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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Die Juden in Jerusalem und die Juden im Auslande
Date
1903-02-06
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 „Die $rWelt" Seite 3 ner kann man die jüdische Bevölkerung Jerusalems einteilen in Geschäfts - und Handwerktreibende, die nebenbei Unterstützung (Chaluka) bekommen, und Unterstützte, in Leute, die sich ausschliesslich *von ihrem Berufe "ernähren, und solche, die ausschliesslich von Unterstützungen leben. Die Juden im Auslande, die hier in Betracht kommenden Glaubensgenossen, welche beinahe ausschliesslich den orthodoxen Kreisen angehören und demgemäss auch in den Ländern am meisten vertreten sind, in denen die Juden aus den Gebetbüchern das Andenken an Zion und Jerusalem nicht gestrichen haben, bestehen aus Geldgebern und Sammlern. Was jene in kleineren oder grösseren Summen für die heilige Stadt spenden, das sammeln diese und schicken es an die dortigen Kollektions- Vorsteher ab. Damit sind wir nun zu der Frage gelangt: In welchem Verhältnisse stehen die Juden in Jerusalem zu ihren Brüdern im Auslande? Die kürzeste und präziseste Antwort würde die sein: in einem Abhängigkeitsverhältnisse. Doch müssen wir das ausführlicher erklären. Da ist es zunächst interessant, aber auch charakteristisch, zu erfahren, aus welchem Beweggrunde der Jude im Auslande sein Geld für Jerusalem spendet und was sich der Jerusalemer Jude dabei denkt, wenn er das gespendete Geld empfängt-. Denn hier ist das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer keineswegs identisch mit dem, welches im gewöhnlichen Leben zwischen dem Wohltäter und dem Armen besteht. Die Spendengeber verfolgen mit der Spende ganz präzise Zwecke, die freilieh sich nach der Herkunft des Geldes unterscheiden. Während der osteuropäische Jude seinen Bruder in Jerusalem als den Träger und Vollstrecker seines Ideals betrachtet und in der einfachen Tatsache, dass er die heilige Stadt seiner Väter bewohnt, einen vollgiltigen Ersatz für sein gespendetes Geld sieht — verlangt dagegen der Jude Westeuropas, z. B. der deutsche oder englische und der amerikanische Jude, dass sein dortiger Glaubensgenosse zum Danke für die Spende etwas leiste. Er schliesst mit ihm gleichsam einen Vertrag ab, als Gegenleistung für die Bestreitung seiner, des Jerusalemiten Lebensbedürfnisse, für ihn, für sein, des Spenders, Seelenheil, zu „lernen", d. h. die Thora zu studieren. Dabei ist freilich zu bemerken, dass der Lohn, den er, der Ausländer-Jude, dem Jerusalemiten für seine geistige Arbeit zukommen lässt, ein ELüngerlohn ist. Dass aber auf diesem Lohngebiete sich bisher keine sozialistischen Tendenzen kundgegeben haben, um. für die schlechtbesoldeten Heils-Arbeiter in Jerusalem eine Besserung ihrer Lage zu erwirken, hat darin seinen Grund: Während der Arbeitgeber für das Diesseits sich von den Leistungen seiner Arbeiter noch in diesem Leben überzeugen kann, wird der Arbeitgeber für das Jenseits von dem Leistungswerte seiner Arbeiter erst nach dem Tode erfahren. Dies wissen die Jenseitsarbeiter ganz genau und hintergehen ihren Arbeitgeber, indem sie sich zugleich an mehrere Herren verdingen und — für keinen etwas leisten. Während also der osteuropäische Jude, wenn er seinen Groschen für Jerusalem gibt, fiür sein Ideal Opfer bringt, macht der westeuropäische dabei ein Geschäft. Darin liegt auch zumeist der Grund für die verschiedene Behandlung, die der Jerusalemer bei dem ost- und westeuropäischen Juden erfährt. Jener sieht in ihm, wie gesagt, den Träger seines Ideals und ist ihm für seine Pionniertat dankbar, dieser dagegen hat den Glauben an die Leistungen, der Jerusalemiter, die er früher durch die Chalukaspenden lohnte, verloren und sieht in ihm nur den Faulenzer und Schnorrer, der ihn um einige G-rosehen prellt. Wie verhält sich nun der Jerusalemer plude dazu? Hier kann man erfreulicherweise einen gewaltigen Unterschied feststellen in der Denkungsweise der alten und neuen Generation. Doch besteht auch in jener selbst ein erheblicher Kontrast zwischen den Eingeborenen, den Nachkommen jener Idealisten, die aus patriotischer Begeisterung unter Strapazen und Entbehrungen nach dem geliebten Lande ihrer Väter gezogen sind und den selbst Eingewanderten, die von dem trügerischen Glänze eines ruhigen Chalukalebens angelockt, die heilige Stadt in grossen Schwärmen heimsuchen oder heimsuchten. Jene, deren Wiege selbst inmitten der Heiligtümer stand, haben zwar von der schwärmerischen Begeisterung ihrer Väter viel eingebüsst, deren Idealismus aber vollständig erhalten. Daher auch ihre idealistische Auffassung von ihrem Verhältnis zu ihren Brüdern im Auslande. Sie betrachten sich als die Pfleger und Erhalter eines wichtigen Mittelpunktes, von dem aus Verbindungsdrähte sich nach der ganzen Welt hinziehen, die das gesamte Judentum umspannen, es zusammenhalten und vereinigen. Sie sind deswegen — so denken sie in ihrer naiven Befangenheit — die Lieblinge des ganzen Volkes, das mit Stolz auf sie hinsieht und froh ist, ihre kleinen materiellen Bedürfnisse zu bestreiten. Die Eingewanderten aber, die echt realistischen Chalukahascher, welche die Denkungsart der Juden im Auslande über Jerusalem genau kennen, wandern dorthin, weil sie wissen, dass sie bloss in der heiligen Stadt zu wohnen brauchen, um so viel Unterstützungen zu bekommen, dass sie davon, wenn auch kärglich, leben können; das genügt ihnen. Wie man über sie draussen denkt, ist ihnen gleichgültig. Und als von ihrer Sorte schon zu viele nach Jerusalem geströmt waren und die. Wohnungsbedingungen sich dort erheblich verschlimmerten, so dass sich das Dortwohnen nicht mehr „lohnte", reisten sie hin, um dann in der ganzen Welt als „Jerusalemer" herumsehnorren zu können, da bekanntlich unter dieser „Firma" das Geschäft besser blüht. Sie sind es auch, die den Warnen Jerusalem in der ganzen Welt so beschmutzt und heruntergebracht haben. Aus deren Mitte sind eben auch jene genialen Schnorrbrieffabrikanten hervorgegangen, die von dort aus die ganze jüdische Welt mit ihren Eeklamen und Annoncen belästigen und dadurch überall Hass und Ekel vor Jerusalem erwecken. Ganz anders ist die junge Generation! Weit davon entfernt, die niedrige Denkart der zuletzt Geschilderten zu teilen und von derem schmutzigem Wesen unbefleckt, kann sie sich auch mit der Auffassung jener eingebildeten Idealisten-Abkömmlinge nicht einverstanden erklären. Sie kann nicht begreifen, warum sie auf dem Boden ihrer Väter, in ihrer heiligen Stadt, von der aus vor Zeiten der Glanz des Judentums sieh über die ganze Welt verbreitete und in der einmal ihre Könige herrschten, die Pariarolle spielen muss. Sie kann die erstickende Luft des Ghettos nicht ertragen, sie will hinaus aus der finsteren Gruft des eingeengten Judenviertels, um frei Luft einzuatmen. Aber sie wird mit unwiderstehlichen Banden darin zurückgehalten, und es ist ein wahrer Jammer zu sehen, wie diese intelligente und vielfach begabte Jugend, die der Stolz unseres Volkes werden könnte, vergeblieh nach einem würdigeren Dasein ringt und mangels der notwendigen äusseren Hilfe zugrunde geht. Hier ist der Punkt, wo der Hebel anzulegen ist, wenn die traurigen Verhältnisse und Zustände in Jerusalem geändert und gebessert werden sollen, wenn diese brennende Frage, die, so lange sie besteht, wie ein Fluch auf dem ganzen Judentum lastet, endgilt ig gelöst werden soll. Wir haben uns einmal bemüht, in der „Welt"*) nachzuweisen, dass diese schlechten Zu- *) Siehe Nr. 15 des 5. Jahrganges.

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