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Die Welt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Article
Rassegefühl und Nationalität
Date
1902-11-21
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die $c Weltp Nr. 47 kämpfen des Mensc!iengeschl,e<^^5, mögen sie kriegerisch, wirtschaftlich oder-geistig «eia^ »der!Sieg deß, Stärkeren zugleich,,der Sieg der Besseren und Edleren sein wirdi Die Lesser Ury-Ausstellung *) Von Adolph Donath. II. Die Landschaften Lesser Urys atmen glühende Schönheit. Sie sind in Stimmungen erblüht, da der schillernde Glanz der Natur die feinsten Regungen der Seele erwachen lässt, da gleichsam reine Natur und menschliche Seele Feste stolzer Verbründerung feiern. Es mag vielleicht Leute geben, welche sagen werden: wir haben derartige Momente niemals erlebt. Das ist wohl zu begreifen, wenn man erwägt, dass es eben auch Leute gibt, die gegen den Reiz der natürlichen Schönheit, gegen die Pracht der keimenden Kunst völlig abgestumpft sind. Es wird aber auch Leute geben, welche sagen werden: uns sind solche Momente, wie sie Ury ausdrückt, heilig. Ury zählt zur Kategorie jener seltenen Mensehen, deren Schaffen dem Älltag fremd ist. Seine Kunst beruhigt uns nicht, möchte ich sagen, stillt nicht unser Verlangen, sondern erneut es vielmehr, weil wir in ihr die höchste, ja sogar die reinste Empfindung sehen, die sich unser nur in den Augenblicken des seelischen Rausches bemächtigt. Wenn wir seine Landschaften schauen, alle diese leuchtenden Ausschnitte der Natur, sind wir gepackt. Wir. möchten immer wieder ans Fenster treten, um von draussen her die gleichen Farben in uns aufzunehmen, um von draussen her die gleichen geistigen Schwingungen in uns zu erwecken, in die uns der Schöpfer dieser Bilder versetzt hat. Man täusche, sich nicht: , Kunst ist nicht etwas Abgezirkeltes, Festgegründetes.. Wir verlangen von der Poesie sowohl als von der Malerei Anregungen, die uns erheben sollen, Anregungen, die unsere Sehnsucht nach der Schönheit vergrössern sollen. In der Natur selbst kommt dieser Schönheitsdrang am vollkommensten zur Geltung. Von Lesser Ury sind bei Pisko Landschaftsbilder aus Thurmgen, vom Gardasee und aus der Mark ausgestellt. Man muss den Bildern gegenüberstehen, um ihr Wesen erfassen zu können. Sie mit Worten zu schildern, wäre unnütz. Urys Gemälde sprechen ja selbst die heisseste, flammendste Sprache, die aber zumeist ein feiner leiser Klang durchzieht, eine innige tiefe Weise, ein ernstes düsteres Lied . . . Und den Grundakkord dieser bald stolzen, um Glut und Purpur ringenden, dieser bald tieftraurigen, von Leid und Klage durchzitterten gemalten Musik, bildet der reiche, volle Ton grossen Menschentums . . . Lesser Ury, der Mensch, ergänzt Lesser Ury, den Juden, Lesser Ury, den Künstler. Drei Gewalten sind hier in völliger Harmonie. Atome jener Farbenpracht, die den Ury'sehen Landschaften eigen ist, findet der Beschauer auch in den Porträts des Künstlers. Hier ein roter Strich, dort eine aufblitzende Linie, kühn hingeworfen, das macht die Wirkung eines Porträts reizvoller. Gewiss, man merkt vielleicht die Absicht. Die wird aber von Lesser Ury so künstlerisch durchgeführt, dass man verblüfft ist. Ury ist übrigens ein unerhört scharfer Menschenkenner. Der Mann liest einem förmlich die Gedanken von der Seele weg und streicht sie dann keck auf die Leinwand hin. Nun steht es gemalt vor einem: So, da habt ihr mich, so schaue ich aus . . . Lesser Ury ist als Künstler eine in sich abgeschlossene Persönlichkeit. Ob er „Schule" machen wird, scheint fraglich. Denn seine Eigenart ist viel zu ausgeprägt, als dass Leute kommen konnten, die ihr etwas abgucken, die sie nachmalen würden. Das ist schliesslich ganz nebensächlich. Aber für die bildende Kunst überhaupt steht die Tatsache fest: Lesser Ury ist da, der grosse Maler der Natur, der Seele und des Gedankens. '*) Vide Artikel I in Nr. 46 der „Welt". Korrespondenzen und Telegramme, Russland. Petersburg. Ein interessantes Sittenbild entwirft das in Charkow erscheinende national-russische Blatt „Juschny Kraj". Der Vertreter eines grossen Handelshauses in Odessa, der Jude Peissachowitsch, traf in geschäftlichen Angelegenheiten in Petersburg ein, wo er nur einen einzigen Tag verbrachte. Er verliess Petersburg, um nach Odessa zurückzukehren. Aber kaum war er in Odessa eingetroffen, als er vom Bezirksgerichte eine Vorladung erhielt, sich wegen seines Aufenthaltes ausserhalb des jüdischen Niederlassungsgebietes zu verantworten* Alle seine Beteuerungen, dass er in Petersburg kaum wenige Stunden verweilt habe, halfen nichts : Der Richter verurteilte ihn zu einer Arreststrafe von vier Tagen ... * Charkow. Die antisemitische „Nowoje Wremja« publizierte jüngst eine Korrespondenz aus Charkow über die Entwicklung des Zionismus in dieser ausserhalb des jüdischen Niederlassungsrayons liegenden Stadt, welche beachtenswert ist. Die Zahl der Juden in Charkow beträgt nach der „Nowoje Wremja" 21.500. Seit dem Zionistentage in Minsk, versicherte das russische Blatt, haben die Charköwer Zionisten eine regere Tätigkeit entfaltet. Die Schekel-Ein Zahlungen und dieSämmlungen für denNationalfonds gewinnen immer an Umfang. Die Nationalfondsmarken, versicherte das genannte Blatt, finden in Charkow reissenden Absatz. Die Zahl der aktiven Arbeiter auf dem Felde des Ziönismus in Charkow beträgt nach genauer Berechnung des Gewährsmannes der „Nowoje Wremja" 1600, aber die ganze jüdische Bevölkerung von Charkow ist zionistisch. Der Korrespondent teilt noch einig« Einzelheiten aus dem Leben der Zionisten in Charkow, wie zum Beispiel über die Zahl der zionistischen Zeitschriften, welche in den Zionisten-Vereinen von Charkow aufliegen, über die Organisation des Vereines etc. mit, welche deutlich dafür sprechen, dass der Zionismus in Charkow an Ausdehnung und an Intensität immer zunimmt. : Petersburg. In der ethnographischen Kommission, der Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland hielt vor kurzem der langjährige Einwohner Ton Palästina Gg* J. Bei ki nd einen Vortrag über das heilige Land, der inmancher Hinsicht beachtenswert ist. Die „Nowosti* berichten über den Vortrag folgendes: Der Vortragende wies an der Hand von Ziffern nach, dass, die Kolonisation von Palästina einer grossen und glänzenden Zukunft entgegengehe. Den Misserfolg der von Roth-' s c hil d gegründeten und verwalteten Kolonien in Palästina schreibt der Vortragende ausschliesslich der Administration zu, welche von der Sache der Kolonisation keinen Begriff hatte, sich in alle Angelegenheiten einmischte und die Kolonisten masslos bevormunde. Die Beziehungen der Araber, Türken und anderer in Palästina lebender Nationalitäten zu den Juden sind, wie der Vortragende erklärt, einfach herzliche. Völlige Achtung der Person, völlige Freizügigkeit bürgen den jüdischen Kolonisten für die Möglichkeit, frei im Lande leben und arbeiten zu können. Auch über das Klima von Palästina sprach der Vortragende mit Entzücken und trat den Behauptungen entgegen, welche dieses Klima als etwa gesundheitsschädlich erklären wollen. Der Vortragende erntete vielen Beifall, besonders dort, wo er in Worten der Begeisterung über den Zionismus sprach und die Zuhörer aufforderte, für die Kolonisation Palästinas zu arbeiten. Gt. * Rumänen. Rumänische Politik und Politiker. Das rumänische Ministerium versucht in der letzten Zeit ein nagelneues politisches Manöver mit Hilfe einiger stadtbekannter Pressreptilien. Wenn auch den rumänischen Politikern die sogenannte äussere Einwirkung zugunsten der rumänischen Juden nicht gar grosse Sorgen macht, so ist ihnen die Aufmerksamkeit, die jetzt die öffentliche Meinung Europas Rumänien schenkt, doch unlieb. Das mag das schlechte Gewissen machen; aber ich glaube, mehr als dies zweifelhafte Gewissen sind es die inneren politischen Interessen der Partei des Herrn Stourdza, die sich nach der Dunkelheit sehnen. So sind jetzt zum Beispiel die allgemeinen Gemeindewahlen in Rumänien gewesen, so wird bald die Konsolidierung der rumänischen Anleihe kommen, lauter Angelegenheiten, die eine zu grosse OeffentlichkeJt nicht

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