Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Zwei Reden von der letzten Generalversammlung de Palästina-Kolonisations-Gesellschaft
Date
1903-01-23
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316021-3328033--36987-3328148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 4 JOte' & Weit06 Seite 5 für die Welt besser, als mehr Farben auf dem Weltbilde sichtbar werden, und ihre Abwechslung und Mischung wird die herrlichste Komposition liefern. Darnach strebte eben das XIX. Jahrhundert. Es ist ja wahr, dass die soeben befreiten Völker andere noch nicht befreite unterdrücken, aber wo man Holz hackt, da fallen Späne. Allerdings ist es ein arger Verstoss gegen die Idee des wahren Nationalismus, der alle befreit. Noch lechzen viele Völker mite uns nach Freiheit und wir fühlen mit ihnen. Aber zuversichtlich hoffen wir, dass die Prinzipien des XIX. Jahrhunderts so lange fortdauern werden, bis alle Völker das fremde Joch abgeschüttelt haben. Dieses Prinzip der nationalen Freiheit ist nicht neu, sondern schon unsere Propheten waren keine Kos-inopoliten, wie viele behaupten, sondern sie waren Universalisten. Sie verlangten bloss, dass die einzelnen Nationalitäten nicht miteinander kämpfen, nicht einander vernichten., sondern dass jedes einzelne Volk an seiner Selbstentwickluig arbeite und mit anderen .Völkern brüderlich lebe. Dahin streben auch alle hervorragenden Geister der Neuzeit. . Der beste Beweis dafür, dass das XIX. Jahrhundert wirklich das Jahrhundert der nationalen Wiedergeburt ist, ist nämlich die gegenwärtige Geschichte desjenigen Volkes, welches auf der ganzen Erde zerstreut ist, die verschiedensten Sprachen spricht, verschieden gekleidet ist, die Geschichte des ewigen Ahasver, des jüdischen Volkes. Wir sehen nämlich bei diesem Volke wiederum das & treten zur Erhaltung seines selbständigen Ich. Dieses Slreben ist nicht neu, dieses Streben ist so alt wie die Geschichte der jüdischen Wanderschaft. Noch auf den Trümmern des zerstörten Tempels schwuren die üeberlebenden : -jn^« nstfn tybvw* »Wenn ich dein vergesse, o Jerusalem, so verdorre meine Rechte!" Sie schwuren, ihreFationalität nie zu vergessen, geschweige denn zu verleugnen. Dieses Streben fand in verschiedenen Formen Ausdruck : im Kampfe Bar-Koehbas, in den Liedean Jehuda Halevys u. s. w. Alle erstrebten sie die Erhaltung und Stärkung ihres Volkes, die Erhaltung seiner nationalen Kultur, die Entwicklung derselben und das Erwachen aller schlummernden Kräfte zum Zuge in die Heimat. Das XIX. Jahrhundert entwickelte in Europa ein neues Leben und die Bestrebungen des jüdischen Volkes bekamen neue Forjnen. Zuerst fingen einzelne Personen über diese Bestrebungen zu sprechen und zu schreiben an; die Byron, Beaconsfield, Eliot, Kolischer, Hess irnid andere traten für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf. Aber zu einer grossen Bewegung hat man die Masse nötig. Um diese aufzuiütteln, war ein Sturm, eine Explosion nötig, die aber nicht lange auf sich warten liess. Durch die Steppen Südrusslands, durcL die der Sturm ohne Hindernisse braust, ging ein zerstörender Orkan, rüttelte die Massen aus ihrem lethargischem Schlafe, und es begannen die Palästinä-Kolonisations- und die zionistische Bewegung. Dieses Streben nach nationaler Wiedergeburt und nach tiefer innerer Entwicklung seines selbständigen Ich, welches den Zionismus bildet, ist ohne Nationalismus undenkbar, der Nationalismus ohne Zionismus ist (im Fundament ohne Dach, der Zionismus ohne Nationalismus ein Dach ohne Fundament. Ein Nationalist, der keim Zionist ist, ist ein Ghettokind, das es nicht wagt, die ihm gebührenden Rechte zu fordern, ein Zionist, der keim Nationalist ist, ist ein Mann ohne festen Boden. Wie eime Welle ging die Bewegung durch die Welt, entwickelte einen heftigen Kampf und ergriff alles, was im Wege stand. Ich will hier nicht auf alle Argumente eingehen, welche unsere Gegner gegen unsere Bewegung aufstellen, aber auf eines davon will ich wohl antworten. Unsere Gegner sagen: Es ist noch nie vorgekommen, dass ein V»lk selbstbewusst aus einem Lande geht, um an einer bestimmten Stelle ein Reich zu gründen. Meine Herren! Wohl ist es vorgekommen, dass das jüdische Volk zweimal, aus Egypten und aus Persien, wanderte, um in Palästina ein Reich zu gründen. Allerdings lasse ich die Antwort gelten: In Egypten gab es einen Moses; wo wollen Sie jetzt einen Moses finden, der das Volk führen sollte? Meine Herren! Solch einen Moses werden wir wohl haben, solch ein Moses nähert sich uns mit jedem Tage. Der Talmud sagt : rnm tPW naaa blptP rtüö Moses 600.000 Juden; drehen wir die Gleichung um und wir finden, dass 600.000 Juden einem Moses gleich sind, 600-000 Juden, die nach ihrem Lande zurück wollen, gleichen einem Moses, der sie hinführen könnte. (Stürmischer Beifall.) Meine Herren l Der Talmud sagt: «n^nia *ifcfc3 OIK pH n2L,n ^n!a Ein Mensch soll von dem anderen nicht scheiden, bevor er etwas erklärt hat. Auch i ch will das thun. Ich liebe es, viel zu lesen und besonders das Buch der Bücher — die Bibel, und da liebe ich besonders den Propheten Jeremias. Ich kann sagen, alle seine Klagen sehe ich jetzt vor meinen Augen. Ich stelle mir das schmerzverzogene Gesicht Jeremias vor, wie es auf dem Bilde von B endemann uns vor Augen steht, ich sehe den gewaltigen Kummer, der dieses Gesicht durchzieht und ich sehe es im gegenwärtigen Leben des jüdischen Volkes. Einen ganz besonderen Eindruck machen auf mich seine Worte: mnrox 'pSW D^pTT JVX "to- Die lieben Kinder Zions umklammern den Sumpf. Das Wort „umklammern" ist hier etwas rätselhaft, es sollte heissen : „liegenim Schmutz", oder „fielen in den Sumpf. Aber eben darin steckt das grosse Unglück, dass sie eben den Sumpf wirklich umklammerten. Wenn jemand einen heftigen Schlag bekommt und zu Boden geworfen wird, aber er weiss und fühlt, wo er sich befindet und bemüht sich, vom Sumpfe herauszukriechen, so ist noch die Hoffnung vorhanden, dass es ihm gelingen wird. Wenn der Sehlag aber so stark war, dass er den Armen entkräftete, so jammert er laut und ruft um Hilfe. Aber gross ist das Unglück, wenn er den Sumpf lieb gewinnt, in welchem er sich befindet und nicht hinaus will. Vor ungefähr 1900 Jahren fiel das jüdische Volk vom Hieb getroffen, in den Sumpf und als stolzes Volk wollte es nicht im Sumpfe liegen und kämpfte für seine Freiheit; als aber seine Kräfte erlahmten, flehte es um Rettung. Aber vor 100 Jahren ging eine Sonne, eine falsche Sonne auf, beleuchtete den Sumpf, erwärmte ihn selbst ein wenig und das Volk gewann den Sumpf lieb, und statt um Rettang zu bitten, bat es, es im Sumpfe zu lassen. Wie traurig und schmerzvoll ist es, zu sehen, wie Menschen sich im Sumpfe befinden und nicht fühlen, wo sie sind. Aber uns kam die grosse Bewegung zuhilfe, die uns unsere Lage zeigte. Zum Schlüsse, meine Herren, will ich Ihnen noch eine alte talmudische Legende erzählen : Einst ging Rabbi Akiba mit seinen Jüngern nach Jerusalem. Letztere weinten DfctW jvat in bv UDer <*ie Verwüstung Zions, während Akiba jubelte. Sie kamen an die heilige Mauer und nur ein Fuchs, aufgeschreckt durch die Nähe von Menschen, regte sich. Noch stärker weinten die Talmudjünger, noch mehr jubelte Akiba. Die Jünger Akibas fragten ihn, warum er juble, er aber antwortete: „Warum weint Ihr?" „Wie sollen wir nicht weinen, wenn wir unser Bestes und Teuerstes vernichtet, unser Heiligstes zerstört sehen?" Da antwortete Akiba: „Wenn die erste Hälfte der Prophezeiung in Erfüllung ging, so wird auch die andere Hälfte in Erfüllung gehen und Jerusalem wird wieder aufgebaut werden." Das jüdische Volk, sagt ein russisch-jüdischer Geschichtsschreiber, ist die Achse der Weltgeschichte. Das jüdische Volk ist das Kamel, das man in die Wüste schickt, um Wasser und Nahrung für andere zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.