Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Vorrede von M. L. Lilienblum zum Werke Dr. J. B. Sapirs über den Zionismus
Date
1903-01-09
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316017-3327624--36697-3327757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaction und Administration: WIEN IX., Tflrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpts nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von 73I2—7J Uhr. Preise der Anzeigen: l»ut aufliegendem Taurif. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. B^7Hrfon?oiofl 1 Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr, 3.—. Für das ^Mppiniarj, Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig MTc. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig ß. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 2. Wien, 9. Jänner 1903 — 10. Tebeth 5663. 7„ lahrgang Vorrede von M. L. Lilienblum zum Werke Dr. J. B. Sapirs über den Zionismus. Wir bringen diesen Artikel des rühmlichst bekannten hebräischen Schriftstellers und eines der ersten Vorkämpfer der jüdisch-nationalen Idee, M. L. Lilienblum, der, zwar nur ein Vorwort zu einem in deutscher Uebersetzung erst erscheinenden Buche, doch von prinzipieller Bedeutung ist. Wir benützen hiermit auch die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf das Buch von Dr. J. B. Sapir über den Zionismus zu lenken, welches in deutscher Uebersetzung nächstens erscheinen wird. Das Buch gibt eine Darstellung der Theorie und Praxis der zionistischen Bewegung, sowie ihre Entstehungsgeschichte. (Anm. d. Red.) Das Schicksal der zionistischen Idee ist ebenso merkwürdig wie das Schicksal des Judentums selbst. Man sollte meinen, dass ein Volk, welches sein Leben zur Zeit der ältesten Pharaonen begann, bei dem Untergange aller Völker des Altertums, angefangen mit den alten Chettäern, die nur in den ältesten Schriften erwähnt sind, und beendet mit dem klassischen Rom, zugegen war, und welches nebenbei an den Angelegenheiten der ganzen Welt starken Anteil nahm, weder die neuesten wissenschaftlichen Erfindungen noch den Boerenkrieg ausgenommen; dass ein Volk, dessen Glieder auf der ganzen Erdkugel wirkend tätig sind, ohne ein Plätzchen freizulassen; dass ein Volk, dessen Geistes-Quintessenz — die Bibel — in alle Sprachen und Dialekte, die auf unserem Planeten existieren, übersetzt ist, mit einem Worte, dass solch ein Volk, welches den gesamten, der Menschheit bekannten Raum an Zeit und Ort einnimmt, vollständig erforscht und jedermann genau bekannt und verständlich sein müsste. In der Tat aber ist ein Nichtjude, der die Juden kennt, eine seltene Ausnahme. Man fürchtet, man hasst den Juden und beschuldigt ihn sogar solcher Verbrechen, die einander ausschliessen. Auf die Frage: Was ist der Jude? bekommen wir oft die entgegengesetztesten Meinungen zu hören, wie z. B. : Der Jude ist Kosmopolit und Nationalist im engsten Sinne des Wortes,, der Jude ist Grosskapitalist und zugleich Umstürzler, der Jude ist ein abergläubischer Fanatiker und ein Ketzer, der Jude ist ein Feigling und ein Ritualmörder u. s. w, Wenn dies alles im höchsten Grade merkwürdig ist, so sind die Beziehungen der Mehrheit der Judenheit zur zionistischen Idee nicht weniger merkwürdig. Letztere ist ebenso alt, wie Israel selbst. Ungeachtet dessen, dass der Begriff vom Volke an und für sich unzertrennlich vom Begriffe von seinem historischen Territorium is% ist die zionistische Idee, das heisst die Zugehörigkeit Palästinas an Israel, nach den Bibelerzählungen, anders gesagt, nach dem Geiste des Judentums selbst, sogtr viel älter als selbst dieses Volk. Noch 400 Jahre vor der Formierung des jüdischen Volkes ist Palästina der Nachkommenschaft unseres Stammvaters Abraham versprochen worden. Dieses Versprechen ist von Geschlecht zu Geschlecht bis Moses wiederholt worden, findet später oft bei den Propheten Erwähnung und diente als Glaubensdogma. Die Hoffnung auf Verwirklichung dieses Versprechens, das heisst auf Verwandlung der zionistischen Idee in eine vollendete Tatsache, verliess das jüdische Volk während der ganzen Zeit seiner Wanderung nicht. Täglich flehte es Gott in seinen Gebeten um Beschleunigung dieser Zeit an und diese Erwartung gab ihm die Kraft, sein langes, einzig dastehendes Martyriologium zu ertragen. Man sollte meinen, dass beim ersten Aufruf zur Verwirklichung dieser Idee alle Juden den Sinn derselben sofort begreifen, sich durch sie begeistern, sie verbreiten und sie zum Zwecke des gegenwärtigen Judentums machen müssten. In der Tat aber begreifen wenige Juden diese Idee vollkommen und nicht alle erweisen ihr die gebührende Achtung. Viele Juden fürchten sie gar, stehen ihr feindlich gegenüber und schreiben dem Zionismus zwei einander abschliessende Richtungen — die reaktionär-fanatische einerseits und die ketzerischantireligiöse andererseits — zu. Gleichzeitig ist der Zionismus für die einen ein Hirngespinst und für die anderen eine Sache, welche bei ihrer Verwirklichung das Judentum zugrunde^ richten wird. Es ist also klar, dass die zionistische Idee ungeachtet ihres hohen Alters in der Theorie und der mehrjährigen praktischen Tätigkeit ihrer Jünger, die für ihre Verwirklichung arbeiten, immer noch nicht erlernt und verstanden ist. Viele wollen sie leider nicht verstehen; die einen^ w^i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.