Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Article
- Die jüdische Emigrationsfrage
- Date
- 1903-01-02
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Mr. 1 „Die Weit4* Seite 11 schränken. Aber nichts kann klarer sein, als dass die „feinste Verteilung" auch der Untergang des religiösen Judentums wäre. Unser religiöses Gesetz ist auf ein Volk, das in einem l.nnde lebt, zugeschnitten, und verlangt Zusammenkünfte von Juden, nieht nur für die Feste, sondern auch für das tägliche Gebet. Ich kenne eine Jüdengemeinde irgendwo im Orient, die 10 erwachsene männliche Mitglieder zählt, und die in alter Treue am Gesetze hängt. Es ist klar, dass es für diese Leute eine Katastrophe wäre, wenn einer von ihnen auf irrenden e Weise der Gemeinde verloren ginge. In weitem Umkreise von dieser Zwerggemeinde leben — wieder von einander getrennt — zwei einzelne judenfamilien, und ich kann als Augenzeuge berichten, wie diese beiden zu Pessach nach dieser „Hauptgemeinde" von 10 Juden reisten, und habe einen ungefähren Begriff davon bekommen, was es für arme Leute, die ohnehin um ihre Existenz kämpfen, bedeutet, für mehrere Wochen ihren ganzen Hausstand nach einem anderen Orte zu verlegen, von dem sie eine Tagereise entfernt wohnen. Trotzdem also das Prinzip der Zerstreuung, welches wir bis in die neueste Zeit aus eiöem gesunden Instinkt heraus als den Zerfall des Judentums und als eine Fortsetzung der Jahrtausende alten Vernichtungskriege gegen die Juden betrachtet haben, ebenso von den Religiösen, wie von den Nationalen unter uns aufs allerentschiedenste bekämpft werden sollte, sehen wir es von Tag zu Tag unter Anerkennung der offiziellen Judenheit wohl aller Länder immer konsequenter durchgeführt. Gegen diesen folgenschweren Irrtum, der, so weit er um sich greift, mit Naturnotwendigkeit zum Verschwinden de)r Juden und des Judentums führen muss, soll endlich ein energischer Feldzug eröffnet werden. Es muss in Wort und Schrift auf die Gefährlichkeit dieser kürzlich zur Herrschaft gelangten Tendenz hingewiesen werden, und religiöse wie nationale Juden sollten alle ihre Kräfte daran wenden, das Uebel zu bekämpfen. Die Sache wird noch grösser, w^nn man bedenkt, dass hier ein Boden ist, auf dem alle positiven Elemente im Judentum ein gemeinsames Arbeitsfeld finden. Und gerade von diesem Punkte aus wird ein Zusammenarbeiten in allen anderen jüdischen Fragen sieh von selbst ergeben, denn wenn wir das Problem weit genug fassen, so liegen alle anderen Teile der jüdischen Frage innerhalb derjenigen der Judenwanderung. Die Judenwanderungsfrage ist die Judenfrage. * Um ein schlechtes Extrem energisch bekämpfen zu können, muss man -das Entgegengesetzte als Forderung oder doch wenigstens als Losungswort aufstellen. Es ist ja klar, dass jedes Extrem schlecht ist, aber wenn man über ein Ziel hinausgegangen ist, ist es notwendig, haltzumachen, und in der entgegengesetzten Richtung zu gehen. Und es ist auch nicht anzunehmen, dass man nach der Verirrung in einer Eichtling sich nun schnell ebenso weit nach der entgegengesetzten Richtung verirren werde. Ein verirrter Wanderer wird beim Rückwege vorsichtiger sein. Wir wollen also zunächst das der Zerstreuung entgegengesetzte Prinzip der Sammlung als Losungswort aufstellen, und es ist klar, dass, wenn wir der feinsten Verteilung der Juden über alle Länder der Welt die kompakteste Sammlung in einem Lande gegenüberstellen, dieses Land schon deshalb kein anderes sein kann, als unser altes Land Palästina, weil die Einigung aller Juden auf ein anderes Land undenkbar wäre. Wir hätten also als das andere Extrem die Forderung der Rückkehr der Juden nach Palästina. *) Die Zigeuner machen vielleicht eine Ausnahme. Aber weder nach ihrer Zahl, noch nach ihrem Ausbreitungsgebiete kommen sie neben uns in Betracht, und vor allen Dingen fehlt ihnen der religiöse und nationale Zusammenschluss, die gemeinsame Tradition, die der Zerstreuung in so viele Länder gegenüberstehen würde. Wir haben schon gesagt, dass jedes Extrem schlecht ist. Wir haben aber auch gesagt, dass ein Extrem ein gutes Losungswort sein kann für die Umkehr auf falschem Wege. In diesem Sinne ist die extreme Forderung der Rückkehr aller Juden nach Palästina nur die extreme Fassnng des gesunden Gedankens und der einzig vernünftigen Politik, die darin liegt, der weiteren Zerstreuung Halt zu gebieten, die zu weit vorgeschobenen Posten nach Möglichkeit zurückzuziehen, die Auswanderung so weit als tunlich hinanzuhalten, un$, soweit sie unvermeidlich ist, sie zu zentralisieren. Mit den bestehenden und zu diesem Zwecke zu schaffenden die ganze positive Judenheit umfassenden Organisationen ist die Lösung der Judenfrage möglich. * Nachdem das Ziel gezeigt ist, heisst es, jetzt auch die Wege zu zeigen, und wieder haben wir von den bisherigen Fehlern und Mängeln zu lernen. Es ist vorgekommen, dass rumänische Auswanderer sich planlos auf den Weg machten, von Station zu Station über Budapest, Wien und Frankfurt von den respektiven Komitees nach London weitergesandt wurden, weil man glaubte, dass von dort aus die Ueberfahrt nach Amerika billiger wäre. Die Sache war so grotesk, dass die Legende auftauchte, die bösen Zionisten hätten die Emigration künstlich nach London geleitet, um den reichen Londoner Juden eine Lektion zu erteilen. Dieser „teuflische Plan" (so bezeichnete ein hervorragender englischer Jude die Sache mir gegenüber) wurde weidlich gegen die Zionisten ausgenützt, bis es sich herausstellte, dass die „Alliance Israelite" für den Umweg verantwortlich wäre. Weniger vor der grossen Oeffentlichkeit haben sich zahlreiche derartige Emigrationsmalheurs selbst in den letzten Jahren noch abgespielt. Mir sind Fälle bekannt, in denen Leute die unglaublichsten Umwege, Verzögerungen, Verspätungen und Entbehrungen durchmachen mussten, weil man, von der Ansieht ausgehend, dass Schnellzüge und Dampfschiffe teurer sein werden als Bummelzüge und Segelbote, den Emigranten Reisewege vorgeschlagen hat, die nicht nur an Zeit, sondern vielmehr noch an Geld bei weitem über die üblichen bekannten und zuverlässigen Reisewege hinausgingen. Ein besonders häufiger Fehler bestand darin dass Emigranten nach Amerika per Zwischendeck reisten, um die 10 Dollars, welche die zweite Klasse mehr kostet, noch „drüben" zu haben. Das Resultat war in unzähligen Fällen, dass der Zwischendecker, weil er nicht die vorgeschriebenen 30 Dollars vorzeigen konnte, nach Europa zurückgesandt wurde, während der Passagier zweiter Klasse in New-York an Land geht, wie man bei uns aus einer Pferdebahn steigt — d. h. ohne die mindesten Formalitäten. Aber dies betrifft der Hauptsache nach nur die Reisewege, über die man sich bei einiger Vorsicht immer noch orientieren könnte. Bei den Reise zielen ist das viel schwerer. Es genügt nicht, wenn der Emigrant sich auf die Nachrichten verlässt, die er vor Jahren von inzwischen verschollenen Verwandten oder Bekannten bekommen hat, und doch spielen solche Nachrichten, die meist nicht mehr zutreffend sind, wenn sie es je waren, vielleicht die grösste Rolle bei der Wahl des „neuen Landes". Es genügt auch nicht, wenn die Nachrichten frischeren Datums sind. Der einzelne Emigrant, der ja meistens dem Proletariat angehört, ist nicht fähig, die Lage eines Landes, einer Industrie etc. zu beurteilen, und wird von Veränderungen meist nichts spüren, bis sie ihn persönlich treffen. Viel ist auch in der Richtung gesündigt worden, dass man die Emigration nach bestimmten Ländern hat fortdauern lassen, wenn es an der Zeit gewesen wäre, sie durch eine geeignete Aufklärungsarbeit einzudämmen. Statt dessen hat man gewartet, bis zwangsweise Einschränkungen von Seiten der Einwanderungsländer verfügt wurden. Ja, es ist sogar vorgekommen, dass in aller Oeffentlichkeit Emigrationsländer empfohlen wurden, die zur Zeit und auf lange hinaus verschlossen waren, wie Südafrika und Kleinasien.