Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 48 (28.11.1902)
- Article
- Eine stille Feier
- Date
- 1902-11-28
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R.1J5, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 48. Wien, 28. November 1902 — 28. Marcheschwan 5663. 6» Jahrgang Eine stille Feier. Den Pionieren der Kolonie „Rischon Lezion" zum 20jährigen Jubiläum ihrer Gründung gewidmet. omovicttpi »ninaan na *6 d« kup »b nshny aik ds^> st otmn Dfinoi Dh;si omi ♦ipn *iw dk an (Biaiik; „Birkat Arn".) Vor einigen Wochen wurde in Palästina, in der Kolonie, die „K i s c h o n L e z i o n" heisst, in aller Stille und Bescheidenheit das zwanzigjährige Jubiläum der Begründung der Kolonie begangen. Sehr wenige unter den Zionisten, die sich dafür doch interessieren* sollten, haben es gewusst, sehr wenige haben die ganze Tragweite und Bedeutung dieses Jubiläums erfasst. Es war im Jahre 1882. Es waren furchtbare Tage, entscheidende Momente für das Judentum überhaupt und für das russische insbesondere. Mit einemmal wurden die schönsten Hoffnungen der russischen Judenschaft zerstört, mit Wucht fiel die Schicksalshand auf sie nieder und zermalmte sie beinahe. Gerade hatten sich die inneren Kämpfe, die im Schosse des russischen Judentums wüteten, die Kämpfe um Aufklärung, um Befreiung von den Fesseln der Tradition, gelegt, nachdem der Sieg zugunsten der fortschrittlichen Partei ausgefallen war. Er hatte viele Opfer gekostet, manche Existenz wurde während dieser Zeit gebrochen, aber die Fesseln der geistigen Knechtschaft waren einmal gesprengt, die Damme durchbrochen; und mit hoffnungsstrahlendem Auge schauten die Jungen in Israel in die Zukunft und viele schöne, farbenreiche Bilder schwebten ihnen vor. Und nun brach mit einemmale, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, das ganze ungeheure Elend über sie herein und sie sahen sich verlassen von innen wie von aussen. Umgeben von dem tobenden Meere der entzügelten Volksleidenschaften, des grenzenlosen Volkshasses, sahen sie den völligen Schiffbruch aller ihrer Hoffnungen und es blieb ihnen kein anderer Weg übrig, als zum Wanderstab zu greifen und sich eine neue Heimat zu siehern. Seharenweise strömten die elenden, geschändeten, in den Staub getretenen Opfer der entfesselten Brutalität in die westeuropäischen Länder, schifften sich ein, um jenseits des Ozeans ein neues Leben zu beginnen und neues Leid zu erfahren. Und während das arme jüdische Volk kopflos, wie eine Mrtenlose Herde2 nach den verschiedensten Richtungen auseinandergesprengt wurde, erscholl plötzlich ein neuer Ruf: „H ei mwärts,naehunserem Ii eiligen Lande, nach dem Lande unserer Väter, nach Palästina!" Lilienblum, Gordon, .Smolensky, Zederbaum u. a. richteten zündende Worte an; das jüdische Volk und weckten den in ihm schlummernden Nationalgedanken. Der Gedanke von einem jüdischen Volkstum, von einer jüdischen nationalen, ick möchte; sagen, überindividuellen Ehre, die sich nicht demütig und hündisch besudeln lässt, um dann allen Groll zu vergessen and allen zu verzeihen., war im Entstehen. Noch war es kein fester, gereifter, zum vollen Selbstbewusstsein gelangter Gedanke; es war nur ein Phantasma ohne feste Konturen, eine Ahnung und ein poetisches Vorgefühl, noch fehlte diesen Ideen die Hülle der Materialität, der Weg zur Verwirklichung war noch nicht klar. Es schien eine vage Phantasterei zu sein, ein tollkühnes Beginnen, dem gehetzten jüdischen Volke eine verwahrloste Wüstenei, die Gebiete eines Reiches mit nicht besonders modernen. Rechtsverhältnissen, zur Zuflucht und neuen Heimstätte anzuempfehlen. Aber merkwürdig: Die zündenden Worte seiner Poeten brachten die Jahrtausende alte latente Sehnsucht zum historischen. Vaterlande zum Auftauen. Es fand sich eine Schar mutiger Männer zusammen, die, allen Hindernissen Trotz bietend, sich nach Palästina begaben und dort die erste jüdische Kolonie, das erste jüdische Zentrum, den Keim aller künftigen Ansiedelungen, unter dem Namen: „Eischon Lezion", die erste von Zion, gründeten. Es ist eine merkwürdige Tatsache, die in das Gebiet , der Völkerpsychologie gehört. Wie bei einem einzelnen Individuum der psychische Akt des Wollens eine erhebliche Intensität, grosse latente Macht erlangen muss, ehe er sich in den physischen Akt des Handelns auslöst, sich materialisiert, so muss auch im Leben eines Volkes eine bestimmte Idee eine gewisse Energiequantität aufspeichern, um in Handlungen, in. geschichtliche Vorgänge übersetzt werden zu können. Vor 390 Jahren, im Jahre 1492, hatten sich die Juden von Spanien in einer ebenso verzweifelten, wenn nicht noch verzweifelteren Lage, wie die Juden in Russland im Jahre 1882, befunden. Nach allen Enden der damals bekannten Welt zerstreuten sie sich, überall : trugen, sie ihre Tatkraft, ihre hohe Bildung und Gesittung, ~ ihre Anpassungsfähigkeit mit und gediehen bald unter Umständen (wie z. B. in Holland), zu prächtigen Gemeinden.