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Die Welt · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Article
Die Vorgänge bei der Wahl
Date
1902-11-28
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 # wem den der Ordnung" ebendaselbst herumtreiben, und zwar aus „Gründen der Ordnung" gleich haufenweise. Die Geheimnisse der Schreibstuben und Gemeindekanzleien im Wahlgebäude, die in so vielen Bezirken uns so ängstlich verschlossen blieben, entpuppten sich am Abend als Ziffernkolonnen gegnerischer Stimmen. „Was in der Gemeindekanzlei vorgeht, geht niemand etwas an," sagte der Wahlleiter des XVIIT. Bezirkes. Das War die landläufige Ansieht der Gegner, die demnach die Kanzleien nicht als Amt der Allgemeinheit, sondern einer Klique betrachten. Die "Empörung eines Drittels der Wählerschaft dürfte sie von dieser Ansicht bekehren. Auch die Hochmögenden taten alles, um die Versumpfung des Judentums nicht stören zu lassen. Wir haben die dummen Verleumdungen des offiziellen Wahlaufrufes mit seinem., unseren Forderungen merkwürdig ähnlichen Programm bereits an den Pranger gestellt. Um deren Wirkung zu verstärken, wurde ein ganzer Wagenpark, Zetteltxäger, Dienstmänner, Agitatoren aufgeboten. Politische Kinder werden es sich vielleicht einreden lassen, dass die Visitkarten, die persönlich einfhissreiche Funktionäre der Gemeinde, an der Spitze ihr Präsident, zur Versendung brachten, keine Beeinflussung der Wählerschaft bedeuten, obwohl darauf nur die Aufforderung stand, sich an der Wahl zu beteiligen. Es war blosser Zufall, dass dieselbe Post die Kandidatenlisten der Majorität brachte. Solche Kandidatenlisten lagen auch in Menge auf den Kommissionstischen und verschwanden erst auf energisches Einschreiten. Dass Stimmzettel geöffnet wurden, Kommissionsmitglieder höhnische Bemerkungen gegen uns machten und mit Wählern das Lokal verliessen, ist alles ganz in Ordnung. Und endlich dieses Skrutinium! Die Zettel werden der Urne entnommen und einzelnen Kommissionsmitgliedern übergeben. Diese ordnen je hundert Zettel, erklären sie für gleich, der oberste Zettel wird verlesen und hundert Stimmen sind erledigt. Auch in Mariahilf geschieht dasselbe. Unser Vertrauensmann verlangt die Revision eines Paketes mit fünfzig Zetteln, angeblich sämtlich für unsere Gegner. Auf zehn von fünfzig Zetteln befinden sich Namen unserer Kandidaten!! In anderen, sehr wenigen Sektionen liest man zwar jeden Zettel vor, aber das tut nur ein einzelner ohne jede Kontrolle. Von uns wurden folgende, in jeder Art nachweisbare Votfälle der letzten Wahl aufgenommen. Wir haben uns streng bemüht, nur ganz zweifellose Fälle zu beachten, obzwar die Zahl der entrüsteten Klagen Legion ist. > Beim Skrutinium der 1. Sektion verlas Herr Dr. Leop. Komi ordnungsgemäss von den 427 blauen Ersatzwahlzetteln 427mal denselben Namen des "(gemeinsamen) Kandidaten. Dann aber übernahm Dr. Stern den Vorsitz und führte trotz protokollierten Protestes und trotzdem ein Kommissionsmitglied sagte, dass es grossen Unwillen erregen dürfte, unentwegt das Skrutinium mit 2ettelhaufen durch. Im Vorzimmer der 2. Sektion wurden Wählern, die ihre Stimmzettel erst behoben, gleichzeitig mit diesen die offiziellen Kandidatenlisten übergeben. Zur Abstellung dieses Unfuges aufgefordert, lehnte ein Kommissionsmitglied dies mit der merkwürdigen Begründung ab: dass die Herren ohnedies Wähler der Majorität seien. — Ein gewisser Hofbauer wurde dabei beobachtet, wie er Wählern Stimmzettel gegen andere umtauschte, und im Vorzimmer des Wahllokales Agitation betrieb. In unser Agitationslokal kam ein Hof- und Gerichts-Advokat mit der Beschwerde, dass die Stimmzettel geöffnet und angeschaut werden. In der Sektion Tempelgasse trieben sich die Agitatoren der Majorität, darunter erklärte Sozialdemokraten, ungescheut £n sämtlichen Lokalen des Wahlgebäudes herum, beschimpften unsere Leute und iviesen sie als Nichtwähler hinaus, führten die Wähler knapp vor der Stimmenabgabe in ein Nebenzimmer und änderten dort ihre Stimmzettel. Auf Intervention wurde das Nebenzimmer gesperrt, doch" zum selben Zwecke im geheimen ein anderes Zimmer geöffnet. Die Agitatoren der Majorität brillierten hier ganz besonders. Sie verhöhnten unsere Leute wegen ihres Mangels an Wagen, von denen ihnen sehr viele zugebote standen. Es ist festgestellt, dass hier eine schwindelhafte Agitation getrieben wurde. Die Agitatoren der Majorität sagten zu Wählern der Opposition, dass ihre Stimmzettel nicht die richtigen seien. Andere warnten davor, gegen den Kultusvorstand zu wählen. Noch in der offenen Tür zum Wahllokale wurde einem Wähler unser Stimmzettel ge^en den gegnerischen ausgetauscht. Ein grelles Streiflicht auf die Art der gegnerischen Agitation wirft folgender Vorfall. Die Türen des Kommissionszimmers waren bereits geschlossen (7 Min. nach 2 Uhr), als ein gegnerischer Agitator an denselben rüttelte und rief: Kultusvorstand, aufmachen! Tafsächlich wurde geöffnet und drei Wähler hineingelassen unter den Worten eines Zuschauers: Ganz recht so, es sind ja keine oppositionellen Wähler!! — Bekam ein Wähler frische Stimmzettel vor der Kommission, so nahm ihn sofort ein Diener in Obhut. Deute* die agnosziert werden sollten^ wurdeDb so lange stehen gelassen, bis sie selbst weggingen. In der Sektion Leopoldsgasse harangüierten die Agitatoren, darunter der Präses und der Schriftführer des Montefiore-Vereines, die Wähler derart, dass der Kommissionsvorsitzende selbst angesichts des Umstandes, dass sie einen unserer Studenten schlugen (Hut gebrochen) und Wählern die Stimmzettel gewaltsam oais der Eand zogen,^Wachleute vor das Lokal postierte. Auf dem KommissionstiscEe lagen sämtliche Agitations - Drucksorten der Majorität, die erst nach energischer Intervention weggeschafft wurden. Im vierten Bezirke hatte ein Kommissionsbeisitzer wiederholt die Kühnheit, wenn ein Oppositions-Wähler hereinkam, zu sagen: Wieder ein Antisemit! Er stellte seine Bemerkungen auch nach wiederholten Ermahnungen des Vorsitzenden nicht ein. In Mariahilf provozierte der Vorsitzende zionistische Wähler und Agitatoren, drohte jedem der letzteren mit der Polizei, wogegen der Tempelsekretär sich ungehindert herumtreiben und Stimmzettel ausfüllen konnte. Ein gewisser Kosenbaum warf mit Schimpfworten herum und ein gewisser Schön, der im Solde der Gemeinde stehen soll, drohte mit Handgreiflichkeit. Mit Abführen durch die Polizei drohte man auch unserem Kandidaten Dr. Kahn, als er das Wahllokal für einen Moment betrat. Von dem Geiste, der hier herrschte, gibt der von uns obenerwähnte Vorfall beim Skrutinium Kenntnis. Im IX. Bezirke arbeiteten die Agitatoren der Majorität in allen Räumen fieberhaft. Von halb 12 an wurden überhaupt keine Agnoszierungen mehr vorgenommen. Der bezirksbekannte Advokat Dr. Schick, der mit einem zionistischen Agitator erschien, wurde nicht agnosziert. Ein besonders schneidiger Herr glaubte sagen zu müssen, dass Dr. Schick sich dem Agitator eben erst vorgestellt habe. Er dürfte Gelegenheit finden, es zu beweisen. Ein Tempeldiener wurde im Besitze von mindestens 50 amtlichen Stimmzetteln betreten, die er versteckt hielt. Im XVI. und XVIL Bezirk traten wahrhaft skandalöse Vorgänge zutage. Vor dem Tore wurden die Wähler mit der Frage empfanden: „Sie werden doch nicht die Polnischen (!), die Antisemiten wählen?" Statt in das Wahllokal wurden die Wähler in die höher gelegene Hausmeisterwohnung geführt, die Stimmzettel dort revidiert und umzutauschen versucht. Dieser Vorgang wurde von einem Wähler zu Protokoll gegeben. Ausser den Tempeldienern trieben sich als Agitatoren gewalttätige Individuen herum, die vor der Kommission über unsere Studenten im Hofe herfielen und brutal dreinschlugen. Die Kommission lehnte jede Intervention ab. Unsere Agitatoren durften das Gebäude nicht betreten, die Strichler wurden hinausgewiesen. Ein Kommissionsmitglied stand beim Eintritt einesWählers auf, nahm Einsicht in dessen Zettel und ging mit ihm in die erwähnte Hausmeisterwohnung Die Stimmzettel wurden einem in der Veronikagasse wohnhaften Offizial durch einem Boten statt mit der Post zugestellt. In Währing trat als eigene Spezialität ein auffällig nach Alkohol duftendes Individuum auf, der sich den geheimnisvollen Charakter eines Schutzmannes beilegte und Mitglied des antisemitischen Rettungskorps sein soll. Dieser trieb sich in allen Räumen herum, haranguierte un-ere Leute und versuchte sogar an unseren Wahlleiter Hand anzulegen. Es wurde niebt geduldet, dass sich unsere.Leute auf der Stiege aufhalten, auf der 4 Leute sich herumtrieben und einen Wähler nach dem anderen in die Gemeindekanzlei die im ersten Stocke lag, hineinführten. Darin befand s-ich als Schreibkraft ein junger Mensch angeblich zur Vertretung des Sekretärs und füllte lustig Stimmzettel aus. Unter gar keinen Umständen Hess man es zu, dass jemand von uns diese Kanzlei betrete, trotzdem es offenkundig ein Agitationslokal war. Auf energische Intervention eines hervorragenden Wählers wurden endlich zwei Leute eingelassen und nach 5 Minuien wieder hinausgewiesen. Erst nach wiederholtem Eingreifen des Wahlleiters konnte gegen Schluss der Wahl ein Vertrauensmann die K anzlei betreten. Beim Skrutinium las der Vorsitzende respektive Stellvertreter ohne jede Kontrolle Zettel nach Zettel ab. -* Aus allen diesen Vorgängen die Summe gezogen, heisst demnach: Auf den Stiegen der Gemeindehäuser, nicht erst in der Urne, ist die Majorität Majorität geblieben. Die Wahlstunden waren die Amtstunden derer, die im Schatten des Kahals ihren Weinstock und ihren Feigenbaum gepflanzt haben. Was sie machten, stand nur durch Minuten in unserer Kontrolle und da sahen wir genug skrupellose Agitation. Die Kommission sah und hörte nichts und gebrauchte ihre Unabhängigkeit; wie? sagt ihr Gewissen. Unsere Agitation fand Hindernisse in den verschickten Visitkarten, Anschwärzungen unserer Partei und der Furcht der kleinen Leute vor den Kahalgewaltigen, an den Toren und in den Gängen der Wahlgebäude, den Domänen der Schamossim. Eines aber steht fest: die „Grossen" haben ihr Aeusserstes getan. Sie haben ihren letzten Mann gebracht. Wenn wir weiter

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