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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Das Wesen der jüdischen Nationalität
Date
1903-01-23
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 4 Inhalt besitzen. Was aber dieser jüdisch-nationale Lebensinhalt ist und woher er diese seine merkwürdige Erhaltungskraft schöpft, das wollen wir in den weiteren Abschnitten darlegen. (Fortsetzung folgt.) Schweizerischer Zionistentag. Am 21. Dezember hielt der Schweizerische Zionistenverbaiid im Hotel ,3ielerhof* in Biel seine diesjährige Generalversammlung (Zionistentag) ah, zu welchem jeder Verein auf je 10 Mitglieder , einen Delegierten entsendet. Vertreten waren 12 Vereine durch 39 Delegierte. Das Tagesbureau wurde bestellt aus den Herren Dr. Pasmanik (Genf), Präsident; Dr. Weitzmann (Genf), Vizepräsident und Moritz Levy (Basel )3 Aktuar. Ueber den Stand der zionistischen Bewegung in der Schweiz referierten die Herren Joel Weil (Basel), allgemeiner Bericht; Dr. Weil (Basel), Kasse und Dr. Levy (Biel) Nationalfonds. — Der Schweizerische Zionistenverband besteht am Ende des Jahres aus 13 Vereinen mit 600 Mitgliedern; die Zahl der Sehekelzahler beläuft sich auf etwas über 700 und hat gegenüber dem Vorjahre um zirka 200 zugenommen. Die Kasse zeigt einen Umsatz von annähernd 1500 Eres, und schliesst mit einem Aktiv-Saldo von 172 Frcs. ab. Unter den Einnahmen figuriert ausser den Mitgliederbeiträgen ein Posten von 50 Frcs. als Schenkung eines Herrn aus Biel. Bevor Herr Dr. Levy (Biel) sein Referat über den Nationalfonds erstattete, übermittelte er der Versammlung im Namen und Auftrage des Herrn Samuel Levy, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Biel, dessen herzlichen Willkomm und beste Wünsche für eine gedeihliche Arbeit. Während des Berichtsjahres flössen aus der Schweiz, mit ihren 12 000 jüdischen Einwohnern, etwa 2500 Frcs. ein. ein für das erste Jahr gewiss recht erfreuliches Resultat. Zum Vergleiche sei angeführt, dass aus der Schweiz für die ..Alliance israelite", die am meisten bedachte und am weitesten verbreitete Wohltätigkeitsanstalt, im Jahre 1901 4400 Frcs. zusammenkamen. Die vom Referenten vorgeschlagenen und einstimmig zum Beschluss erhobenen Resolutionen sind folgende: 1. Die Zentralstelle für die Ablieferung von Nationalfondsgeldeni soll für die Schweix beibehalten werden. Von derselben soll der Spendonausweis in der bisherigen Form, d. h. im „Israelitischen Wochenblatte** (Zürich) und der „Weif* beibehalten werden, dies in der doppelten Absicht der öffentlichen Kontrolle und der Agitation. 2. Sammlungen (Subskriptionslisten) sollen womöglich auch nächstes Jahr in sämtlichen Städten vorgenommen werden; wenn möglich jedoch nicht auf dem Zirkularwege, um die grossen Spesen zu vermeiden. 3. Das Büchsensystem ist in der Schweiz entschieden beizubehalten. 4. Zu leichterer Absetzung der Xationalfondsmarken ist jede zionistische Gruppe angehalten, zu Anfang des Jahres für eine bestimmte Summe Marken zu kaufen. 5. Jeder Verein möge es sich zur Pflicht machen, sich im Laufe des Jahres ins Goldene Buch eintragen zu lassen. Zugunsten des Xationalfonds wurde am Mittagsbankett das „Bensehen"* versteigert, wobei 01 Frcs. zusammenkamen. Ueber die im letzten Herbst in Wien stattgefundene Jahreskonferenz erstattete Herr Dr. Farbstein (Zürich) eingehenden Bericht, den zu skizzieren für die „Welt"' natürlich keinen Sinn hätte. Sehr interessant waren dabei die Ausführungen des Redners über die Gründe, welche ihn zur Ablehnung des Hochschulprojektes bewogen, und die von der Versammlung sichtlich gebilligt wurden. Der Kernpunkt dieser Ausführungen lag wohl in dem Satz: So lange der jüdischen Masse kein Brot gegeben werden kann, braucht die zionistische Organisation den Reichen keine Bildungsstätte zu schaffen, deren Erfolge — vorderhand wenigstens — doch nicht dem jüdischen Volke zugute kommen würden. Herr Dr. Pasmanik (Genf) referierte über ..Agitation"'. Er setzte auseinander, dass dieselbe in der Schweiz auf grosse Schwierigkeiten stesse. weil die Juden in der Schweiz mehr oder weniger zu der Behauptung l>erechtigt seien, eine jüdische Frage existiere für sie nicht. Es müsse sich deshalb vor allem darum handeln, klarzulegen, dass sogar in den Ländern, wie in der Schweiz, wo die Juden völlige Gleichberechtigung gemessen, eine Judenfrage vorhanden sei. Dies könne am besten unter Hinweis auf die Notlage des Judentums im Osten erreicht werden. -— Der Redner sprach auch über die osteuropäischen Studenten in der Schweiz, welche in der schweizerischen Agitation lebhafter mitwirken könnten^ Da die „Fraktion" vertreten war, wurde natürlich die Debatte eifrig und ausgiebig benützt zur Auseinandersetziuig der verschiedenen Prinzipienfragen, Herr Dr. Weitzmann (Genf) vertrat darin den Standpunkt, es möchte nur auf die Gewinnung von „Vollzionisten**' Wert gelegt werden; während Herr Auerbach. (Bern) sehr geschickt erwiderte, dass man. um den indifferenten Juden die zionistische Idee beizubringen, nicht „jtfafionalismus" zentnerweise auf sie schleudern dürfe und^ statt zu überzeugen,, sie über den Haufen werfe. Den schweizerischen Standpunkt vertrat Herr Dr. Merz (Biel) mit der Motivierung, dass die im Lande aufgewachsenen und mit den Verhältnissen durchaus vertrauten „Schweizer** Zionisten am besten, wissen, auf welchem Wege und durch welche Mittel sie die Stammesgenossen des eigenen Landes von der Notwendigkeit und der Berechtigung der zionistischen Bewegung überzeugen können. — Die Versammlung war der gleichen Ansicht und lehnte verschiedene Anträge, wie „Der Schekel darf nur von Personen angenommen werden, die sich als Zionisten dokumentieren" (!), und „Die Agitation für die materiellen Instrumente der Bewegung darf sich nur in Formen bewegen, die den nationalen Grundlagen des Zionismus entsprechen", mit überwältigender Mehrheit ab. Fast ohne Abänderung wurde ein der Versammlung vorgelegter Statuten-Entwurf angenommen, nach welchem die Organe des Verbandes den neuen Anforderungen angepasst werden. Als oberste Behörde fungiert nunmehr der Delegiertentag, welcher ordentlichenveise einmal jährlich stattfindet und zu welchem je 25 Vereinsmitglieder einen Vertreter entsenden. Die Haupttiitigkeit werde einem siebenköpfigen Vorstande — Landes-Komitee — überwiesen, von dem drei Mitglieder — Präsident, Aktuar und Kassier — am gleichen Orte wohnen müssen und den Vorort des Verbandes bilden. Die Fiage der „Presse" wurde dem Landes-Komitee überwiesen, in dem Sinne, es solle dasselbe trachten, mit dem in Zürich erscheinenden ..Israelitischen Wochenblatte" ein Abkommen zu treffen, wonach zu diesem eine wöchentliche zionistische Beilage herausgegeben würde. Bei diesem Traktandum kam auch der Artikel des Herrn Dr. Schauer im Mainzer „Israelit" zur Sprache, der mit der sogenannten Jörn kipur-Geschichte in Bern zusammenhängt und erst nach erregten Debatten endigte. Als Vorort des Verbandes für die nächste Amtsperiode wurde Basel bestimmt und das Landes-Komitee bestellt aus den Herren: Joel Weil, Präsident; Moritz Levy, Aktuar; Dr. L. Weil, Kassier und den weiteren Mitgliedern Ingenieur Falk (Baden), Dr. jur. Farbstein (Zürich). Dr. med. Levy (Biel) und Dr. med. Pasmanik (Genf). Für den Beobachter des Zionistentages trat die nicht lärmende, aber dafür um so bestimmtere Tendenz der „Schweizer"- Zionisten zutage, auf dem als richtig anerkannten Wege fortzuschreiten, zur gedeihlichen Entwicklung des Zionismus, zum Wohle des jüdischen Volkes. M o r i t z Levy. Zwei Reden von der letzten Generalversammlung der Paiästina-Koionisations-Gesellschaft.^) Am 26. Oktober fand im Saale des Odessaer Klubs „Besseda" eine von über 300 Personen besuchte Versammlung dieser Gesellschaft statt. Als erster, stürmisch begrüsst, sprach Herr Ingenieur Ussischkio. Nach einer Uebersicht über die geschichtliche Entwicklung des Nationalismus führte der Redner folgendes aus: Das XIX. Jahrhundert bietet uns ein gewaltiges Schauspiel: Griechenland befreit sich und wird selbständig; für dasselbe tritt Byron in heissen Worten auf. Italien und Deutschland sammeln alle Italiener, alle Deutschen unter die italienische, unter die deutsche Fahne, und lassen ihre Nationalität zur vollen Geltung kommen. Alexander IL befreit 20 Millionen Bauern aus der Leibeigenschaft. Er tritt für die nationale Freiheit^ der Balkanstaaten ein und mit seiner Hilfe befreien sich diese und fangen an, ein selbstständiges nationales Leben zu führen. Ein Beweis, dass die Welt zum Besseren strebt. Wenn jedes Volk seine eigene selbständige Kultur haben wird, so ist dies schon insofern *) Bericht in Nr. 48, Jahrg. 1902 der „Weif.

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