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Die Welt · 1902-12-19 · 51 (19.12.1902) · p. 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
51 (19.12.1902)
Article
Gegner und Feinde
Date
1902-12-19
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R, 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 51. Wien, 19. Dezember 1902 — 19. Kislev 5663. 6u lahrgang Gegner und Feinde. (Die Zionisten und die antisemitische Presse.) Während der letzten Wahlbewegung wurde den Zionisten und deren Verbündeten von denen, die als offizielle Vertreter des Judentums gelten, ein merkwürdiger Vorwurf gemacht. Gar oft, wenn wir in Versammlungen oder in unseren publizistischen Organen den Herren des Kultusvorstandes ihr Sündenregister vorhielten, nahm die antisemitische Presse von den für die jüdischen Repräsentanten wenig schmeichelhaften Tatsachen Kenntnis und schaffte ihnen Verbreitung auch im Kreise ihrer Leser; man kann nicht sagen, in antisemitischen oder auch nur in nichtjüdischen Kreisen. Denn auch eine grosse Anzahl von Juden erhielt erst durch die Lektüre der antisemitischen Organe Kunde von der Wirtschaft der „Männer ihres Vertrauens" und von den Desiderien der Opposition. Die antisemitischen Blätter selbst stellten mit einer gewissen Genugtuung fest, dass die leitenden Kreise der Judenschaft ihren Artikeln grosse Aufmerksamkeit schenken. Man kann hinzufügen: jenen Artikeln insbesondere, die nicht viel mehr waren als Ausschnitte aus den jüdischoppositionellen Blättern. Und die Kenntnis dieser Artikel hätten sich doch die gesagten Herren viel unmittelbarer und angemessener aus den jüdischen Blättern selbst verschaffen können, nämlich wenn sie wollten. Da Zeitungenjedermann zugänglich sind, brauchten wir uns gegen den Vorwurf, dass die Antisemiten von unseren Veröffentlichungen Kenntnis nahmen, nicht zu verwahren, wenn hinter dem Hinweis auf diese Praxis der judenfeindlichen Blätter sich nicht eine kleine Verleumdung versteckte. Man deutet an, was man seit geraumer Zeit nicht mehr lauf zu sagen wagte: Ihr habt dem Judentum seine Fehler gezeigt und die Antisemiten zeihen uns jetzt der gleichen Laster. Antisemiten und Zionisten haben gemeinsam das Gleiche an uns auszusetzen. Gemeinsam! Merkst du was, geliebter — Wähler? Oftmals tauchte auch der viel missbrauchte Vorwurf des „Chillul Haschern'4 auf. Das ist nun die bequemste Art der Verteidigung gegen unerwünschte Angriffe, Man schiebt die göttliche Autorität vor, wo man sich selbst getroffen fühlt und hat die Vermessenheit, den Hieben, die nur allzuscharf sitzen würden, jemand entgegenzustellen, dessen Autorität wie durch einen Majestätsbeleidigungs-Paragraphen geschützt ist. Man flüchtet hinter seine Unverletzlichkeit und umkleidet frevelmütig mit seinem Strahlenkranze die eigene lächerliche Nacktheit, Die lästerliche Grossmannssucht, die eigenen fehlerhaften Taten als die sakrosankten Emanationen eines göttlichen Geistes erscheinen zu lassen, stellt, wenn sie gutgläubig ist, das ^gröbste Missverständnis einer nur den Worten nach erschnappten Tradition dar und ist, in böser Absicht zur Schau getragen, die aufgelegteste, ausgeprägteste Jesuiterei, die jemals im politischen Kampfe gebraucht wurde. Diese naive oder scheinbar naive Unverfrorenheit, Gott an die eigene und sich an Gottes Stelle zu schieben, hat aber auch noch die Voraussetzung, dass man sich als die Verkörperung des ganzen Judentums sieht und alles, was man selbst verschuldet hat, als eine Schuld des Judentums hinstellt. Wen haben wir aber angegriffen und weshalb haben wir angegriffen? Eine bestimmte Gruppe von Personen hat unserer Ansicht nach die Pflichten ihres Mandates schlecht erfüllt. Bei der Ausübung ihres Ehrenamtes legten sie allzuviel Gewicht auf die Ehren, zu wenig auf das Amt. Insbesondere aber hatten sie des öfteren vergessen, dass speziell das Judentum notgedrungen an seine Vertreter ganz besondere Anforderungen stellt. Kein Zweifel, dass ein protestantischer Kirchenrat, der eine Arbeit leistet, wie sie jeder Kultusvorsteher vollbringen muss, seiner Gemeinde genug getan hat. Wem wir also Vorwürfe zu machen hatten, der konnte nach allgemeinen bürgerlichen Begriffen noch immer eine tadellose Führung haben — wenn er sie sonst hatte. Dem Judentum allerdings ist damit wenig geholfen. Der Mangel an Vorzügen muss bei uns schon als ein Fehler gelten. Wo jemand an einer Stelle, da er hätte nützen sollen, bloss untätig blieb, da hat er in Wirklichkeit geschadet, denn er hat einem anderen die Gelegenheit genommen, nützlich zu sein. Er hat sich am Judentum vergangen, selbst wenn er auch nur die ferneren Möglichkeiten, es zu fördern, nicht erriet.

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