Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 51 (19.12.1902)
- Article
- Gegner und Feinde
- Date
- 1902-12-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt*6 'Nr. 51 Wir, die Gegner, sagten ihnen: Ihr möget tadellose Männer sein, die kein Geäetz £u scheuen haben und keinen Richter fürchten. Das Schlimmste, das ihr begangen habt, steht sicherlich noch immer innerhalb des Rahmens der staatlichen Norm. Ihr habt die Macht, die euch gegeben war, nach Kräften ausgenützt; der Staat gab ja wohl die Macht, damit man sie nütze; ihr habt für unsere Armen zu wenig getan: der Staat verlangt nicht mehr von euch; ihr habt das Schifflein der Religion schwimmen lassen, wie es wollte: der Staat wird euch darob nicht böse sein; ihr habt keinen Paragraphen verletzt und ihr seid sicherlich keine Verbrecher. Nur weist jetzt auf eure Verdienste hin. Wenn ihr genau zuseht, so werdet ihr finden, dass ihr jetzt soviel getan habt, als euch die Gesetze , vorschrieben, just soviel, dass ihr den staatlichen Vorschriften genügt. Wir haben es euch nun als Gegner so und so oft gesagt: indem ihr den gegenwärtigen Zustand erhaltet, verleugnet ihr die Vergangenheit und vernichtet die Zukunft; ihr nennt euch die Konservativen und euer Gebaren bedeutet die Preisgebung des Wenigen, das noch besteht. Wir aber, die Umstürzler, wollen erhalten und erbauen. Darum kämpfen wir gegen die Schliche und Pfiffe, die jeder Konservatismus zur Abwendung einer Aenderung bereit hat. Sind die Kunststücke, die von der herrschenden Partei in Wahlangelegenheiten zur Verstärkung ihres Anhanges und zur Schwächung des Gegners geübt wurden, sind das jüdische Kunststücke? Nein. Sie haben sie vielmehr von den Nichtjuden gelernt. Und genau so, wie sich die nichtjüdische Gemeinschaft gegen dergleichen Praktiken wehren musste, so hat auch die jüdische Gemeinschaft, deren Nöte wir zu erkennen glaubten, zum mindesten sagen müssen, was sie leide. Denn die Lenker unserer Gemeindegeschicke glaubten früher vielleicht — vielleicht! — dass alles gut sei, was sie taten. Jetzt kennen sie die Wünsche der Menge und wenn sie sie nicht erfüllen, so sollen sie wissen, dass sie unrecht tun. Wir hatten die Pflicht, zu reden. Was wir als Gegner gesagt hatten, das wiederholten dann freilich die Feinde. Was wir als'unjüdisch, als schädlich für das Judentum bezeichnet hatten und wogegen wir just aus unserem jüdischen Gefühl heraus mit aller Deutlichkeit Einsprache erhoben, das bezeichnete dann der Antisemitismus als jüdisch, das wollte er dem Judentum als Gegner in die Schuhe schieben. Wie oft ist es doch schon geschehen, dass verwerfliche Taten des einen Juden der Gesamtheit aufs Kerbholz geschrieben wurden. Haben sich da die Wortführer des Judentums nicht stets mit Recht gegen die Verallgemeinerung gesträubt? Haben sie nicht oft genug selbst die Methode dieser Unterstellungen an Exempeln vorführen können? Haben sie nicht stets zwischen den Juden und dem Judentum scharf geschieden? Nun denn, das waren dieselben Herren, die heute uns verdammen, weil die Antisemiten ihr altes Spiel wieder trieben. Sie mögen doch scheiden zwischen dem Judentum, dem seine Feinde Vorwürfe machen, und den einzelnen Juden, die diese Vorwürfe verdienen. Denn dass sie einmal diese Einzeljudenseiber sind, gibt ihnen kein Recht, die eigene Logik umzustülpen. Man hat es stets abgelehnt, sich mit denen zu identifizieren, die dem Judentum Schande machten. Wir haben immer und immer wieder erklärt, dass wir keine Gemeinschaft mit den Leuten haben wollen, die durch ihre Lebensführung ihr Volk mehr kompromittieren, als es irgendein Angehöriger eines fremden Namens vermöchte. Wir wissen es am besten, dass ein&' Solidarität zum Schutze der Uebeltäter unter uns bloss ih der Phantasie unserer Feinde besteht. Warum will also dieses offizielle Judentum, das die Pflichten einer solchen Solidarität -niemals übte, jetzt deren Rechte geniessen? Warum folgt es gar' so bereitwillig dem Antisemitismus auf dem Gedankengange, der geflissentlich die Unterschiede nicht sehen will? Es ist bequem, die eigenen Fehler heuchlerisch auf das Konto der Gesamtheit setzen zu lassen und dann zu beweisen, dass der Gesamtheit unrecht geschieht. Aber damit ist zu viel bewiesen und somit gar nichts. Schwerer war es, gegen unsere enger umschriebenen Behauptungen den Beweis zu erbringen, und man hat es deshalb auch kaum versucht. Das hat sich gerächt. An die Stelle der Gegner traten die Feinde und hieben mit schärferen Streichen zu: sie sind nicht wählerisch in ihren Mitteln und hauen, wohin sie just treffen. Für die Vorstellungen der Juden blieben sie taub, die Anwürfe der Antisemiten gellen ihnen jetzt ins Ohr. Die Stimme des Gewissens konnte nur der Feind erwecken. Und wenn daraus die Wendung zum Besseren entspringt, haben die Antisemiten den Juden genützn Gewiss gegen ihren Willen. Aber dass sie jetzt ertt* fühlen, ist eine Schande lür die, die früher nicht höres wollten. d. Ein russischer Priester über den Zionismus. Der russische Priester Grigorij Spiridono witsch Petrow zählt zu den hervorragenden und populären Persönlichkeiten des modernen Russland. Bereits vor Jahren publizierte Petrow ein interessantes Buch unter dem Titel „Das Evangelium als Grundlage des Lebens", in welchem tiefe Menschenliebe gepredigt wurde. Auch alle seine späteren publizistischen Arbeiten trugen das Gepräge eines eigenartigen und gereiften Talentes, das sich dem Wohle des Menschen widmete. Besonders grosse Aufmerksamkeit wendete Priester Petrow den Juden zu. Um die Juden in ihrem Alltagsleben kennen zu lernen, bereiste Petrow Russland, Galizien und sogar Amerika und studierte namentlich das Ghetto in New-York. Vor wenigen Monaten publizierte der edle Priester einen längeren Artikel über die Juden in Galizien, welcher von der russischen Tagespresse lebhaft kommentiert wurde. In diesem „Ein jüdisches Reich" betitelten Artikel bemühte sich Petrow, die Lage und die Eigenschaften unserer Brüder in Galizien wahrheitsgemäss zu schildern und gegen die überall an Umfang gewinnende Judenhetze energisch zu protestieren* Mit diesem populären Priester hatte ein Redakteur der Petersburger „Nowosti" unlängst eine Unterredung über den Zionismus und seine immer zunehmenden Erfolge. Was Priester Petrow auf Grund seiner langen Erfahrungen und Beobachtungen über den Wert der jüdischen Volksmassen sagte, ist nur geeignet, die Anhänger des Zionismus in ihrem Kampfe um die Verwirklichung der grossen Idee zu ermutigen, die Gegner des Zionismus aber zu entwaffnen. Und sogar die wenigen Einwendungen, welche Priester P e t r o w gegen die praktische Seite des Zionismus erhebt, sprechen zugunsten der Idee. Priester Petrow sagte unter anderem folgendes: „Die zionistische Bewegung ist mir in allgemeinen und. grossen Zügen bekannt. Die moralische, allgemein menschliche Seite dieser Bewegung interessiert mich in erster Reihe, ebenso wie mich in der jüdischen Frage im allgemeinen hauptsächlich diese Seite interessiert Als Mensch, ala Christ und als Priester bin ich durch die Hetze tief betrübt, welche gegen eine ganze Nation eröffnet wurde. Unser Urteil über die Juden ist oberflächlich und kurzsichtig. Ich kenne