Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Article
- Die jüdische Emigrationsfrage
- Date
- 1903-01-02
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Die # Welt14 Nr. 1 Es ist wahr, dass maxi vor Jahren, als die russische Emigration ihre Höhepunkte erreichte, dass man damats zu grösseren Beratungen zusammenkam, um möglichst planmässig vorzugehen. Und auch das ist wahr, dass damals manches, ja sogar vieles geschehen ist. Liest man aber heute die Protokolle der damaligen Verhandlungen, so muss uns mehreres auffallen. Zunächst sehen wir da Standpunkte vertreten, die uns heute ausserordentlich lächerlich vorkommen, doppelt lächerlich, wenn wir bemerken, mit welchem Beifall sie damals aufgenommen wurden. Vor allem aber wurde die Zukunft so gut wie ganz vernachlässigt. Es ist die alte Erfahrung, dass man bei uns Juden sieh von Katastrophe zu Katastrophe aufrafft, zu irgend einer „Tat", und von jedem neuen Unglück ebenso überrascht ist, wie von den früheren. Auch die Gründe sind ja eigentlich klar genug: Wenn es gilt, über eine jüdische Frage zu beraten, so beruft man die Spitzen der Judenheit. In erster Linie werden verlangt: die Inhaber von Titeln, Orden und Bankkonten. Fachleute sucht man nicht, und es.gibt keine Fachleute, weil man nie weiche sucht. So kann es vorkommen und kommt vor, dass die minimalste Beschäftigung mit jüdischen Dingen, der blosse Anschein kaufmännischen Blickes und die geringste und oft verkehrteste propagandistische Tätigkeit höchst unqualifizierte Leute an die Oberfläche von Bestrebungen und an die Spitze von Vereinstätigkeiten treibt. * Bei solchem Stand der Dinge, und besonders bei dem riesigen Umfange der jüdischen Auswanderung scheint mir folgendes nötig zu sein: Wir brauchen ein Auswanderungsamt, eine Zentralstelle mit Zweigbüreaus in allen Auswanderungs- und Einwanderungsländern, mit Vertrauensmännern resp. .Unterorganisationen an allen in Betracht kommenden Orten, mit einer hinreichenden Anzahl geschulter Kräfte, die jederzeit überall verwendet werden können, und mit einem Auf klär ungsdienst, dem aTle jüdischen Zeitungen für seine Veröffentlichungen zugebote stehen, und der die Mittel hat, um selbständig durch Broschüren und Flugblätter eine umfassende Tätigkeit zu veranstalten. Ich bin mir wohl bewusst, eine wie grosse Organisation hier nötig wäre. Aber ich habe auch einen Begriff von den ungeheuren Verlusten an Juden m. ensclien und Juden tum, wie auch an Geld, Zeit und Energie, die wir und unsere Sache täglich erleiden und erleiden werden, so lange eine Organisation, wie die hier nur angedeutete, nicht geschaffen sein wird. Wir haben ein gutes Muster für das, was hier nottut: Das unter der Regierung der verstorbenen Königin in London etablierte Emigrants Information Bureau (London, Westminster, 31, Broadway). Wer sieh für die Sache interessiert, mag sich die Mühe nehmen, dort hinzuschreiben, um sich über irgend eine englische Kolonie zu informieren. Er wird eine Broschüre bekommen, für die ein nomineller Preis berechnet wird. Nominell wegen seiner Niedrigkeit (meist 1 Benny) und noen nomineller dadurch, dass die Broschüren meist gratis versandt werden. (Briefe an das Büreau brauchen nicht frankiert zu sein! Das gilt für die englischen Emigranten — es soll kein Wink für diejenigen sein, die sich nun auf meine Veranlassung dorthin wenden werden. Ich wollte nur zeigen, wie leicht es dem Auswanderer gemacht wird, Informationen einzuziehen. Ein Beispiel für unser künftiges „Emigrants Information Büreau".) In den Broschüren steht alles. Man findet darin eine Karte des Landes, man erfährt alles nötige über die Beisewege, über die Landesverhältnisse, über den landesüblichen Lohn in allen Berufen, vom ungelernten Goldgräber bis zum ausgebildeten Mechaniker, vom Dienstmädchen bis zur Gouvernante. Man erfährt, wie teuer im Juli die Kartoffeln sind, und was man für Kleider und Schuhe zu bezahlen hat. Jedes Vierteljahr wird ausserdem in allen Postanstal teil und sonstigen Behörden eine Anzahl von Plakaten angeschlagen, aus denen Aenderungen etc. hervorgehen, und es geht sogar noch weiter: Da England nicht nur für seine Emigranten, sondern auch für seine Kolonien zu sorgen bestrebt ist, erscheinen von Zeit zu Zeit Inserate in den Zeitungen, in welchen freie Ueberfahrt und freies Land annonciert werden, je nach den Bedürfnissen der betreffenden Kolonien. ' Eine jüdische Institution, welche zu diesem Zwecke geschaffen wurde, muss die ganze jüdische Emigrationsfrage in der ausserordeutlichsten Weise beeinflussen. Manches ist oben schon angedeutet. Wir sehen einen regelrechten Dienst, der eine bestimmte Ausbildung erfordert, wir haben die Möglichkeit vor uns, unserem studierenden Proletariat ein neues, grosses Feld der Tätigkeit zu eröffnen, und es würde dadurch ein ernsthaftes unl umfassendes Studium der Judenfrage in allen ihren Einzelheiten eingeleitet. Aber noch vieles andere ergibt sich aus einer solchen Organisation. Ich will an dieser Stelle nur eins herausgreifen, nicht weil es das wichtigste, sondern weil es frappant genug ist, um zum Nachdenken anzuregen. Es wird sich das Bedürfnis herausstellen, eigene Schiffe für die jüdische Emigration in Dienst zu stellen. Wir haben schon ab und zu das Projekt auftauchen sehen, dass eine Pilgerreise von Juden nach Palästina auf einem Schiff mit koscherer Küche unternommen werden soll. Die Sache ist auch nicht unwichtig, wie mir viele zugeben werden. Wie ungleich wichtiger aber ist es für die vielen Tausende, die feden Monat über das Weltmeer gehen, eine Fahrgelegenheit zu haben, welche ihnen eine menschenwürdige Behandlung, eine erträgliche Ueberfahrt und einen wesentlich reduzierten Preis sichert. *. So weit es im Rahmen eines Zeitungsartikels geschehen kann, glaube ich, das Problem und die Möglichkeit seiner Lösung gezeigt zu haben. Es fragt sich noch, wer die Schaffung der notwendigen Organisation in die Hand nehmen kann, welche Organisationen und welche finanziellen Mittel dafür in Anspruch genommen werden könnten. Es will mir scheinen, dass hier eine gemeinsame Aktion der vier grossen jüdischen Organisationen das Gebotene wäre, nämlich der „B?ne Brith", der „Jewish Oolonization Association", der „Alliance Israelite", und der zionistis.chen Organisation. Welche von diesen grossen Körperschaften in der Frage aiieh die Führung nehmen möge, es wird ein unvergängliches Verdienst sein, an dem auch die anderen ihren Teil werden beanspruchen können, je nach ihrem. Anteile an der Arbeit, Richtigstellung. Der Autor der von uns in der vorletzten Nummer gebrachten rumänisch-jüdischen Novelle „Aus Versehen" heisst nicht Gorovici, sondern G oroveu Briefkasten der Redaktion. Wir gestatten den Abdruck unserer Notizen nur unter Quellenangabe. Bei Original-Artikeln ist jedoch v o r fi e r die Genehmigung der Autoren einzuholen. Redaktion der „Welt". H. H. Kopp, Hetväsz, E. Leitner: Wurde der N. F.-Kommission überwiesen. Korrespondenzen, die nicht bis Montag abends in unseren Händen sind, werden für die nächste Nummer nur ausnahmsweise berücksichtigt. Die Red. Spenden. Für den jüdischen Nationalfonds: K „South*African Zionist Association", Johannesburg, zur Eintrag ung des Rev. Dr. Josef H. Hertz ins Gold. Buch . 240.— Sektion „Tikwas Israel", Sektion „Dr. Lippe", Jassy (Präsident Leon Silver, Vizepräsident Josef Leibovici; Mitglieder: J. P. Zeide, J. Bercovici, M. Zeide, M. Diamant, M. Luzer, M, Silbermann, J. Lazar, M; Goldstein, R. Spiegier, Z. Josefsobn, M. Rabinovici)...... 237.62 „Sulamith", Holleschau z. Promotion des Dr. jur. L. Meisel 1.— jur. J. Fried, „ „ 1.— Sammlung A. Bers, R.....a. D ..: A. J. Shiboter Rubel 0.50, Bers und Frau 2.70, S. Magitsch 2.—, R. Rosinski 0.50, J. Marmelstein 0.50.......... 15.62 R.....a D ..: Sammlung bei der Hochzeit Moritz Holubzik: Bräutigam Feitel Klein Rubel 0.50, Juda Wolf