Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Article
Der Judenvogt
Date
1903-01-30
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316024-3328213--37169-3328417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bedaction und Administration: WIEN IX., Tflrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, londern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Tfirkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werten nicht angenommen und ManuscrlpU nüctl zurückgesendet Sprechstunden der Redaction täglich von 1/3I2—7,1 Uhr. ♦ Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tmtit Oer Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich- Ungarn: ganzjätoorig Kr. 12.r-, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 5. Wien, 30. Jänner 1903 — 2. Schebat 5663. 7U lahrgang Der Judenvogt. Jede Judengemeinde des Mittelalters stand unter der Herrschaft eines Judenvogtes, jenes strengen Herrn, dessen Walten selten anderes als Qual und Tod für die Beherrschten bedeutete. Der Judenvogt, der unerbittliche, ist wieder ein Vogt mit einem Wirkungskreise von Meer zu i Meer. Es ist der Hunger. Erbarmungslos zwingt er die Beherrschten nieder in den Tod, Verbannung und^ Sklaverei. Ganz gewiss wollen wir nicht übertreiben, Wir drucken nur nüchtern eine nüchterne Zeile von neun Worten nach, die im Protokoll von der letzten Plamburger Sitzung des Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, jüdische Abteilung, auf der 18, Seite zu lesen ist; beim Worte Hungertyphus stekt ein Stern und die Anmerkung zu diesem Worte lautet: An 5000 Juden sterben jährlich in Galizien daran weg. Es steht nicht: In Galizien und in Russland und in Rumänien. Und was in panikartiger Flucht vor« dem luden* vogt unverschuldeten Zwang erniedrigender Bettelei dem Aeussersten vorzieht — gehen sie freudiger, ungezwungener in die Verbannung, als seinerzeit die Juden auf herrischen Befehl? „200, 300 jüdische Auswanderer sind gestern durchgereist;!" ist eine allwöchentliche Notiz der hauptstädtischen TagesMätter. Die vielen Akte des Dramas: vom Hunger keller in Russland bis zur Schwitzstube Londons und Amerikas, haben die Juden Westeuropas abgestumpft und sie empfinden nichts mehr dabei als die Genugtuung, ihr Land vor der heischenden Armut gesperrt zu wissen. Vor nicht langer Zeit schlug alles, was in Mitteleuropa gefühlvoll ist, die Hände über dem Kopfe zusammen: In Korea, sagten die Zeitungen, sei die Hungersnot so entsetzlich, dass Mädchen um ein Nichts von ihren Angehörigen verkauft werdem oder sich selbst um eine Mahlzeit als Sklavinnen verkaufen. Viel gleichmütiger und unscheinbarer, aber gleichen Inhalts war eine jüngere Notiz und lautete: Der Mädchenhandel ist in letzter Zeit auffallend erstarkt; sein Hauptmaterial holt er aus Marokko und dem östlichen Europa. Das Traurige braucht nicht erst gesagt zu werden — wir sprechen von eigenem Unglück* „Die Ein* flüsse der Vernichtung und Verwahrlosung umschleichen unsere Glaubensgenossen im Osten14, heisst es in der erwähnten Broschüre, »erschüttern sie bis ins Mark und drohen sie völlig zu verderben/ Der Judenvogt feiert Triumphe. Er hat eine heilige Tradition des Juden, die Reinheit seines Weibes, den Stolz der Nation durchbrochen. Keine Anklagen, nein, keine! „Der menschenunwürdige Druck," heisst es weiter, „unter dem die Juden des Ostens seufzen, hat es zu den jetzigen Zuständen gebracht/ Schwache Worte für die Not, die aus den Ghettos des Ostens, aus den Stätten berühmter Familienliebe, berühmter Sitten* reinheit, den Hauptherd des Mädchenhandels gemacht hat! Der Haushalt jedes modernen Staates verlangt Riesensummen zum Schutze des kostbarsten Kapitals jeder Nation, des Menschen. Ueberall wird gegen den Alkohol, gegen ansteckende Krankheiten gerüstet. Unser Volk hat bessere Gesundheit und wenig zerstörende Leidenschaften. Stärker als diese wirkt aberdie Not. Aergeralsdie Tuberkulose bei den anderen Völkern wirkt der Typhus, ärger als der Alkohol der Mädchenhandel. Dreistellige Ziffern bezeichnen die Anzahl der besonders lebens* fähigen Individuen, die letzterer alljährlich in die Sklaverei zügelloser Völker und zu frühem Ende treibt» Welche Gegenmassregeln sind dagegen zu ergreifen? Wir haben vom erwähnten* Komitee eine Einladung zur Mithilfe erhalten. In dieser Zuschrift liegt insoferne eine kleine Naivetät, als wir uns die Bemerkung erlauben können, dass in den Zweige komitees der betreffenden Zentrale unseres Wissens an Zionisten kein Mangel ist. Wünschen die Herren ein Eingreifen unserer Korporationen — keine zionistische Landesorganisation hat jemals eine Arbeit für das jüdische Volk abgelehnt. Das Komitee möge alle wünschenswerten Arbeiten, Broschürenverteilung, Aus* künfte* Warnungen, Asyleinrichtung ohneweiters verlangem Aber wir erlauben uns, unsererseits eine Einladung an das Komitee und alle diejenigen, die seine Bestrebungen unterstützen, zurückzugeben. Seine und unsere Wirksamkeit reicht derzeit nur hin1 besten*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.