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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Das Wesen der jüdischen Nationalität
Date
1903-01-23
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 „Die & Welt" Seite 3 durch eine gemeinsame Geschichte, durch einen allen gemeinsamen körperlichen und geistigen Rassentypüs als ein selbständiges Volk gekennzeichnet sind; solange, und was die Hauptsache ist, hunderttausende, ja Millionen von Juden sich als Nationaljuden, sich als zusammengehörig, als ein Volk, das jüdische Volk ausmachend, fühlen; solange wird eine Behauptung jüdischerseits: das Judentum sei bloss eine Reihe von metaphysisch-ethischen Gedanken, die schliesslich jeder mit seinen sonstigen Ideen, Wünschen und Bestrebungen nach Gutdünken in Verbindung bringen kann, nicht als eine Auffassung des Judentums, sondern als ein Abfall vom Judentum, als eine Fahnenflucht angesehen werden müssen. Jedenfalls, wenn wir uns schon parlamentarisch und milde ausdrücken wollen, kann eine derartige Ansicht nicht als eine wissenschaftliche Auffassung des Judentums, sondern nur als eine politische Bestrebung, das Judentum willkürlich und gewaltsam zur Auflösung zu bringen, betrachtet werden. Dass diese Ansicht auch als politische Bestrebung längst bankerott ist, dass sie, weil sie etwas Unnatürliches will, von allen Seiten als unmöglich erkannt, und weil sie unwürdig in ihren Zielen, verächtlich in ihren Aeusserungen, allwärts von der nichtjüdischen Umgebung mit Hohngelächter beantwortet worden ist, soll hier nur beiläufig bemerkt werden. Jedenfalls ist. es klar, dass eine wissenschaftliche Betrachtung des Judentums die Goldheim-reformatorische Ansicht, als eine bloss politische und nicht wissenschaftliche Richtung, von vornherein auszuschalten hat. Es bleiben also nur noch die anderen zwei Ansichten diskutabel: Das Wesen des Judentums besteht, wie das eines jeden anderen Volkes, in seiner Nationalität und die andere Ansicht, das Wesentliche des Judentums ist seine national-traditionelle Religion. Nun muss zwar zugegeben werden, dass beim jüdischen Volke ganz anders als bei anderen Völkern Nationalität und Religion so eng und unzertrennlich mit einander verbunden und verquickt sind, dass sich kaum feststellen lässt, wo die Grenzen der einen aufhören und die der anderen anfangen. Alles Nationaleist da durch Religion sanktioniert und alles Religiöse wiederum auf Nationalität gegründet. Und wenn die Literatur eines Volkes als der Abglanz seiner Seele angesehen werden darf, so ist die Seele des jüdischen Volkes ohne Zweifel seine Religion, denn seine ganze dreitausendjährige Literatur istim Grunde nichts weiter, als die Entwicklung und Ausbildung seiner Religion, Dennoch ist es unmöglich, die uneingeschränkte Identifizierung des Judentums mit der jüdischen Religion ohne weitere» gutzuheißen und die jüdische Religion als erschöpfende Definition des Judentums zu akzeptieren. Denn daraus würde folgen, dass nur derjenige als Jude angesehen werden kann, der auch von der Wahrheit der rein religiösen Anschauungen des Judentums überzeugt ist. Dieses ist aber aus zwei Gründen unmöglich und daher die Ansicht, aus der dies folgt, unhaltbar. Erstens ist es für den Psychologen eine unwiderlegbare Tatsache, dass es unter einer jeden grösseren Gemeinschaft von denkenden Menschen eine proportional beträchtliche Anzahl geben muss, die ihrer Naturanlage nach keine ein für allemalfestgelegten Glaubenswahrheiten anerkennen können. Nun, wie können wir ein Prinzip für die Zusammengehörigkeit eines Stammes aufsteilen, das von vornherein einen grossen Teil desselben aus seiner Gemeinschaft ausschliesst?! Zweitens lehrt uns die Erfahrung, dass es sehr viele Juden gibt, die in religiöser Beziehung Freidenker sind und sich dabei doch nicht weniger als die religiösesten Stammesgenossen, als Juden fühlen, und da sie sich als solche fühlen, so sind sie es auch! Die einseitig religiöse Auffassung des Judentums ist also unhalttbar. Aber auch die einseitig nationalistische Auffassung des Judentums ist dunkel, verworren und Wissenschaft lieh noch lange nicht geklärt. Die Abstammung allein, der Iblosse Zufall der Geburt kann, was den einzelnen betrifft, ebensowenig den Juden, wie jeden anderen Angehörigen iirgend eines Volkes zu dem machen, was er in Bezug auf seine Nationalität ift, wie wir das noch weiter unten darlegen werden. Und welchen Sinn soll der bekannte Ausspruch liaben: „Ich bin Jude, weil ich mich als Juden fühle!?" D»as ist doch ganz genau dasselbe, wie wenn gesagt würde : „Ich bin Jude, weil ich Jude bin." Es ist ja die reine Tautologie! Gewiss ist der betreffende, dem es mit diesem Ausspruch ehrlich ist, ein guter Jude. Aber die Frage wai doch, wodurch ist man Jude? Was ist die Definition les Judentums? Oder mit anderen Worten: Was ist demn das, als was du dich fühlst? Es wurde und wird noch so viel darüber gestritten, was denn eigentlich überhaupt das wesentliche Merkmal der Nationalität ist, ob die gemeinsame Sprache oder die gemeinsam durchgemachte Geschichte tu. s. w. Nun, was auch als Merkmal der Nationalität hingestellt wird, trifft bei dem jüdischen Volke nicht recht zu. Eine gemeinsame Volkssprache haben die Juden schon) längst nicht mehr. Eine gemeinsame Geschichte in dem Sirjtn«e, wie sie die anderen Völker hab^n, kann den heutigen Juden auch nicht mehr zugesprochen werden. Denn die Jinden der verschiedenen Länder haben auch als Juden eine Terschiedene Geschichte aufzuweisen und haben überdies nooch die Geschicke der Völker, unter denen sie leben, geteilt und die grossen historischen Ereignisse derselben, die gniten, wie die schlechten, miterlebt, mit in die Erscheinung treten lassen helfen. Aber irgendein festes Merkmal, eime positive Grundlage, einen Inhalt muss doch auch das Juientum und das Sich-als-Jude-Fühlen, wie jede andere Nationalität haben. Denn auch hierin einen Uj terschied zwischen dem jüdischen Volke und den anderen Völkern maachen, hiesse das Denken aufgeben und an Wunder glamben. Dieser Inhalt der Nationalität katin vielleicht bei drai jüdischen Volke anders geartet, anders gestaltet sein als bei anderen Vöikern, aber ein Inhalt muss doch selbstverständlich auch darin sein. Die jüdische Religion freiiiieh hätte schon einen sehr reichen und mannigfachen Inhaltt aufzuweisen. Aber die Religion kann ja nicht als das Wesentliche des Judentums hingestellt werden, wie wir bereits ooben gezeigt, für die jüdische Nationalität in der Diaspora himwriederum können wir keinen festen, unbestreitbaren Inhalt; finden und doch muss die Existenz eines jüdischen Volkes für j^den ehrlichen, normal denkenden Menschen eHnso als Tatsache gelten, wie die irgend eines anderen lebenskräftigen Volkes! Wir befinden uns also in einem Diienusna! Die L»ö<sung dieses Dilemmas liegt sehr nahe. Es gib't im Judentum eine neutrale Zone zwischen dem religiösen und dem nationalen Gefühl, aber neutral nicht in dem Sinne, dass sie keinem von beiden angehört, sondern im Qpgenteil, in dem Sinne, dass sie beiden gemeinsam ist, Der weitaus grössere und selbst innerhalb des religiösen Gebietes wichtigere Besitzstand der jüdischen Religion ist .eigentlich und ursprünglich nationaler Inhalt. Nur erhielt a]les Nationale bei den Juden, wie bei den alten Völkern überhaupt oder vielleicht auch in einem höheren Grade als bei. diesen auch noch einen religiösen Charakter. Aber diese religiöse Sanktionierung des Nationalen verringert doch nicht den Wert des letzteren als solchen. Wer gegen diese religiöse Sanktionierung sich indifferent verhält, dem verbleibt ebon die Sache als das, was sie eigentlich und ursprünglichüst, nämlich als ein jüdisch-nationaler Lebensinhalt. Und dieeser jüdisch-nationale Inhalt allein ist imstande, uns in der Zerstreuung alles das zu ersetzen, was andere selbständige Völker an nationalem

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