Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Article
- Der Zionismus als soziale Erscheinung
- Date
- 1903-01-23
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316021-3328069--37063-3328155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
jüüü „Dir # Welt*« Nr. 4 ^11<s^i>tscbaff1icbev ^eil. Der Zionismus als soziale Erscheinung. I. Der Klassenkampf im Judentum. (Fortsetzung.) Der politische Ausdruck dieses ökonomischen Untergrundes war die eigentümliche Staatsverfassung des jüdischen Volkes. Volle, zügellose Freiheit nach unten und ein strenges, aljes beherrschendes Prinzip nach oben — eine „völlige Anarchie, deren Ergänzung die Theokratie war" (Wellhausen 1. c. 16). Aber auch in Juda (ich gebrauche diesen Namen als Kollektivnamen für Judäa und Israel) begann bald das Gesetz des ökonomischen Lebens, der Kampf ums Dasein, der Kampf um den Futteranteii und um den Futterplatz, wie es Werner Sombart drastisch bezeichnet, sich zu offenbaren. Es wiederholte sich das ewige Drama : die Stärkeren dehnten und reckten sich, bereicherten sich und unterdrückten die Schwächeren, die Aermeren. Schon damals vernahm man die warnenden Stimmen der Propheten, hörte man ihre bitteren Klagen, die uns in grellen Farben die damals vor sich gehende Umwälzung im wirtschaftlichen Leben des jüdischen Volkes schildern. „Wehe denen, die Haus an Haus rücken und Feld an Feld reihen, bis kein Raum mehr da ist, dass sie allein das Land besitzen," so rief Jesaia (K., 15,V. 8) aus. Glaubt man da nicht einen modernen Nationalökonomen sprechen zu hören, der auf die Expropriation des Bodens als auf das Hauptübel, die soziale Erbsünde hinweist? Und eine andere Seite der damaligen Wirtschaftszustände deckt uns der klagende, elegische Prophet Jeremias (Kap. 34, V. 6—16) auf, indem er gegen die Sklaverei, die neue, dem alten Geiste des Judentums unbekannte, oder von dem mosaischen Gesetze nachdrücklich verpönte Formen angenommen hat, mit Entrüstung und Ingrimm eifert. Und es war ganz natürlich. Die Juden sind in das soziale Stadium eingetreten, das jede ackerbautreibende Gesellschaft früher oder später durchmacht, In dem Momente aber, wo die in den Tiefen des gesellschaftlichen Lebens lagernden Keime nahe daran waren, sich weiter zu entwickeln und Früchte zu erzeugen, da brach über das jüdische Volk ein schweres Unglück herein, welches das ganze Volksieben aus den Angeln hob, es revolutionierte. Dieses Unglück war die erste Zerstörung des jüdischen Reiches durch Nabuchodonossor. Wie bekannt, führte er die reichen, besitzenden jüdischen Familien nach Babylon ins Exil und liess in Palästina die ärmeren, bedürftigen Leute, die sich auf dem nunmehr leeren Boden ansiedelten und ihn in Besitz nahmen. Als dann die Wiederherstellung des jüdischen Reiches erfolgte, waren die Bedingungen andere geworden. Sie waren nicht die natürliche, folgerichtige, geschichtliche Fortsetzung und Weiterentwicklung der früheren wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern eine Neuschaffung. Wieder begann nun ein Prozess der Entwicklung nach einer anderen Richtung in der Mitte des jüdischen Volkes. Der Reichtum schwoll auf der einen Seite an, auf der anderen wuchs die Armut. Der Grossgrundbesitz nahm neue Formen an, gestaltete sich immer mächtiger, der damals aus diesem Grunde entstandene jüdische Handel schuf neue ökonomische Bedingungen, wie es aus den zu dieser Zeit entstandenen Gesetzen ersichtlich ist. Die Einführung des Wechselrechtes, die Regelung des Verhältnisses zwischen Grundbesitzer und Pächter, die berühmte Institution der Prosbule, die eine Milderung des aus der mosaischen, aus den Zeiten des]Agrikulturstaates stammenden Verbotes der Zinsenanleihe bildet, alle die Vorschriften, die nachträglich in der Mis ch na kodifiziert wurden, zeugen dafür, dass Palästina aufgehört hatte, ein rein agrarischer Staat zu sein und zu einem handeltreibenden, industriellen wurde. Und wieder begann die soziale Frage sich in ihren dunklen Umrissen zu erheben, noch waren ihre Züge verschwommen, noch hatte sie ihren Ausgang nicht gefunden, aber sie war schon im Entstehen. Aber auch diesmal erlag der Jude seinem fatalen Geschick, das damals mit ihm unzählige Völker des Morgen- und Abendlandes teilten, es wurde vom römischen Koloss zerschmettert. Dieser gewaltige Schlag übte auch einen entscheidenden Einfluss auf die ökonomische Struktur des jüdischen Volkes aus. Ich möchte, ein wenig vorgreifend, die wirtschaftliche Geschichte der Juden an der Hand einer Analogie, die dem Reiche der anorganischen Natur entnommen ist, was selbstverständlich keine Erklärung, sondern nur ein Vergleich ist, erläutern. Bekanntlich werden Kristalle durch das Aneinanderreihen, die Juxtaposition der Moleküle einer gegebenen Substanz, die infolge chemischer oder physikalischer Eigenschaften die Tendenz besitzt, sich nach einer gewissen Richtung und in eine gewisse Lage zu schichten, gebildet. Dies ist aber nur der Fall, solange der Verlauf normal, ungestört ist; wird aber die Bildung des Kristalls durch verschiedene äussere Ursachen gestört, so entstehen Missbildungen, hemimorphe (halb ausgebildete) oder amorphe (formlose) Körper. Hier gelten die Gesetze der Symmetrie nicht mehr, das System widerspricht sich selbst. Dieser Erscheinung begegnen wir auch bei der Bildung des sozial-ökonomischen Baues des jüdischen Volkes. Von Stürmen durch alle Lande gepeitscht, gejagt, in ewiger Unsicherheit für den kommenden Tag schwebend, seiner Habe nicht sicher, ausgeschlossen beinahe von jeder produktiven Beschäftigung, konnten die Juden nicht ökonomisch ausreifen, sie^konnten keine relativ geschlossene, zu Ende entwickelte Gesellschaftsordnung heranbilden,, sie blieben Missbildungen, soziale Hemimorphien. Beobachten wir die soziale Struktur des jüdischen Volkes während seines ganzen Exillebens,Welcher Betrieb blieb den Judennach der Aufiösungihres Staates übrig? Ackei - bau, wo es möglich war, und Handel. Und auch hier, wie aus dem folgenden erhellen wird, konnte es keinen Anlass zur Bildung von Klassen im Schosse des jüdischen Volkes geben. Da das den Juden zur Verfügung gestellte Land sehr klein war, weil ihnen nur in den einheimischen Provinzen Palästinas und Syriens das Recht auf Grundbesitz gewährt wurde, konnte kein Grossgrundbesitz entstehen, wenigstens nicht im gleichen Masse, wie es zu gleicher Zeit in Rom geschah, wo das System der Latifundien, welches, um mit Plinius zu sprechen, Rom ins Verderben stürzte (latifundia perdidere Romam), schon die freie Bauernschaft aufgehoben und zur Bildung einer neuen Klasse von Leibeigenen, der „Coloni", die [teils aus den früher freien Bauern, teils aus der Resevearmee des Lumpenproletariats, das bisher auf Kosten der imperialistischen Habgier Roms oder der sich abwechselnden, um die Herrschaft ringenden Demagogen lebten, geworben waren. Da also kein Grossgrundbesitz in Palästina war, gab's deshalb auch kein Korrelat, d. h. kein Proletariat Dasselbe kann man auch von dem anderen jüdischen Erwerbszweig zur damaligen Zeit, dem Handel, sagen. In den ackerbautreibenden Provinzen selbst sehen wir ein typisches ökonomisches Leben sich abspielen, das sich