Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Article
- Der Zionismus als soziale Erscheinung
- Date
- 1903-01-30
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die fr Weif* «5 5 lieh nur im westlichen Europa und nur in gewissem Sinne —- nämlich die mächtige Entwicklung der Bourgeoisie. Wenn Sombart in seinem Buche „Der moderne Kapitalismus" behauptet, die Juden wären „der Sauerteig in der Bildung der kapitalistischen Gesellschaft" gewesen, so hat er in gewissem Sinne Recht Der Handel namentlich im Mittelalter und an der Schwelle der Neuzeit befand sich beinahe ausschliesslich in den Händen von Fremden, der Juden,Lombarden u. s. f., was aus der Geschichte der Entstehung des Handels erklärlich ist. Der Handel ist in primitiven Gesellschaften, wo jedermann alles für den eigenen Bedarf, produzierte, wo noch kein Austausch, keine Produktion in ausgedehntem Masse stattgefunden hat, nur durch Vermittlung der Fremden möglich geworden. So ist auch in vielen Sprächen, zum Beispiel in den slavischen, das Wort „Fremder" mit dem „Kaufmann" gleichlautend („Gostj".) Aber wenn die Ansieht Sombarts in einer Beziehung richtig ist, so ist sie es nur in der negativen; die Rolle der Juden in der Entwicklung des Kapitalismus war höchstens eine auxiiiäre. Grosse selbständige jüdische Handelshäuser wie zum Beispiel das der Fugger, der Welser gabs unter den Juden nicht. Die Juden waren wirklich nur ein Sauerteig, ein Gährstoff, der aber das Hinzukommen von stärkehaltenden Stoffen erfordert, um zu geniessbarem Brot zu werden. Diese Stoffe, diese Elemente, aus denen ein normales, gesundes Volk besteht und die eine regelmässige staatliche und wirtschaftliche Entwicklung auf eigenem Grund und Boden voraussetzen, fehlten gerade dem jüdischen Volke. Dass aber aus Sauerteig, aus Gährstoff, um unseren Vergleich weiter zu führen, bei Ermangelung allerübrigen Daten, nichts organisches, vollendetes sich herausbilden kann, wird wohl einem jeden aus der täglichen Erfahrung bekannt sein. Also, wie gesagt, die Juden traten gleich mit ihrer staatsrechtlichen Emanzipation in eine Zeit ein, welche für die Wirtsvölker den Beginn der kapitalistischen Phase bedeutete. Und waren die Juden befähigt in den sich abspielenden gewaltigen Geschichtfp?oze.«*s einzugreifen und daran aktiv teilzunehmen? Unsere obige summarische Darstellung der jüdischen Wirtschaftsgeschichte hat uns gezeigt, dass die Juden nicht mit der ökonomischen Entwicklung der europäischen Länder gleichen Schritt hielten und wenn in das wirtschaftliche Leben Europas in einemfort heterogene, atavistische Wirtschaftsformen hineingreifen, wie es Marx im Vorwort zum * Kapital" gesagt hat, so sind die Juden der schlagendste Beweis dafür: Wenn .wir das ökonomische Leben der Juden in der Gegenwart untersuchen wollen, so stossen wir auf sehr viele und beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten. Denn — abgesehen schon von dem Mangel an Material und statistischen Angaben —besonders ,aus den früheren Jahren muss man für die Juden jedes Landes einen anderen Maspstab anlegen und sie unter einem anderen Gesichtswinkel betrachten, denn notwendigerweise sind die Juden Englands ökonomisch anders geartet als die des wirtschaftlich zurückgebliebenen Russlaifä. Und aus diesem Grunde werden wir nur. die Länder in , Betracht ziehen,, wo die Juden am zahlreichsten vertretet sind -»-V und zwar die deutschen und die slavischen Länder. Wenden wir uns zuerst dem wirtschaftlich hochentwickelten Deutschland zu.Nach den Angäben desH. Arthur Ruppin in seinem bekannten Artikel über die „Soziale Lage der Juden in Deutschland" haben in Deutschland überhaupt eine gewerbliche Beschäftigung 24,252.399 Personen, welche sich auf die einzelnen Zweige folgendermassen verteilen: Es treiben Ackerbau: 8,292.692. darunter Nichtjuden 337J; Industrie: 8,281.220, 'darunter Nichtjuden 8,235.227. Juden 45.993; Handel: 2,338.511, darunter Nichtjuden 2,205.060, Juden 133.451; Lohnarbeit: 432.491, darunter Nichtjuden 431.602, Juden 889 u.s.w. Auf jede 100Menschen in j^ier Profession kommen also auf den Ackerbau 0 04 Perzent Juden, Industrie 0 55 Perzent, Handel 571 Perzent, Lohnarbeit 0*21 Perzent; von 100 Arbeitern überhaupt befinden sich in diesen Professionen : Ackerbau 138 Perzent Juden, Industrie 18 80 Perzent, Handel 54-56 Perzent, Lohnarbeit 0-36 Perzent. Ferner sind die Perzentverhältnisse; der abhängigen Arbeiter zu den selbständigen Meistern folgende: Auf hundert professionelle Juden überhaupt kommen: Selbstßt. Angestellte Arbeiter Ackerbau 0*88 0-04 0-92 Industrie 1241 . 3-05 9-20 , Handel 43-32 8-20 20-98 Zusammen .57*61. .11-29 . .31 10 Die meisten Gewerbe, in denen die Juden am stärksten yertreten sind, sind die Kleidermacherei und -Putzerei (8*63% der Gesamtsumme der Gewerbetreibendem), dann Bäckereien und verwandte Gewerbe (S'Bl°l0), Schankwirtschaften (2-45#/0) u. s. w. ' Kurzum die Statistik der jüdischen Bevölkerung Deutschlaads belehrt uns, dass die deutschen Jaden in ihrer ökonomischen Entwicklung bei weitem hinter der allgemeinen Entwicklung Deutschlands zurückgeblieben sind. Der Verfasser des zitierten Artikels wefst selbst die Nachwirkung der mittelalterlichen, der Emanzipation vorausgehenden Epoche auf das jüdische Leben nach. In Deutschland gehören die Juden in überwiegender Anzahl der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum an und sogar die jüdischen Sozialdemokraten werden nur aus diesen Reihen geworben, wie es schon einmal Guglielmo Ferrero in seinem Buche „L'Europa Giovane" scharfsinnig bemerkt hat. Dasselbe, was wir von Deutschland gesagt haben, ist auch beinahe für die übrigen deutschen Länder giltig. Nehmen wir ein anderes Land, wo die Juden sehr zahlreich hausen, nämlich Galizien. Die Notlage daselbst überhaupt und die der Juden insbesondere ist zu Genüge bekannt und ich möchte zur kurzen Schilderung des ökonomischen Baues der dortigen Judehschaft einem neuen sozialdemokratischen Beobachter der galizischen Verhältnisse, das Wort erteilen. (Vergl. Karski: „Reisebilder aus Galizien", „Neue Zeit" 1902, Nr. 22—24). „Die geringe Entwicklung des Verkehrs ist an sich schon ein Beweis dafür, dass Galizien noch mitten drin steckt in der Naturalwirtschaft . . . Gewerbliche Tätigkeit ist so gut yrie gar nicht vorhanden — ein paar hungerleidende Handwerker, das ist alles. Das Gros bilden die Juden, von denen bisher wohl noch niemand festgestellt hat, wovon sie leben. In der Berufsstatistik erscheinen sie als „Hand eltreib ende" u. s. In einem solchen Lande ist von^einer kapitalistischen Produktion, von Proletariat im~ Gegensätze zur Bourgeoisie nicht zu sprechen, es ist eine contradictio in adjecto. Kehren wir uns dem klassischen, wenn man so sagen darf," Lande der Jüdennot — dem russischen Reiche — zu. Während Deutschland eines der ökonomisch entwickeltesten;U\nd einheitlichsten Länder des europäischen Festlan des ist, bildet Rüssland sein volles Gegenstück. In Russland, sagte I s s a j e w in einem seiner Artikel, kann man binnen weniger Tage der Reise von Ost-Sibiren bis zur preussischen Grenze in Russisch-Polen wie in einem Kaleidoskop alle Wirtschaftlichen Formen und Zwischenstufen beobachten, von der primitivsten Naturalwirtschaft bis zur fortgeschrittensten, kapitalistischen. Und auch hier stehen die Juden trotz ihrer gewaltigen Bedeutung, die sie als Vermittler für den Handel Klein- und auch Grossrusslands haben, auf einer sehr niedriger, unorganisierten, innerlich widerspruchsvollen Ökonomischen Entwicklungsstufe. Ihre Hauptbeschäftigung ist wie überall der Handel und erst in zweiter Linie Industrie und Gewerbe. Aber alles, sowohl die jüdischenHandelshäuser, als auch die industriellen Anlagen, sehen so kümmerlich, so zwerghaft aus, dass es nur Wunder nimmt, wie in einem volkswirtschaftlichen Zeitalter, wie es das unsere ist, der Wahn vom Reichtum des jüdischen Volkes noch hie und da her < umspuckt. Schon der alte Mc. Culloch hat mit Recht bemerkt, dass das jüdische Volk das ärmste ist. ..j Aus den Angaben der russischen Statistiker, die leider nicht zahlreich und nicht erschöpfend sind, erfahren wir, dass in den drei Provinzen, die den Ansiedlungsrayon bilden, nämlich der nordwestlichen, südwestlichen und südlichen das Verhältnis der jüdischen Fabriken zu den nichtjüdischen nach den offiziellen Daten folgendes ist1): In der hordwestlichen 480/o, in der südwestlichen 33% und der südlichen 237<>- Die jüdischen Fabriken sind die am meisten in technischer Hinsicht zurückgebliebenen, so dass die Fabriken ohne Motoren, dass heisst vielmehr fortgeschrittene Werkstätten erheblich zahlreicher sind als die eigentlichen Fabriken mit Motoren. „Die relativ schwachen Betriebe der jüdischen 'Fabriken kommen vom Mangel an grossen Kapitalien bei .den Juden her; wir begegnen hier derselben Eigentümlichkeit wie beim jüdischen Handel: das Zirkulationskapital ist unproportioniert gross im Vergleich mit dem Grundkapital. Die Juden selbst betreiben meistenteils nicht f) Vgl. J. Bl?och: „Sravnitelnaja Statistika". JF.rumkin: „Utschastie jewrejew w fabr-sawodsk prois wodstwe,« „Woskhod'SX—XI, 1901 . .