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Die Welt · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Article
Der Zionismus als soziale Erscheinung
Date
1903-01-30
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 „Die & Welt" Seite 13 kostspielige Industriebranchen: Gerbereien, Kerzenfabriken, Oelfabriken, Mühlen u. s. w. Die jüdischen Fabriken sind auf schwacher Grundlage gegründet. Die meisten jüdischen industriellen Anlagen tragen den Charakter des Handwerkes an sich." So sagt Bioch im eben zitierten Buche. Wenn also der jüdische Handel und industrielle Betrieb sich in sehr engem, beschränktem Rahmen bewegen, wenn die jüdische Produktion nicht die Grenzen des Kleingewerbes überschritten hat und also ökonomisch zurückgeblieben ist, ist auch andererseits der Anteil von Juden an der Fabriksproduktion, als Lohn Arbeiter, als Wert^rzeuger so geringfügig, dass man ihn beinahe ignorieren kann. So zum Beispiel ist der Perzentsatz der jüdischen arbeitenden Klasse zu der gesamten jüdischen Einwohnerschaft in der nordwestlichen Provinz 1-83, in der südwestlichen 0 9, in der südlichen 0.73, was also im Durchschnitt l°/0 der gesamten Judenzahl ausmacht, was mit den Angaben des Dr. Gurewitsch f,Haschiloaha: „Die ökonomische Frage" etc. [hebräisch]) übereinstimmt. Ich brauche nicht die Ursachen dieses so geringen Anteils der Juden an der Fabrikation erst aufzudecken. Wer das Leben der russischen Juden mit all den Einschränkungen, Verboten etc. auch nur ein wenig kennt, wird es von selbst einsehen. Während also die jüdischen Kapitalisten an der kapitalistischen Produktion keinen Anteil nehmen, nehmen die jüdischen Proletarier keinen Anteil an der industriellen Arbeit und auch die wenigen, die daran teilnehmen, sind meistens ungelernte, zufällige Arbeiter (unskilled labourers). Werfen wir nur, um unsere Darstellung zu vervollständigen, einen Blick auf zwei andere Länder, wo sich Juden anzusammeln beginnen : England und Amerika. Die Lage der Juden in London, in dem East-End, im Judenviertel Whitechapel ist durch das Buch von Doktor Leonty Solowejtschik: „Un Proletariat meconnu* bekannt worden. Nach seiner Schilderung*) ist die Lage der Juden charakterisiert durch 1. die Unregelmässigkeit der Arbeit (es vergehen sechs Monate ohne Arbeit; 2. die ungemein hohe Zahl der Arbeitsstunden (18—20); 3. Den Hungerlohn (starvation wages) und 4. das Sweating- System. Also alle Segnungen der kapitalistischen Wirtschaft. Dasselbe, wenn auch in etwas linderer Form ist auch in Amerika der Fall. (Vgl. Riis: „flow the other half livesa). So stehts mit der ökonomischen Lage der Juden in den in jeder Hinsicht fortgeschrittensten Ländern der Erde! Aber sind die Juden trotz ihrer grässlichen Lage wirkliche proletarisierte Arbeiter? Kann man sie zu dieser Klasse zählen? Die Erfahrungen lehren uns, dass sowohl in England als auch in Amerika die jüdischen Arbeiter eben die wahren »unskilled labourers" sind, Gelegenheitsarbeiter, die zu Arbeiten zu greifen gezwungen sind, zu denen sie weder befähigt noch berufen sind. Hutchins Hapgood sagt in seinem schönen Buche „The spirit of the Ghetto" (S. 239): „Ein „Mister" in Russland wird ein „Schister" (Schuster) in Amerika und ein „Schister" in Russland wird ein „Misteru in Amerika."' Dieser Witz ist höchst charakteristisch für den jüdischen Arbeiter in den anglo-sächsischen Ländern. Menschen, die im kleinbürgerlichen Ideenkreise aufgewachsen und erzogen sind, können sich auch trotz der materiellen ungünstigen Umstände nicht an ihre Lage gewöhnen, kennen kein Kiassenbewusstsein, da sie sich nicht zum Arbeiterstande dauernd bekennen wollen, sie streben bei der mindesten Gelegenheit auf die höhere soziale Stufe, die des Kleinbürgers, emporzuklimmen; Ja, auch als Arbeiter ist der Jude auch meistens kein Fabriksarbeiter, sondern ein modifizierter Handwerker. Ich stehe am Schlüsse meiner kursorischen Betrachtung der ökonomischen Struktur des jüdischen Volkes. Ich erhebe nicht den Anspruch, ein vollständiges und bis auf die Einzelheiten getreues Bild entworfen zu haben, dazu fehlt noch eine genaue jüdische Statistik und eine jüdische Wirtschaftsgeschichte, aber unser Hauptziel war nicht etwa die Schilderung der jüdischen Lage, sondern die Beantwortung der Frage: Gibt's im Judentum auch Klassen und Klassenkämpfe oder nicht? Und die Antwort, wie aus dem Obigen hervorgeht, ist eine verneinende. In allen Geschichtsperioden des jüdischen Volkes, Altertum, Mittelalter und Neuzeit, haben wir dieselbe Erscheinung beobachtet und sie als Schlüssel zur Erklärung des sozialen Lebens der Juden gehandhabt, dass die wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Volkes keine normale, *) Vgl, Henri Dahan: Le Proletariat juif auondial in Revue Blanche, 15. october 1901. keine abgeschlossene war, die Form wurde immer wieder durchbrochen und das Plasmamaterial bildete einen formlosen Klumpen. Da di» Prämissen, die zur Bildung der kapitalistischen Wirtschaft, also eigener Boden. Expropriation desselben durch Wenige, Bildung des Bürgerstandes, des „tiers etat" u. s. vi. bei uns fehlten, so konnten auch die notwendigen Ergebnisse nicht folgen, dass heisst die Entstehung einer kapitalistischen Bourgeoisie und eines mittellosen, dienstbaren Proletariats. Wenn ich behaupte, es gebe kein jüdisches Proletariat, irill ich damit nicht etwa sagen, es gebe keine jüdischen Proletarier! Aber ich spreche nicht von den Millionen Emterbter, Elender, Hungernder, die sind wohl Proletarier und noch mehr als dies im vulgären Sinne des Wortes, ab^r nicht im ökonomischen : „Unter „Proletarier" ist ökonomisch nichts anderes zu verstehen, als der Lohnarbeiter, der Kapital produziert und verwertet und aufs Pflaster geworfen wird, sobald er für den Verwertungsprozess des „Monsieur Capital" überflüssig wird." So Marx („Kapital" I. 630 Note). In diesem marxistischen, wissenschaftlichen Sinne des Wortes kann man die Juden kein Proletariat nennen, sie sind ganz einfach »etres declasses", ieklassierte Wesen". Es iate kein enger Doktrinarismus, der diese Unterscheidung zu machen gebietet, es ist keine theoretische Wortklauberei, da doch, ob wir die Juden zu diesem oder jenem Proletariertypus stempeln , das eine feststeht, dass sie Hunger leiden. Die genaue Unterscheidung, lie Analyse des wirtschaftlichen Baues des jüdischen sozialen Organismus hat für uns insoferne Bedeutung, als sie uns den prinzipiellen Unterschied zwischen der sozialdemokratischen Lehre und der unseren, der zionistischen s«igen. Wie man sich auch zur Sozialdemokratie verhalten mag, als begeisterter Anhänger oder schroffer Gegner, immerhin raass man es nüchtern zugeben, dass die sozialdemokratische Doktrin den jüdischen Verhältnissen nicht angemessen ist. Die sozialdemokratische Partei, wenn sie nur die Allaren einer kämpfenden Partei auf einen Moment ablegen und nüchtern die Judenfrage sine ira et studio betrachten wird, wird anerkennen müssen, dass hier weder ihr Internationalismus, an den schon übrigens keiner mehr glaubt, nocli die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu ihrer Loiting führen kann. Sozialdemokratie und Zionismus sind keine feindlichen Parteien, aber auch keine verwandten, sie sind grundverschieden voneinander und ihre Wege kreuzen sich nicht. Die Sozialdemokratie hat eine Gesellschaftsform zur Grundlage, zur Voraussetzung und Daseinsberechtigung, der Zionismus feine andere. Und es ist doch eine logische Wahrheit, dass, wenn die Ursachen zweier Dinge verschieden sind, immer die Folgen verschieden sein müssen. Soweit das Verhalten des Zionismus zur Sozialdemokratie, seine negative Seite. Diese aber schliesst implicite schon die positive ein. Ist der Zionismus anderen Bedingungen, entsprossen, durch andere ökonomische Verhältnisse h«eivorgerufen, so muss. er auch eine positive, soziale Lehrs darstellen, die, wenn auch nicht ganz klar sich entwickelt Utat, in ihren Umrissen schon entstanden ist. Und diese Betrachtung, die des positiven Inhaltes des Zionismus als soziale Erscheinung — wird den Gegenstand unserer nätlisten Artikel bilden. A. Coralnik. P. T. Wegen Raummangel erscheint die Fortsetzung des Artikels von Dr. S. Mir k in: „Das Wesen der jüdischen Nationalität" erst in nächster Nummer. Avis! Wir ersuchen unsere geehrten Leser und Abonnenten, wridie mit der Einzahlung der Pränumerationsgebühr noeh im Rückstände sind, um möglichst umgebende Einsendung derselben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Spornten. Für den jüdischen Nationaiionds: K Verein „ScLochrei Zion", L.............. 239.34 „Agudas Ziwi", Brai ... . ............ 251.30 Lia und Wolf Posnjak, N ...... N......d . . . 240 — „Chowewe Zioii Association", Cork . . . .... . . 240.—

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