanderern gegenüber direkt von England übernommen. Und doch hat Amerika schon seit einiger Zeit den einwandernden Juden Schwierigkeiten zu machen begonnen und nun folgt nach den heftigen Debatten über Fremdeneinwanderung, die in London stattgefunden haben, Südafrika dem Beispiele Amerikas. Mit selbstverständlicher Treue., die kein Wort des Lobes verlangt, haben die englischen Juden in dem langwierigen Kampfe mit den Buren ihre Pflicht getan. Ihre sonstige Haltung ist die höchst respektabler, opferfreudiger Bürger immer gewesen und ist es natürlich noch jetzt. Die in der Kapkolonie ansässigen Juden haben jüngst erst durch Mr. Chamberlain die Versicherung der freundlichen Gesinnung der Regierung erhalten. Ja, noch mehr! Der zionistischen Föderation in Südafrika sind von der Regierimg Agenden übertragen worden, die sonst nur hohen Konsularbeamten zustehen. Und vor wenigen Tagen erst hat Mr. Chamberlain eben die Vertreter dieser zionistischen Körperschaft empfangen, eine Adresse aus ihren Händen entgegengenommen und sich in. freundlichster Weise über die zionistische Bewegung und die Tätigkeit der südafrikanischen Zionisten geäussert. Nein! Antisemitismus hat diese Massregel nicht diktiert, und England, das grosse, freie, stolze England ist einer Grausamkeit gegen Menschen, die seinen Schutz anflehen, nie fähig gewesen und kann sieh auch jetzt nicht so geändert haben. Es waren auch nicht Land streich er, nicht Bettel volk oder kranke Greise, die um die Niederlassung in. Südafrika sieh beworben haben. Im Gegenteil. Männer in der Blüte ihrer Kraft, gelernte Handwerker, die sogar im Besitze von Barmitteln waren, traf der harte Spruch. Und doch hat man ihnen die Einwanderung untersagt. Und doch müssen sie den weiten Weg über das Meer zurückmessen., verzweiflungsvoll sieh fragend, wohin nun, wohin, wenn selbst England uns kein Gastrecht gewähren will? Was ist also geschehen? Etwas, was wir Zionisten seit langen Jahren angstvoll vorausgesagt haben, etwas, was wir immer wieder flehend, bittend, warnend und mit dem Aufgebot eines ganzen wissenschaftlichen Apparates unseren Brüdern vorausgesagt haben. 0, dass sie uns geglaubt hätten! Dass sie wenigstens durch solche Vorkommnisse aus ihrer behaglichen Lässigkeit aufgeschreckt würden! H u n - d e r 11 a u s e n d e, Million e n von J uden können unmöglich mehr an den Orten ihres jetzigen Aufenthaltes bleiben. Sie verhungern, sie verkommen geistig, physisch, moralisch. Es muss Hilfe geschaffen werden. Sie bieten das Bild eines überhitzten Dampfkessels. Schrille Pfiffe, die zur Wanmng dienen sollen, ertönen. Von Zeit zu Zeit bricht eine schwere Dampfwolkc durch irgend ein Ventil, das noch Abzug gewährt. Immer schriller und andauernder. „Platz dem Dampfe, Platz!" Oder es kommt zu einer furchtbaren Explosion! Leitet die überschüssige Kraft ab! Noch ist es möglich, noch gibt es Kettung, w c n n alle z u s a imm e n energisch'helfen wollen. Es n iltzt nichts, irgendwo ein kleines Ventil zu öffnen und für den Moment