Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Article
- Die Vorgänge bei der Wahl
- Date
- 1902-11-28
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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mM: f^^^^ Seite 7 iteigen und wir sind gestiegen, wenn wir der Scharnossim Herr gewordensind^danii ist unser Sieg sicher« J, U pf im ny. nf;Ein ^orjsc^^Täg für die Seiten Stettengasse. Nach Böen digunig des Skrutiniums in den Axissenjezirken zogen unsere freiwilligen Agitatoren, zumeist Studenten, nach dem Stammsitz des Kanals in die Seiten- Stetten gässe. Hier füllte schon nach 7 Uhr abends eine SOOköpfige Menge den Saal, in welchem die hohe Wahlkommission noch immer beim Skrutinium für die innere Stadt thronte. Dr. Alfred Stern, der Vizepräses der Kultusgemeinde, war schrecklich irritiert, dass gewöhnliche Erdensöhne sich in den geheiligten, bis nun jeder Oeffentlicbkeit versperrten Räumen drängten, an deren Wänden die Bilder * früherer Kultus vorstände, der Ahnen getaufter Söhne und Enkel, hängen; beständig provozierte er die jungen Männer durch barsche Befehle, Zurechtweisungen und mit der ganz überflüssigen Drohung, im Bedarfsfalle die bereitgestellte Polizei von der Gasse heraufzuführen. (Pfui-Rufe.) Doch weder der Zorn dieses Assimilanten noch die offenkundige Verzögerung des Endskrutiniums vermochten unsere Studenten, die ermüdet von der Tagesarbeit stundenlang geharrt hatten, aus ihrer würdevollen Selbstbeherrschung zu reissen. Endlich entschloss sich Kultuspräses kaiserlicher Rat Kling er, von der Zwecklosigkeit jener Manöver überzeugt, das provisorische Ergebnis der Wahl zu verkünden. Die Namen der Gewählten wurden mit eisigem Schweigen aufgenommen; als aber der erste Kandidatur Minorität, Architekt Oskar Marmore k, genannt wurde, schlugen brausende Hedad-Rufe auf. Und Schlag auf Schlag scholl es: „Hedad Dr. Kahn!ö „Hedad Rappaport j* „Hedad Di\ Weisl!" „Hedad Brecher!tt Dann stimmten allesamt spontan den alten Kampfgesang des Makkabäer-Liedes an: „Auf mein Volk zu edlem Tun". Wer da der Herren Assimilanten Antlitze gesehen bat! Die ganze Skala von Gefühlen spiegelte sich auf ihnen wieder : Staunen, Grimm, Angst und ohnmächtige Entrüstung, nur eins nicht — Siegesfreude. Die war einzig das Teil der begeisterten Jungen, die ihr Lied so brausend sangen, dass die Genossen auf der Hausstiege und auf der Gasse mit einfielen und ein rundlicher Herr vom Kahal vor sich hinbrummte: „Ich habs gar nicht gewusst, dass Juden so schön singen können!tf Und als das Lied verklungen war, ertönte es minutenlang: „Hedad dem Zionismus! Hedad!" Dann zogen die Zionisten, Bürger, Akademiker und Arbeiter in geschlossenen Reihen nach dem Prachtsaal des Hotels Zentral, wo nun ein wahres Siegesfest anhob. Nationale Lieder und Reden lösten einander ab und erhöhten die Begeisterung, Redakteur Upfimny rief: „Es ist nicht wahr, dass wir geschlagen sind, wir haben einfach noch nicht gesiegt!" Dr. W e i s e n g r ü n plädierte für den eagsten Zusammenschluss aller nationaljüdischen Gruppen gegen die verendende Assimilation. Gg. Gross geisselte die Gesinnungslumperei der jüdischen Sozialdemokraten, die aus Hass gegen das aufstrebende Nazionaljudentum für die konfessionelle Kapitalisten-Clique agitiert haben; Den grössten Jubel aber erweckten die Ansprachen des Wahlleiters Dr. Bernhard und der beiden Kandidaten Dr. Kahn und Dr. Richard Rappaport, die sämtlich zur Verbrüderung und zur sofortigen gründlichen Vorbereitung der in zwei Jahren kommenden Wahlen aufforderten, die uns trotz aller Ränke den Sieg bringen müssen und werden. Die innige Weise des Od lo owdo schloss den denkwürdigen Tag. Erklärung. Es kommt erst jetzt ..ynach stattgehabter Wahl — zu , unserer Kenntnis, dass an der Börse ein Wahlaufruf für unsere Kandidaten zirkuliert habe, der von einer Reihe uns gänzlich fernstehender, zum Teile auch dem Namen nach unbekannter Personen signiert war. Obgleich das nicht einmal grammatikalisch korrekte und ohne Angabe des Druckers herausgegebene Blatt alle Anzeichen einer plumpen Fälschung an sich trägt, wollen wir doch" hiemit feststellen, dass wir demselben völlig fernestehen, von demselben absolut nichts gewusst haben und diese Kampfesweise entschieden verdammen. Wien, 27. November 1902. Das jüdisc h-n ationale Wahlkomitee. Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Petersburg.- Die Meldung der „Nowosti" über die angebliehe Absicht der Regierung, den Juden den Ankauf von Grund und Boden zum Betriebe von Ackerbau im ganzen Reiche zu gestatten, hat in den einflussreichen, der Regierung nahestehenden Pressorganen, in der „Nowoje Wremja" und im 5,Graschdanin", einen Sturm gegen die Juden entfesselt, der den Assimilanten vieles sagen dürfte. Fürst Mestscherskij, welcher in seinem Betreffenden Artikel im „Graschdanin" sich nicht als unbedingter Hasser der Juden vorstellt, äussert sieh jedoch in sehr gehässigen Worten über die Juden als Ackerbauer und weist das Projekt der Regierung, den Juden in Russland den Kleingrundbesitz zu gestatten, energisch zurück. Die „Nowoje Wremja" schreibt wörtlich: „Warum soll man die Juden, von jener hohen nationalen Aufgabe ablenken, die sie sich jetzt gestellt haben? Sie schicken sich doch an, das Land ihrer Väter — Palästina — anzukaufen. Mögen sie es doch tun. Sie wollen „jüdische Juden" sein, und hierin soll man ihnen nicht feindlich sein. Vom russischen Standpunkte wäre es ein unverzeihlicher Fehler, wenn man jüdischen Kleingrundbesitz in Russland schaffen würde. Jüdische Kolonien im ganzen russischen Reiche! Welch unsauberes Projekt!" Diese Ausfälle, zu einer Zeit, wo die Juden im Niederlassungsgebiete hungern und verkommen, mögen den russischen Assimilanten zeigen, auf welch sandigem Boden sie ihre Hoffnungen auf eine „Wendung in Russland" bauen. * Cherson. Die russische Zeitschrift „Jug" (Süden) enthält in ihrer jüngsten Nummer folgende Notiz: „In wenigen Tagen wird die landwirtschaftliche Schule ihre Pforten öffnen, um Gesuche neuer Reflektanten entgegenzunehmen. Der fünfte Paragraph der Aufnahmsstatuten lautet, dass in die Schule Kinder aller Stände und Konfessionen aufgenommen werden. Gestützt auf diesen Paragraph, werden viele Juden ihre Kinder nach Cherson führen, um sie in der Schule unterzubringen. Aber es erwartet sie grosse Enttäuschung. Den Juden ist nämlich der Zutritt in die Schule seit heuer versperrt. Umsonst haben wir uns nach den Ursachen dieäer plötzlichen Verordnung erkundigt: sie wurden uns nicht bekanntgegeben." * 0,fkarsk \Gouvernement Saratow). Eine Illustration dazu, wie unhaltbar die Lage sogar der gebildeten Juden in Russland ist, liefern die national-russischen „Birschewyja Wjedoraosti'V ein dem russischen Finanzministerium nahestehendes Blatt. Der jüdische Arzt Konjalowitsch stand im Dienste der Sländeverwaltung von Otkarsk als Arzt. , „Ein humaner, wahrheitsliebender und uneigennütziger Arzt", so hatte ihn der Vorsitzende der Verwaltung, Herr Sossjedow attestiert, widmete sieh Konjalowitsch der unwissenden und rohen Bevölkerung von Otkarsk mit Leib und Seele und wurde nicht müde, den Kranken und Armen zuhilfe zu eilen. Er war aber Jude und das genügte, um ihm das Lehen zu verkümmern. Es fanden sieh sogar Mitglieder der Ständeverwaltung, wie Herr Bartenow, welche, den jüdischen Arzt denunzierten und seine Entlassung verlangten. Herr Sossjedow selbst erklärte in einer Sitzung öffentlich: „Der jüdische Arzt Konjalowitsch hat ja zugunsten der Bevölkerung gewirkt, war sparsam mit dem Gelde der Verwaltung, aber er hatte däs Unglück — ein Jude zu sein . . ." Und dieses Unglück hatte ihn so lange verfolgt, bis er dem Dienst und den „lieben christlichen Mitbürgern" von Otkarsk den Rücken kehrte. * Ode s s a. Am . d. M. fand in Odessa die Generalversammlung der Odessaer Palästina-Gesellschaft statt. An der Versammlung nahmen unter anderen folgende Personen teil: Ussischkln, Rabbiner Temkin, Beikind aus Palästina, die Direktorin der weihlichen Schule zu Jaffa, Frau Joffe, Dr. Kohan aus Kischenew, die Agronomen Ettinger und Ljubarskij n. v. a. Die Zahl aller Besucher der Versammlung erreichte 1000. — Der Vorsitzende Grünberg teilte in seiner Eröffnungsrede die Ergebnisse der Entsendung einer Delegation nach Paris mit. Bei dem Rechenschaftsberichte über die Tätigkeit der Gesellschaft für die letzten drei Jahre hielt Daschewskij eine Rede, in welcher er das Vorgehen der Gesellschaft kritisierte, die weder einen Plan noch ein Programm besitze. Der bekannte Lilienblum entgegnete darauf, dass die Gesellschaft über kleine Mittel verfügt, daher sich auf grosse Unternehmen nicht einlassen könne. Nach einigen Reden anderer Mitglieder nach Annahme des Vorschlages des Rabbiners Kreps, den Bericht zu genehmigen und der Gesellschaft das Vertrauen zu votieren, wurden einstimmig folgende Resolutionen gefasst: 1. Ein Drittel der Fonds und der künftigen Einnahmen muss zum Ankauf von Grund und Boden für die jüdischen Arbeiter in Palästina; 2. ein Drittel soll für die Einrichtung der Arbeiter verwendet werden; 3. 25 bis 30 Perzent der Einnahmen sollen auf den Ankauf von Grund und Boden für die Kolonien, ebensoviel auf die Organisation des Unterrichtswesens in den Kolonien;