Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Article
- Vorrede von M. L. Lilienblum zum Werke Dr. J. B. Sapirs über den Zionismus
- Date
- 1903-01-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bie & Welt'/ Nr. 2 des jüdischen Volkes nur einen Fehler der Geschichte sehen, den man durch Assimilation und Mischehen ausgleichen muss, die anderen, weil sie, zufrieden mit ihrem rohen Starrsinn, der ihnen von der „guten alten Zeit" als Erbe hinterlassen wurde, sich von ihm nicht lossagen wollen. Solche Leute Vernunft zu lehren hat er einstweilen keine Mittel. Es gibt aber sehr viele, welche noch nicht den Versuch gemacht haben, über diese Frage nachzudenken, und solche, welche beim Nachdenken darüber nicht imstande waren, sich von der Routine in den Begriffen des historischen Sinnes des Zionismus zu befreien, die ihnen von unseren Mystikern, welche unsere Idee in eine übernatürliche Form hüllten, oder, von den Rationalisten, welche in dem, was kommen muss, das utopistische goldene Zeitalter sehen, in dem der Wolf mit dem Lamm tatsächlich brüderlich zusammenlebenwerden, eingeimpft wurde. SolcheMenschen können noch von der Fehlerhaftigkeit ihrer Ansichten, durch ein gutes Buch, welches ihnen den wahren Sinn des Zionismus klarlegt, überzeugt werden. Der Zionismus hat zwar schon eine ganze Literatur erzeugt, aber dieselbe ist hauptsächlich eine publizistische oder beschreibende. Die vorliegende Arbeit von Dr. J. B. Sapir aber beleuchtet diese Frage von allen Seiten und ist das geeignetste Buch für obengenanntes Ziel. Diese Arbeit wird auch denjenigen Zionisten grossen Nutzen bringen, welche nicht so ganz in alle Einzelheiten der historischen Evolution des Zionismus, seiner tatsächlichen Entwicklung in der letzten Zeit und seiner verschiedenen Strömungen eingeweiht sind. Es bleibt natürlich einem jeden freigestellt, die eine oder andere Ansicht des genannten Verfassers über diese Strömungen nicht zu teilen; es kann sich vielleicht herausstellen, dass die eine oder andere Tatsache aus der Geschichte der Palästina-Bewegung oder aus der Geschichte der Entstehung der einen oder der anderen Kolonie nicht so ganz genau wiedergegeben ist, aber für die Klarlegung der ganzen Sache kommen solche Kleinigkeiten gar nicht in Betracht. Das vorliegende Buch von Doktor J. B. Sapir ist die erste allseitige Besprechung der zionistischen Bewegung; es wird ganz gewiss der uns so heiligen Sache einen gewaltigen Nutzen bringen und alle diejenigen, deren Herzen für die grosse Idee des Zionismus schlagen, werden ihm dankbar sein für seine wirklich allseitig nützliche und ernste Arbeit. M. L. Lilienblum. Polenpresse und Zionismus, Niemand verdächtigt leichter als der Verdächtigte. Wer diesen Satz, der psychologisch zweifelsohne richtig ist, an einem praktischen Beispiel bestätigt sehen will, der verfolge nur emsig die polnische Presse und ihre Stellungnahme zum Zionismus. Die Tatsache, dass man den auf das Polentum bezüglichen Aeusserungen der polnischen Presse, zumal wo sie sich ultra-loyal gibt, nicht das entsprechende Mass von Vertrauen entgegenbringt, zeitigte in derselben Presse eine starke Neigung, den noch so klaren und wohlgemeinten Darlegungen, den noch so offenen und loyalen Kundgebungen andersnationaler Elemente — ganz speziell des jüdischen und ruthenischen — ebenso unwandelbar als ungerechtfertigterweise zu misstrauen. „Was hinter dem Vorhang vorgeht, was dort wogt und schäumt, was sich dort durch wildes Rauschen kundgibt, was den Kern des Judentums ausmacht, das wollen wir sehen, das wollen wir kennen lernen, das wollen wir würdigen. Das zeigen uns aber die Führer dies Zionismus nicht. Für uns haben sie Deklamationen, für sich und ihre versteckten Ziele haben sie die Gewalt ihres ElementeF. Für uns haben sie Palästina, für sich — Warschau, Wilna und Krakau, drei „Hauptstädte", wie. sie ein aufrichtiger Zionist ohne alle Umschweife nannte.'* Das ist der Weisheit letzter Schluss, zu dem der Warschauer Korrespondent des Lemberger „S1 o w o Polskie" in einem „Bei den Zionisten zu Gaste" überschriebenen Artikel gelangt. Als ob es nirgends ausserhalb Polens Zionisten gäbe, als ob es nirgends ausserhalb der ehemaligen Republik leichtfertige Verleumder des Zionismus gäbe —so will der Artikelschreiber im Zionismus eine auf polnisches Territorium beschränkte Bewegung erblicken, deren Endziel es sei, dem Judentum das Heft in die Hand zu drücken, die Abraham und Moses zu den Nachfolgern der Piasten zu machen. Welch lächerlich enger Gesichtskreis! Es will uns fast bedünken, dass wir es hier mit einem Neuling in zionisticis zu tun haben, mit einem Menschen, der wohl viel Ungeheuerliches und Grauenerregendes über Juden und gar schon über Zionisten hörte und las, der aber das erstemal eine zionistische Versammlung besuchte. Das Milieu, das er hier antrifft, scheint in einem solchen Kontraste zu seinen bisherigen Vorstellungen darüber zu stehen,, dass er aus dem Staunen nicht herauskommt. Er schreibt: „Lichtfluten, Menschenmassen. Der Saal der „Neuen Harmonie" ist bis aufs letzte Plätzchen mit jüdischer Intelligenz gefüllt. Es wimmelt, es flimmert, es rauscht, Atlasse und Seidenstoffe glänzen, Kolliers und Halsbänder spielen in Regenbö gen färben, es türmen sich rotgoldene, kastaniendunkle und rabenschwarze Haararrangements (c o i f u rr ey). Das ist nicht mehr die jüdische Gasse. Das ist die Blüte der Gesellschaft. Das ist nicht mehr Kontor und Marktbude, sondern freie Berufe, repräsentiert durch Advokaten, Aerzte, Techniker, Architekten, Hochschüler, Frauen und Mädchen, die zum Lichte streben. Alle wurden sie hergelockt von der zionistischen Idee, deren Verkünder im Königreich Polen der Zionistenbund. ist, der eine immer weitere, immer kühnere Agitation nach aussenhin entfaltet." Das Ungewöhnliche — das für den polnischen Journalisten Ungewöhnliche —, das er hier zu sehen bekam, hat ihn so im Banne gehalten, dass er über dem „Wie" auf das „Was" vergass. Er weiss getreulich zu vermelden, ob ein Redner ein gutes oder ein minder gutes Polnisch sprach. Die Worte aber schwirrten an seinen Ohren nur so vorbei, er fing das eine und das andere auf und flickte daraus einen Bericht zusammen. Darnach war der Verlauf der Versammlung folgender: In seiner Eröffnungsansprache bezeichnet der Vorsitzende Advokat Jasinowski als Zweck der Versammlung das Werben neuer Anhänger und die Zerstreuung der Legende von dem reaktionären und schädlichen Zionismus. Hierauf sprach der Warschauer Arzt Dr. Müntz. Er bedauerte, dass die Zionisten seit dem Minsker Kongresse von der polnischen Presse auf die Anklagebank gesetzt wurden, dass diese Presse keine authentischen Nachrichten an der Quelle sucht, sondern nur zu oft ihre Nachrichten aus der Luft greift. Die Assimilation — bemerkte Redner — sei auch vom Standpunkte der polnischen Gesellschaft verwerflich, weil sie eine Aenderung des typisch-nationalen Charakters der Polen nach sich zöge. Aus diesem Grunde schon sollte die arische Gesellschaft den Zionismus unterstützen. Den Glanzpunkt des Abends bildete unbestritten die zweistündige Rede Sokolows. An der Hand der Geschichte ging er sämtliche Phasen der Nafcionalidee bei den