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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Die Juden in Jerusalem und die Juden im Auslande
Date
1903-02-06
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die 2** Welt" Nr. 6 stände und Verhältnisse zum grössten Teile das Produkt der ungünstigen Umstände sind, die bei der eigenartigen Ent- "wicklnng der Jerusalemer jüdischen Gemeinde eine Eolle spielten. Wir zeigten zugleich auch die Mittel, die dagegen anzuwenden wären, die aber bisher nicht in Angriff genommen wurden, weil man lieber träge beim Alten bleibt und sich auch da einzugreifen und eine Aenderung vorzunehmen scheut, wo die Verhältnisse selbst nach einer solchen stürmisch verlangen. Daher können wir es uns jetzt nicht ersparen, den Juden im Auslande einen bitteren Vorwurf zu machen: wir meinen darunter die Vorstände aller Unterstützungskomitees für Jerusalem, jene Herren mit dem zufriedenen Lächeln, die ihrer Pflicht vollauf genügt zu haben glauben, wenn sie das gesammelte Geld nach Jerusalem abgeschickt haben, die das Lob auf ihr wohltätiges Herz zwar abwehrend, lächelnd, aber doch, sehr gern anhören, die aber in namenlose Wut geraten, wenn man ihnen sagt, dass ihre gedankenlose, mechanische Tätigkeit unfruchtbar, ja schädlich ist. Wir wiederholen nochmals: so kann und darf es nicht weiter bleiben. Der jüdische Gemeindekörper in Jerusalem siecht dahin, wenn nicht rechtzeitig helfend eingegriffen wird. Wir verlieren dort von Tag zu Tag unser Ansehen und das Teuerste, die Jugend, verkommt. Daher ist es höchste Zeit, dass man an die nötige Abhilfe denke. Aber nur durch einen Zusammenschluss der Unterstützungskomitees aller Länder zu einem Hauptkomitee, nur durch ein gemeinsames Zusammengehen und die Unterordnung aller Einzelinteressen unter das eine Hauptinteresse, nämlich die Stärkung und Ausdehnung unseres Ansehens und Einflusses in der heiligen Stadt — was natürlich zuerst geschaffene geordnete Verhältnisse zur Voraussetzung hat — werden wir unser erstrebtes Ziel ereichen. Die dortigen Fanatiker werden sich diesem Bestreben hindernd entgegenstellen, das wissen wir: nun, man wird sie im Interesse der Jugend beiseite zu schieben wissen. Das Wesen und die Bedeutung des Nationalfonds/) Von Ingenieur U s s i sch kin in J e k a t e r i n o s i n \v. Die zionistische Sache in ihrer allmähligen Entwicklung hat nach sich Spuren in der Gestalt einer langen Reihe verschiedenerlnstitutionen und Einrichtungen hinterlassen. Das alte Ideal des jüdischen Volkes, das Streben nach Wiedergeburt im Heiligen Lande, hat sieh zuerst in den Achtziger jähren des abgelaufenen Jahrhunderts durch die Begründung der ersten russischen und rumänischen Kolonien in realer Form ausgedrückt. Behufs Errichtung dieser Kolonien und Begründung der neuen Institutionen wurde das Zentralkomitee „Chowewe-Zion" organisiert, das 1890 mit offizieller Genehmigung der russischen Regierung in das „Odessaer Palästina-Komitee" verwandelt wurde, dessen Mitgliederzahl 8000 beträgt. Die alte Idee laud immer neue Bahnen und hinter!iess nach sich im Jahre 1897 eine zweite Spur, eine kolossale Spur, in der Gestalt von Kongressen, einer Weltorganisation, die berufen ist, die Geschicke des ganzen jüdischen Volkes zu leiten und zu formen. Die Mitgliederzahl dieser zweiten Institution zählt viele 100 000. Noch zwei Jahre vergingen, und das Wachstum der zionistischen Idee nahm an Umfang immer zu, die Zahl der Anhänger vermehrte sich täglich, so dass die Notwendigkeit herantrat, ein grosses Finanz-Institut ins Leben zu rufen, das als juridische Individualität imstande wäre, die Ideen in der Praxis zu verwirklichen. Zu diesem Zwecke wurde die Jüdische Kolonial-Bank gegründet, deren Mitgliederzahl jetzt schon 130 000 übersteigt. Die Auf- *) Dieser Artikel erseheint zu gleicher Zeit auch in der y,UngarisoEen Wochenschrift" zu Budapest. D. "Red. gäbe der Bank wird im Laufe der Zeit unter anderem sein, grosse und kleine Konzessionen zur Entwicklung des Ackerbaues, der Industrie und des Handels unter den in Palästina, bereits lebenden Juden, sowie unter denen, welche nach Palästina noch übersiedeln werden, zu erwirken. Um aber alle diese Konzessionen und Verträge verwirklichen zu können, wird die Jüdische Kolonial-Bank Sjmdikate von Kapitalisten schaffen müssen. Daraus geht hervor., dass die Bank, indem sie den Interessen des ganzen jüdischen Volkes, seiner Wiedergeburt dient, dennoch Eigentum nur eines Teiles dieses Volkes, ihrer Aktionäre, bildet. In ihrer immer mehr um sich greifenden Entwicklung ist die zionistische Bewegung aber zu einem Augenblicke angelangt, wo die Notwendigkeit eintrat, eine Institution ins Leben zu rufen, welche nicht nur den Interessen des ganzen Volkes dienen, sondern auch Eigentum des ganzen Volkes bilden könnte. Und so schuf der V. Kongressen Nationalfonds, dessen Wesen und Bedeutung hier näher besprochen werden soll. Die Idee von der Schaffung eines Nationalfonds gehört dem verstorbenen Professor der Mathematik an der Universität zu Heidelberg, Hermann S c h a p i r o , der bereits auf dem I. Kongresse den Vorschlag machte, einen Nationalfonds ins Leben zu rufen. Es mussten aber volle vier Jahre verstreichen, bis diese Idee feste Wurzeln fassen konnte; die Kräfte der Zionisten wuchsen heran, unser nationales Selbstbewusstsein vermehrte sich, die politische Schulung stieg merklieh in die Höhe, so dass der V. Kongress bereits imstande war, die Begründung des Nationalfonds proklamieren zu können. Wohl sind die Statuten des Fonds noch nicht ausgearbeitet, die juridischen Bürgschaften noch nicht endgiltig festgesetzt, die Verwaltungsformen noch nicht genau geregelt worden (eine eingesetzte Kommission erfahrungsreicher Juristen aller Länder ist mit dem Studium aller dieser Prägen ernstlich beschäftigt), aber die Grundprinzipien wurden von dem Kongress votiert und sie bleiben unerschütterlich für alle Zeiten. Diese Prinzipien sind folgende: a) Alle Gelder des Fonds sind dem Landkauf in Palästina gewidmet; b) der angekaufte Grund und Boden bildet für ewige Zeiten Eigentum des g a n z e n jüdischen Volkes; c) Teilhaber des Fonds können alle Juden ohne Ausnahme sein; der Anteilschein ist eine Marke im Werte von einer Kopeke. Diese drei Grundsätze sollen hier in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung näher beleuchtet werden: a) Die grösste Gefahr, welche der Sache der Wiedergeburt des jüdischen Volkes droht, ist die verspätete Ankunft in Palästina. Weder politische Verwicklungen noch die Gleichgiltigkeit des jüdischen Volkes noch der Kampf der Parteien sind so gefährlich. Zeit und unablässige Arbeit können alle diese Hindernisse beseitigen. In uns wird mit der Zeit der Wunsch wach werden, nach Palästina zu gehen, die Türkei und die Mächte würden uns dies gestatten, aber Grund und Boden wird für uns nicht vorhanden sein . . . Der Drang nach Osten wird täglich immer stärker: Fast in jedem Monat vernehmen wir von Bodenkäufen, welche Deutsche, Franzosen, Griechen, Armenier und andere Europäer in Palästina vollzogen haben. Aber das Heilige Land ist doch, wenn auch reich und teuer, nicht gross. Wir können es sehr rasch und sehr leicht verlieren. Wenn wir hoffen, das Heilige Land von den Arabern und Türken kaufen zu können, so wird man einer Loskaufung des selben bei Europäern auf viele Jahrhunderte entsagen müssen. Für uns wird es die grösste Schande sein, wenn wir infolge unserer historischen- und politischen Kurzsiehtigkeit, infolge unseres ewigen Parteihaders' unser

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