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Die Welt · 1902-11-28 · 48 (28.11.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
48 (28.11.1902)
Article
Eine stille Feier
Date
1902-11-28
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Welt*/ Nr. 48 Nur nach Palästina drangen sie nicit und sogar der winzige Rest, der sich dorthin flüchtete, artete in eine mystische Sekte ans. Es war noch nicht an der Zeit; der Volkswille war noch nicht intensiv genug. Die Zeiten verstrichen und die Volksidee wuchs; sie war es, die den.Sabbatai Zewi erzeugte; sie brachte den E. Jehuda Hachassid mit seinen Jüngern zu ihrem sonderbaren Zug nach Palästina, sie war es, die alle die arktischen Bewegungen schürte — sie suchte einen Ausgang. Und schliesslich reifte sie sich aus, erstarkte, und der Wille wurde zur Handlung. Männer, die nie in ihrem Leben eine Pflugschar geführt haben, Männer, denen im freien Amerika oder sogar noch in ihrem ungastlichen Eussland eine frohe und lachende Zukunft entgegenwinkte, gingen nach Palästina, bereit zum Kampfe, zum Kampfe mit der durch Jahrtausende hindurch verwahrlosten Erde, zum Kampfe mit der Not und mit den Menschen; und nach schweren Opfern, nach schwerer Arbeit trugen sie den Sieg davon. Ich habe nicht die Absicht, eine detailierte Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der in Eede stehenden Kolonie zu geben. Ich werde hier nur einige Daten anführen, um die Leser doch ein wenig mit den Zuständen daselbst bekannt zu machen und zitiere zu diesem Behufe aus dem Werk des Agron. EL Meyerowitsch, eines der besten Kenner der jüdischen Kolonien Palästinas, über den Stand der Kolonien im Jahre 1901. „Rischon Lezion" umfasst' 6828 Dunam Erde, die unter 79 Kolonistenfamilien, die zusammen 373 Personen beider Geschlechter ausmachen, verteilt sind. Die Kolonie ist eine Stunde von Jaffa entfernt, anderthalb Stunden vom Kaiserweg Jaffa—Jerusalem und eine Stunde von Eamla. Die Hauptbeschäftigung ist Weinbau, es gibt aber auch Pflanzungen von Mandeln, Maulbeeren, Oliven und Ethrogim. Dagegen fehlt Getreide- und Gemüsebau gänzlich, was die Kolonisten in eine sehr anormale Lage stellt, „ftisehon Lezion", das bekanntlich dem Baron EothscMld gehört, ist somit das Zentrum der Vitikultur in Palästina, ist aber auch zugleich das geistige Zentrum aller übrigen jüdischen Ansiedlungen. Es befindet sieh in derselben ein Volksheini „Beth-Haam", eine Bibliothek und eine Lesehalle, wo gegen 20 Zeitungen und Zeitschriften abonniert werden und wo auch jeden Samstag populäre Vorträge abgehalten werden. In der Schule, die von 124 Kindern besucht wird, dient Hebräisch als Unterrichtssprache, nebenbei werden auch Arabisch und Französisch gelehrt. Wenn also die Kolonie „Rischon Lezion" äusserlieh einen wahrhaft freudigen Eindruck macht und wir zu unserer Erbauung und noch mehr zu der unserer Gegner, erkennen können, wie anpassungsfähig für die Landwirtschaft die Juden sind, müssen wir bei näherer, innerer Betrachtung viele Mängel und Schäden konstatieren. Und zwar ist der erste und grösste der, dass die Kolonie eine philanthropische Institution geworden ist. Zwanzig Jahre lang wurden diese wackeren Männer, die mit ihrem Herzblut den Acker Palästinas bebaut haben, unter der Vormundschaft und der Zucht einer Beamtenschaft gehalten, die keine Gelegenheit vorbeigehen lässt, um ihnen Unterwürfigkeit einzuschärfen. Und was ist die Folge davon? Wenn Mensehen, wie die chinesischen1 Frauen, in Hemmschuhe hineingezwängt sind, können sie sich nicht normal entwickeln, können nicht den Weg gehen, den das lieben ihnen vorsehreibt. Und Achüd- Haam hatte recht, als er vor zwei Jahren in seiner pessimistischen Ausdrucksweise über das gegenwärtige Kolonisationssystem in Palästina sich äusserte: „Die philanthropische Kolonisation ist Demoralisation." Und ist es nicht beschämend, dass man den Volksvertretern, die um die Freilassung der Kolonien ersuchten, mit Hochmut erwiderte: „Die Kolonien sind unser Eigentum und niemand hat das Hecht, uns dreinzureden, wir protestieren dagegen!, „absolummt, energiquement, complete-i ment". (Die Antwort des Bar. Rothschild ah die Delegierten des Odessaer Ghowewe Zion-Komitees!) Eine .VolksMätitution, unser grösster Stolz, in den Händen eines einzelnen, eines Wohltäters! Der andere Krebssehaden, der an den Kolonien nagt, ist die Arbeiterfrage. Ja, bei uns, bei dem Volke, das die gerechteste Agrarpolitik gehabt hat, das noch von George und Flürscheim die Nationalisation des Bodens zum Grunddogma erhob, wie es auch George in seinem „Moses" anerkennt, konnte eine Arbeiterfrage, eine Spaltung zwischen Grundbesitzern und Taglöhnern entstehen! Und auch daran trägt nicht das jüdische Volk, sondern tragen diejenigen, welche seine Geschicke leiten^ es bevormunden wollen, die Schuld. Aber der erste Sehritt ist schon getan. Wie die Volksidee sieh immer kräftiger und in immer vollendeteren Formen äusserte und verwirklichte, wie sie aus eiteln Träumereien in das frebiet der Praxis überging, so wird auch die weitere Form eine vollendetere sein müssen, d. h. die der Volksorganisation. Und wenn wir Zionisten die Kolonien einmal unter unsere Leitung bekommen haben werden, da werden diese Kolonien ihre geistige und soziale Auferstehung feiern können. Denn wir sind die Träger des Fortsehrittes, des Lebens, der neuen Ideen auf allen Gebieten des Lebens unseres Volkes. Die Feier, die ich die stille genannt habe, hat für uns eine viel grössere Bedeutung, als manche pomphafte, denn hier sehen wir ein Stück unserer Idee schon kristallisiert. Und Ihr ehrlichen und wackeren Arbeiter auf dem Boden von Zion, nehmt den Gruss von euren Brüdern entgegen, deren Ziele und Wege mit den eurigen eins sind! A. Coralnik. Ein alter Vorschlag. Von Eosa Pomeranz. In letzter Zeit — besonders seit der bekannten diesbezüglichen Diskussion bei der Generalversammlung des Deutschen Rabbinerverbandes im Juli 1. J. — ist wieder einmal die ganze Sehmach des „Mädchenhandels" zur Sprache gebracht und damit eine der dunkelsten Schattenseiten ostjüdischen Lebens und Schicksals gestreift worden. Es ist nämlich ein offenes Geheimnis, dass die unseligen Opfer bodenloser Verworfenheit — so weit sich jener ruchlose Handel auf Europa bezieht — fast ausnahmslos jüdische Mädchen des Ostens sind. Die hässliche „Frage" wurde, wie gesagt, wieder einmal aufgetischt, um rasch wieder abgeräumt zu werden. Einige Blätter brachten diesbezügliche Artikel und die Dinge nahmen ihren alten, bösen Lauf, durch schwerfällige Palliativmittel, ein wenig guten Willen und noch unzureichendere Tat äusserst schwach behindert. Und dennoch wurde bereits genau vor zwei Jahren in den Spalten der „Welt" (Nr. 32, 38 usw., vom Jahre 1900) in einer Eeihe von Artikeln — wenn auch indirekt — zu obiger „Frage" Stellung genommen und das vorläufig einzig richtige und Erfolg versprechende Mittel genannt, um den scheusslichen Handel mit „lebender Ware" lahmzulegen. Ich sage „vorläufig" — denn mit der endlichen Erlösung des jüdischen Proletariates im zionistischen Sinne — wird auch die Not seiner Töchter behoben sein. Das Mittel, welches damals von H. York-Steiner angegeben und von anderen in verschiedener Weise diskutiert wurde, war: die Ausbildung der armen jüdischen Mädchen des Ostens zu tüchtigen Dienstboten, in eigens hierfür zu begründenden Gemeindesehulen und ihre nachherige Unterbringung bei achtbaren jüdischen Familien des Westens. Die Idee war und ist gut, ja, sie ist der Sachlage nach die einzig vernünftige und durchführbare, wie es Kenner des jüdischen Ostens am besten bestätigen werden. Es liegt aus vielen und triftigen Gründen im Interesse der Judenheit, ihre Töchter womöglich von; der Fabriksarbeit fern zu halten.

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