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Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Zur Psychologie der Grenzbewohner
Date
1903-01-16
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 „Die £ Welt" Seite 3 schilderten Dinge möglich geworden sein können? Das ist es, was ich im Auge habe; der Fall nämlich, zu dem wir dann gelangen, zeigt, was unter Umständen aus einem Assimilationspolitiker werden kann. Und wenn Sie nebenbei auch auf die vielen Hermann-Stücke zurückblicken, die wir in der deutschen Litteratur haben, dann werden Sie tief betroffen sein durch den Unterschied zwischen diesen geradezu ungeheuren taciteischen Dingen und den elenden und erbärmlichen Veteranen- und Kinderstuben-Romanchen, welche uns diese Eunuchenliteratur für etwas Ernstes verkaufen will. Anfang der Geschichte: Der konstanten Berührung mit dem Römertum ausgesetzt, lebtim Grenzlande Segestes als Führer eines Clans, der richtige Germane, gut und gross gewachsen, von sich etwas eingenommen und auch den anderen gerne und leicht bewundernd, besonders, wenn er diesen anderen mächtig und in prunkendem Gewände sieht. Denn Macht, das ist Genie, Prunk ist Schönheit und als solche heilig, und beides zusammen ist Autorität, so dass Sagest, nachdem er in Rom war, mit einer tiefen politischen Ueberzeugung heimkommt, von der man übrigens nicht notwendig in ironischem Ton zu sprechen braucht. Denn sie hat schon etwas für sich. Wir sind zerrissen, einer rettenden Idee unfähig und in Barbarei versunken, sagt sie, und ist es also nicht töricht, sich in fruchtlosen kleinen Auflehnungen zu verbluten, die dem grossen Gegner nicht schaden, sondern nur uns wehtun und in Kultur und innerer Konsolidation immer wieder zurückweifen, ohne die es doch für uns kein Glück geben kann? Dann endlich, wo ist es wohnlicher, in einem New- Yorker Palais oder in einem indianischen Wigwam, in dem von den Engländern polizierten Cairo oder beim Mahdi, wo man bei aller Glaubensseligkeit doch noch von den Läusen zerfressen und vom Trachom blind gemacht wird? Nun also! Und wirklich ganz ohne Streberei, einzig aus dem Vergleich zwischen einer lichten und mächtigen Welt und der düsteren und hilflosen Unkultur seines Winkels, wird der Heimgekehrte zum Wortführer des Anschlusses an den römischen Nachbarn. Und zwar mit dem Erfolge, dass ihm die nächstenJahre rechtgeben. Denn während es überall, wo man sich zum Römertum schlecht stellt, Unglück über Unglück herabregnet, bleibt der von Segest geführte Winkel vom Unheil verschont; und keine lächerliche und schmutzige, sondern eine berechtigte Eitelkeit ist es, wenn er spricht: Dass diese Dächer ragen und diese Felder blühen, das ist mein Werk ... Und richtig, dass wir es nicht vergessen: der Wert dieser verträglichen Politik tritt auch sonst immer mehr zutage, so dass man sagen muss : Wenn die Römer irgendwo die Tyrannen spielen —recht haben sie, man zwingt sie dazu! Hier bei uns, wo Vernunft regiert, bekommen wir keinen römischen Uebermut zu spüren, ganz im Gegenteil, sie kommen, ohne etwas zu verlangen und gehen mit leeren Händen fort ... Ja, bitte nur Umschau zu halten: vom Reichsten bis zum Aermsten herab ist bei uns jedermann dafür Zeuge; keiner ward noch ausgeraubt, geplündert oder irgendwie eingeschränkt. Und was Segest betrifft: vor einem Jahr war Varus, der Feldherr, vor einer Woche der Enkel und Liebling des Augustus persönlich bei Segestes zu Gaste, und sie haben wirklich auch nichts angetastet und nichts gefordert, sondern im Gegenteil ihn ganz als ihresgleichen behandelt, schlicht und einfach und mit einer geradezu rührenden Kameradschaftlichkeit. Und beweist das nichts? Er ist doch nicht König und Gebieter über Tausende! Nein, so steht die Sache: Ihr nennt sie die aus dem Schosse der Wölfin hervorgegangenen Wölfe, und ich sage euch: Sie haben recht, es zu sein, wenn ihr dumme und reissende Tiere seid . . . Der Erzähler macht eine Pause; dann fährt er fort: Ich verstehe, Sie werden sagen: Segest muss bei den Seinigen wohl eine allzu beträchtliche Naivetät voraussetzen, wenn er ihnen mit derlei Argumenten zu kommen wagt . . . Richtig! Aber wenn man Innerlich-Falsches propagiert, kann man sich besserer Argumente bedienen, und lehrt es nicht die Geschichte, dass noch jeder, der je einer Torheit das Wort zu reden suchte, immer auch, ob bewusst oder unbewusst, die Spekulation auf unsere Naivetät mitreden liess? Und noch etwas; wenn man von solchen Fällen spricht und sagt: dieser Segest, oder die vielen, vielen vor ihm und nach ihm, die ihm glichen, befanden sich dabei in redlicher Ueberzeugung, dann hört man immer die Antwort: Ist es denkbar, dass er selbst sich in solcher Täuschung befand? Aber es ist denkbar, es ist sogar unzähligemale vorgekommen. Und es ist ja noch viel Komischeres und Dümmeres möglich, als da z. B. ist, dass so viele, denen man um ihres Besitzes oder Einflusses willen schmeichelt, sich einbilden, es geschehe um ihres persönlichen Wertes willen allein. Ist das nicht noch komischer? Und doch sehen Sie die Strassen und Gassen von dieser absurdesten Art des Irrtums übervölkert, und wenn Sie gut zuschauen, finden Sie ihn ja auch beim Segest! Denn es ist ein ganz eigen Ding-, wie ein Mann oft mit einer Sache, die ursprünglich doch nur Ergebniss eines Kalküls war, zusammenwächst. Anfangs weiss er es ganz gut, dass Rom ihn nur regardiert, weil er ein brauchbarer maschineller Bestandteil für seine Politik ist, dann aber schleicht sich in sein Urteil doch jenes verhängnisvolle Quiproquo ein, vermöge dessen er sich sagt: Nicht um meines blossen Nutzwertes, sondern um meiner selbst willen behandeln mich diese Purpur- und Epaulettenträger als Pair unter Pairs. Und wie ist das möglich? Ja, wie ist dieser viel albernere, viel auffallendere Irrtum möglich? Ah, das ist es! Hören Sie, lieber Freund, es sitzt in uns eine ungeheure Kraft, sie heisst Eitelkeit, und es ist furchtbar, welch leiser Fingerdruck schon genügt, sie auszulösen. Und wenn er schon gar nichts lernen will, an sich selbst zu glauben, lernt selbst der Elendeste und Stupideste immer gern und leicht. Eine Aufgabe, und glauben Sie mir, eine blutig ernste und gar nicht akademische, bleibt dann noch für den Psychologen: festzustellen, wann eine Politik, die bisher nur reine Ueberzeugungssache war, angefangen hat, eine Politik der gewöhnlichen Eitelkeit zu werden. Aber halt, ich möchte eine Frage an Sie richten: Kennen Sie eine Tragödie der Eitelkeit? Es ist die des Segest. Ja, so ist es. Eines Tages kommt die Nachricht, dass nicht nur Offiziere und Ablegaten, sondern dort im goldenen Haus in Rom der Kaiser selbst von den staatsmännischen Fähigkeiten Segests genaue Kenntnis habe, und Augustus verleiht ihm das römische Bürgerrecht. Und gerade jetzt, da er zum ersten Mann im Lande geworden und seine Autorität so ungeheuer gewachsen, beginnt ein Ringkampf, an den er am wenigsten gedacht. Und aus so kleinen Anfängen heraus entsteht alles, aus einer Ecke, woher er den Sturm am wenigsten vermutet — nicht von Sueven und Chatten her, sondern aus seinem eigenen Hause! Denn sein Neffe Arminius ist es, der rebellisch wird und wühlend und aufreizend umherzieht: die Waffen will er ergreifen, und in Rom werden sie wohl erzittern, wenn sie vernehmen, wie er 500 oder 5000 zusammengebracht hat —als ob nicht schon Cäsar die 80.000 Helvetier, die von Rhätium nach Gallien zogen, im Handumdrehen aufgerieben hätte! Und so dumm ist dieses Germanien, dass sogar dieser Unsinn immer mehr um sich greift. Aber es lässt sich noch helfen, und Segest zitiert den jungen Narren; die persönliche Intervention des Staatsmannes wird ihm schon imponieren! . . . Allein, was ist das? Die Szene endigt genau mit dem Gegenteil und der Knabe beharrt auf dem Seinigen und lässt sich nicht imponieren! Denn alle Eindrucksfähigkeit deiner Per-

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