Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Judentum - Zionismus - Deutschtum
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Zwei deutsche Gesinnnungsgenossenhaben in der letzten Zeit in der „Welt" einige Gedanken hierzu geäussert, Dr. Jeremias und Dr. Friedemann. Zu den Ausführungen des ersteren möchte ich hier noch einiges sagen. Dies erscheint mir umso wichtiger, als in unserem deutschen Organe Elias Auerbach die Jeremias'sehen Behauptungen sehr rasch mit einem Artikel abtun zu können glaubte, der bezeichnenderweise „Unnötige Sorgen* überschrieben war. Dr. J. hat zwar selbst in der „Jüdischen Rundschau* einiges darauf geantwortet, ich glaube aber, dass die hier angeschnittene Frage doch vor einer grösseren Oeffentlichkeit diskutiert werden sollte. Es handelt sich hierbei vor allem um das Problem des innerlichen Verhältnisses von Judentum, speziell zionistischen Judentum und Deutschtum. A. sagt da u. a. „Und da möchte ich Dr. Jeremias, trotzdem er ein werter und rüstiger Arbeitsgenosse ist, fragen, wie ich den Gegner frage: ,Wer sagt euch denn, dass ich weniger Liebe zur deutschen Kultur habe, als ihr? Beugt ihr euch in tieferer Achtung vor den Heroen deutschen Geistes als ich? Seid ihr mehr in deutscher Bildung aufgewachsen als ich? Lest ihr Goethe und Schiller inniger? Könnt ihr die nationale Wiedergeburt des deutschen Volkes eindringlicher erfassen als ich, der ich für die nationale Wiedergeburt meines Volkes arbeite? Ihr sollt einmal hören, wie ich von deutscher Kultur gegenüber dem Mitglied eines anderen Volkes spreche!"4 Das sind meines Erachtens Phrasen! Ich sprach so ähnlich, als ich den Zionismus noch selbst nicht ganz erfasst hatte. Andere glauben so zu den ganz naiven Gegnern sprechen m können. Aber doch nicht zu ernsten Männern. Und das will ja gerade Jeremias mit seinem Artikel, dass man lere, mit dem Gegner ernst uud überlegt und logisch zu reden, dass man Phrasen meide, dass man nicht nur zum Gemüt spreche, sondern vorzüglich zum Verstände. Auerbach leugnet nicht, dass deutsches und jüdisches Wesen am letzten Ende doch andere Dinge, Unharmonisches, Gegensätze sind. Er spricht selbst von den unharmonischen Elementen im deutschen Juden. Nut hält er nicht gut auseinander, dass der Zionist, dw sich ihrer bewusst ist, dadurch sie auszugleichen strebt, dass er ganz Jude wird, der Nichtztonist, wenn er das Unharmonische überhaupt empfindet, dadurch, dass er noch im Deutschtum aufzugehen sielt bestrebt, oder aber in gedanklicher und sachlicher Inkonsequenz mit Palliativmittelchen darüber hinwegkommen will Jeremias sagt nun, dass der Bekehrung zum Zionismus Mafig „einhartes Ringen mit der Anhänglichkeit an die liebgewordenen Kulturgüter* vorausgehe, (welcher Satz nur im Zusammenhang des ganzen Artikels Auerbach ganz verständlich wird), macht de aus ein „Lossagen von der Liebe zur deutschen Kultur*, was schon etwas ganz anderes bedeutet und sagt, dieses Ringen wäre ein falsches Wort. Bei ihm wäre es nur ein „bedauerndes Gefühl, dass sein Wesen aus unharmonischen Elementen gebildet* sei. Er schreibt aber weiter: „Eines aber empfinde ich wahr und tief, die Sehnsucht aus diesem Zustande herauszukommen.* Nun, ist denn das kein Ringen? Und das Ringen mit der Anhänglichkeit an eine Kultm ist doch wohl etwas anderes als ein Sichlossagen Ton einer Kultur selbst. Das ist etwas überhaupt unmögliches. Eine Kultur, die ich in mir aufgenommen, kann ich doch nie mehr aus mir bannen. Ein anderes ist es, wenn ich der Kultur, in der ich aufgewachsen, nicht die Anhänglichkeit bewahre, sie ohne weifers meinen Kindern einimpfen zu wollen. Wir streben doch nach eigener jüdischer Kultur. Auerbach, der nicht einmal Verwandtschaft zwischen deutschem und jüdischem Wesen zugibt, wird sicher