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Die Welt · 1903-01-16 · 3 (16.1.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
3 (16.1.1903)
Article
Judentum - Zionismus - Deutschtum
Date
1903-01-16
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt** $3 nicht behaupten, dass diese beiden Kulturenidentiseh: wären? Er spricht ja selbst von einem anderen Wollen für die nächste Generation, was doch nur ein Streben der Zionisten ist und nicht aller deutschen Juden/ Was Jeremias vor allem betont, ist, dass manch ein deutscher Jude, der „einem dunkel gefühlten Sehnen folgend, das Zionsideal mit ehrlichem Enthusiasmus aufgegriffen", schliesslich doch erkennt, dass es ihn nicht ganz ausfüllen könne, wie die Liebe zum erworbenen Vaterland und darum sich wieder vom Zionismus abwendet. Dafür könnte ich viele,Beispiele anführen und jeder andere wohl auch. Wir Zionisten sind eben nicht, ganz frei herausgesagt, so Deutsche „bis auf die Knochen", dass wir glauben, dass das deutsche Volk „aus dem Taumel des Hasses wieder erwachen, und als wäre nichts geschehen, den begonnenen Fortschritt auf dem Wege moderner Humanität wieder aufnehmen werde/ Davon muss sich jeder freimachen, der Zionist wird. Schliesslich: Was ist denn der Unterschied zwischen jüdisch-national und deutsch -national? Denkt Auerbach daran garnicht? Gibt es nicht viele sehr gute Juden, die darum, weil sie so deutschnational empfinden, den Zionismus ablehnen, der das Jüdischnationale doch nun einmal ist? Ringen solche Leute, wenn sie überhaupt ernst darüber nachdenken, nicht? Kämpfen sie nicht, ehe sie sich für oder wider Zionismus entscheiden? Sie heucheln wohl doch nicht, wenn sie uns davon erzählen? Haben nicht wirklich viele deutsche Zionisten diesen Kampf kämpfen müssen, ehe sie sich zum Zionismus bekannten? Die, denen das erspart blieb, waren denn nie deutsch -national! Sie hatten vielmehr schon eine jü disch-nationale Erziehung, wenn sie auch noch so sehr „sich in tiefer Achtung vor Schiller und Ghöethe beugten." Nur muss ihnen das auch zum BewHisstsein kommen, dass ihnen eben etwas erspart blieb, was andere durchmachen mussten. Und eine Kultur verstehen, vor ihr Achtung, Ehrfurcht haben, bedingt noch nicht, dass man nicht doch für sich oder seine Kinder eine andere wünscht, was eben ihr keine Anhänglichkeit bewahren heisst. Nirgends hat Jeremias, wie A* behauptet, etwas davon gesagt, dass der zionistische Jude sein Deutschtum, was doch die meisten Leser als deutsche Staats- Zugehörigkeit auffassen werden, aufgeben müsse. Das ist ja beinahe die Konsequenz der „Schlesischen Zeitung!" Ganz unhaltbar ist auch der Vorwurf, dass Jeremias die Wesensverwandtschaft zwischen Deutschen und Juden falsch oder gar nicht beweise. Was J e r em i a s da von der Wesensähnlichkeit anführt, ist Tatsache. Diese Wesensverwandtschaft macht aber nicht den Durchschnittsdeutschen-Juden zum Völljuden, sondern lässt ihn glauben, dass er Germane sei, nicht, dass es ihn etwa zum Zionismus bringe. Es Hesse sich auch für die Jeremiassche Behauptung von der Wesensverwandtschaft eine ganze Anzahl Gewährsmänner anführen. Ich will u. a. nur auf Nietzsche hinweisen, dann auf Prof. 0 n c k e n-Bern, die ganz dieselbe Anschauung vertreten. Sind vielleicht auch diese so unmethodologisch in ihrer Völkerpsychologie? Oder sollen deutschnationale Antisemiten massgeblicher sein? Neulich wurde auch einmal gegnerischerseits behauptet, diese Wesensverwandtschaft zu lösen, sei uiiethisch, ergo auch der Zionismus nicht ethisch. Wo Auerbach, wie er behauptet, gezeigt haben will, dass es in Wirklichkeit nicht die inneren Schwierigkeiten sind, die dem. Zionismus in Öeutschland förderlich sind, — dass es sieh nicht darum handelt den Einfluss deutschtümlicher Erziehung auszuschalte^feann ich beim besten Willen nicht finden. Das lässt sicfaauch nicht beweisen. Es ist niejit wahr, äass es nur an Kräften fehlt, die zu arbeiten . hätten. Solcher sind schon immer dagewesen* Vielleicht haben sie nicht systematisch genug gearbeitet. Aber gearbeitet ^vurde. Es ist aber nur das erreicht worden, was überall in Deutschland erreicht wurde. Die Jugend ist begeistert worden, die Alten halten sich fern aus Denkfaulheit oder aus den von Jeremias sehr richtig erfassten psychologischen Momenten. Darüber täuschen keine Phrasen hinweg. Gerade, dass Jeremias die Frage richtig beleuchtet und uns zeigt, wo die Schwierigkeit liegt, macht seinen Artikel so wertvoll. Zur Psychologie der Grenzbewohner. (Ein Besuch bei Adolf Gelber.) Wir sind bei Herrn Adolf Gelber und sprechen über Assimilationspolitik. Er meint: Oskar Marmorek und ich, wir haben uns da einmal an etwas Hübsches erinnert. Was war es? Nichts, wirklich, von genereller Bedeutung, aber verblüffend wirkte es denn doch. Also, was ist es? Bitte, erschrecken Sie nicht, ein Kapitel aus dem alten Tacitus. Der! . . . Wir bemühen uns, herauszufinden, was Herr Gelber meint. Das Buch liegt auf seinem Tische und wir suchen darin eiligst nach den Stellen, die von Judäa handeln. Allein der Hausherr lacht und spricht: Sie bemühen sich vergebens, die Stelle, die ich meine, ist anderswo. Muss man denn just nach Judäa gehen, um die Assimilationspolitik zu studieren? Sie machte und macht ihre Geniestreiche zu hundert Zeiten und an hundert Orten, und vermutlich Hessen sich auch die natürlichen Bedingungen feststellen, unter denen sie gedeihlich oder verderblich wirkt. Ueberall, wo zwischen einem mächtigen und zielbewusst vordringenden Prinzip und einem anderen, das sich nur mit schwachen Kräften wehren kann, eine Grenze läuft, ist die Assimilationspolitik zu Hause, und der Rajah in Indien kennt sie, ja, jeder Araber, der in Kairo in der Nähe eines neueröffneten englischen Hotelsiebt. Wir selbst sehen sie z. B. fast unter unseren Augen im heutigen Bosnien wirksam und können da — gerade darüber sprach ich mit Marmorek — aus der Nähe studieren, wie sie auf den Charakter des Einzelnen zurückwirkt Denn das ist ein Gebiet, fast ebenso interessant, als das politische; es gibt Fragen darin, bei denen man zugleich lachen könnte und weinen. An solch ein Drama erinnerte ich damals unseren Freund Marmorek. Kennen Sie es nicht? Es steht in den Annalen des Tacitus, Buch 1, und betrifft — den grossen Cherusker. Den Cherusker Hermann? Ja gewiss, oder vielmehr einen nahen Verwandten von ihm, den Segestes, Thusneldas Vater. Kennen Sie diesen guten alten Roman nicht? Für die ewige Vaterlands dicht er ei, welchenach Motiven für Denkmalserrichtungen und Nationalfeiern sucht, ist nämlich immer und überall der Mann aus dem Teutoburger Walde die Hauptperson; allein Segest stand ebenfalls im Teutoburger Walde, und für den Natur kundigen ist nicht immer der Siegfriedhaftere auch der Interessantere. Bitte, lesen Sie doch die einschlägigen Stellen in den Annalen im Zusammenhang und versuchen Sie, was sich da als komprimierter und kondensierter Bericht darstellt, nach rückwärtshin aufzurollen, und dann fragen Sie sich, unter welchen Voraussetzungen die da ge-

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