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Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Zur Psychologie der Grenzbewohner
Date
1903-01-16
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt"? sönlichkeit in Ehren, ist nicht auch die Nation eine Persönlichkeit? Du in deinem Winkel wirst anerkannt und hast es gut, weil du dich beim Eingang in unser Land zum Schemel für fremde Füsse hergibst; aber die ausserhalb deines Winkels sind, die Millionen, haben auch die es gut? Ach nein, die sind wie eine Herde, die man ewig zur Schlachtbank jagt, und ihnen kommt nichts von dem Kaufgeld zugute, das du für deine Ruhe bezahlt hast! . . . Der Redner unterbricht sich. Wir nehmen eine frische Zigarre. Er fährt fort: Wie nennt man das, wovon wir sprachen? Gemein gefühl und Selbstsucht, Liebe zum Ganzen und Liebe zum eigenen Vorteil, und da können eher Feuer und Wasser zusammenkommen, als dieser Staatsmann und dieser Narr. Und bei Tacitus ist es denn auch zwischen den Zeilen zu lesen, wie es weiter zuging, bis sich Segestes immer erbitterter mit seiner Politik, mit seiner Popularität, mit seinem Ansehen, mit dem ganzen Stolze seines Lebens ins Wanken gebracht und dem Untergange preisgegeben sieht. Und einmal so weit, schafft der Gang der Ereignisse einen Hauptwitz, der denjenigen, dem er passiert, allerdings zur Raserei treiben kann. Nur ist es wirklich sonderbarerweise niemandem eingefallen, diesen taciteischen Roman auszunützen. Die ihn „anschnitten", wie z. ß. der alte Elias Schlegel, glaubten, ihn am Ende verschönern und mildern zu müssen; und wissen sie, was sie taten? Es erinnert mich an Kyselack, der auf die Berge hinaufklomm, um da mit seinem Pinsei etwas Lack aufzustreichen. So krochen diese Dichter die schreckliche Grösse des Stoffes empor, um ihn dann, wo er am wahrsten und erschütterndsten war — zu mildern! Denn was noch Segestes erfahren muss, ist, dass nicht nur sein Volk, sondern seine Nächsten und Allernächsten wider ihn revoltieren; und wenn er tobt und flucht und Hermann einen erbärmlichen Abenteurer und Verräter nennt, antworten ihm Sohn und Tochter, zwei Stimmen im eigenen Hause : Vater, es ist nicht wahr!... Und so begibt sich denn — erraten Sie es nicht? Sie können es in Shakespeares „Kaufmann von Venedig" ausführlicher lesen, denn der Dichter hat mehr Platz zur Ausmalung .solcher Entwicklungen, als der Historiker, der eilen muss, damit er den Zug der Jahrhunderte nicht versäumt; dem Dichter gehört das Individuum und der Augenblick, der Geschichtschreiber, lieber Freund, muss sich tummeln. Und was geschah also, fragen Sie? Nun, es ist ein ganzer Haufen interessanter und tragischer „Unds*; und Thusnelda soll vermählt werden; u n d sie will nicht, will lieber sterben; und sie liebt den Arminius; und Segest will davon nichts hören; und Thusnelda wird von Arminius entführt, und Segest wird wahnsinniger noch als Lear, der doch schon wahnsinnig genug war, denn das ist der ungeheuerste Zusammenbruch, den je ein politischer Mann erfuhr. Denn von aller Welt verlassen und nun auch noch im Angesichte eines ganzen Volkes um des siegreichen politischen Rivalen willen von dem eigenen Fleisch und Blut verraten und im Stiche gelassen — hatte denn diese deutsche Dichterei gar kein Gefühl im Leibe, dass sie an dieser fürchterlichen Tragik „milderte*1? So flicht sich also politische und private Tragödie ineinander, und nun bitte ich, welcher Schluss! Denn nichts bleibt dem Segest erspart, alles muss er durchmachen: nach der Rebellion des Neffen, nach dem Verrat der Tochter, nach dem Hohn, der ihn überall begleitet, auch noch die letzte tiefe Demütigung. Denn alles läuft dem Hermann zu, Zerrissenes fügt sich zusammen, was nie unter einen Hut zu bringen war, findet sich wieder — und zu einem solchen Strom der Leidenschaft schwillt das allgemeine Gefühl an, dass es geradezu gefährlich wird, den Widerstand zu kontinuieren. Denn die Hände greifen nach Steinen und die Speere beginnen zu drohen, wo er sich zeigt, und nicht mehr wird er der konservative, oder pedantisch beschränkte oder feig zögernde Apostel der Fremden genannt, sondern schon der an Rom verkaufte Eunuche und römischeSpion im eigenen Lande. Heimlich nur, auf Schleichwegen, kariri er noch Varus von der Lage, wie sie sich entwickelte, und von der sich vorbereitenden Eruption unterrichten; und damit sind wir ja bei einem zweifellos sehr interessanten Punkte angelangt. Nämlich: er war Assimilationspolitiker, er war redlicher und überzeugter Assimilationspolitiker, und' selbst als die Eitelkeit schon zu kochen und zu treiben begann, liess sich, was sie und was die Ueberzeugung tat, noch nicht genau differenzieren. Nun aber, wie steht es darum, da der Freund seines Volkes mit Varus geheim korrespondiert und ihn zur Beschleunigung des Einfalles ins Land anreizt? Geschieht das auch noch im Interesse Germaniens, ist das auch noch ein Ausfluss der Friedenspolitik? Ah, das ist es! Seit der römische Freund den Mann unter den Arm genommen und in der schwächlichen Seele die Eitelkeit aufgeschossen ist, ist sein ganzes Wesen angefressen und total korrumpiert, und er kann die Schläge, die sein Selbstgefühl erlitten, nicht verwinden. Andere haben ebenfalls Undank erlitten und sich zürnend abseits gestellt und erklärt: Ich tue nicht mit auf diesem für uns verderblichen Wege. Segest geht anders vor. Er unterwirft sich scheinbar und tritt unter Hermanns Fahne, um zu zeigen, dass er wirklich nur aus Sorge um sein Volk gegen ihn gewesen; insgeheim aber — nun, insgeheim läuft eben die Rohrpost direkt ins feindliche Hauptquartier, und schon im Teutoburger Walde stehend, sieht er angstvoll nach allen Richtungen aus, ob denn die Römer noch immer nicht erscheinen. Denn ob es auch Deutschlands Vernichtung wäre, wenn nur Hermann jetzt geschlagen wird, wie wäre das gut, denn das wäre für alles, für alles Vergeltung! . . . Und meinen Sie, ich übertreibe? Nein, Freund, die Folge lehrt, dass ich die Verfassung dieser Psyche auch pro praesenti richtig diagnostiziert habe. Als die Schlacht begann — selbst unter den Römern gab es da keinen, der innerlich so jauchzte, wenn ein römischer Vorstoss gelang, und der innerlich so zusammenbrach, wenn die Hoffnung in seinen eigenen Reihen stieg, als diesen Assimilationspolitiker Segestes- Und als alles vorüber war und Augustus auf dem Palatin die Klage um die verlorenen Legionen erhob, da hatte er inmitten der Deutschen selbst einen tragischen Gefährten .... Und meinen Sie, das ist der Schluss? Nein, es kommt noch etwas. Einige Jahre nachher erfolgt unter Germanicus ein frischer römischer Einbruch; und da ist der Alte endlich des ewig-geheimen Operierens und der endlosen verborgenen Tücken überdrüssig und müde u<nd macht sich daran, seinen Shylock-Streich auszuführen. Wie? Ganz einfach. Hermann jagt wieder im Lande herum, aufreizend, antreibend, organisierend. Da auf einmal schneidet ihm eine Hand — ein Pfund? nein, weit mehr noch aus der unmittelbarsten Nähe des Herzens heraus, und der Assimilationspolitiker ist es, der mit fester Hand den Schnitt führt. Denn Thusnelda ist gerade bei ihrem Vater, vielleicht ist gerade vorher eine Versöhnungskomödie gelungen; und sie ist schwanger, und ein Vater will .doch das Wohl seiner Tochter und ihrer noch ungeborenen Frucht. So sorgt er denn für beider Wohl, ruft den Germanicus herbei —, lässt seine Truppen insgeheim in die Stadt, und liefert sich mitsamt der Gattin Hermanns und dessen Sohne an Rom aus .... Aus Petersburg. (Original-Korrespondenz der „Welt".) Anfangs Jänner. Mit dem russischen Neujahr 1903 erfährt die jüdische Presse eine Bereicherung. Zwei neue Organe, „Der Freund", ein täglich erscheinendes politisch - literarisches Tagblatt

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