Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Article
- Rassegefühl und Nationalität
- Date
- 1902-11-21
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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N*. 47 *Bte Welt** Seite 5 Das Streben nach Erhaltung des Volkstums, eigenartiger Sitte, Sprache und Kultur, das feindselige Empfinden gegen das Fremde sind mahnende Zeichen eines inneren psychologischen Umschwunges in der Grundstimmung des Völkerlebens, welche andeuten, dass das kommende Jahrhundert eine Epoche der Hassenkriege sein wird, dass die instinktsicheren Völker darnach streben, das Blutchaos der christlichen und liberalen Periode durch eine physiologische Entmischung und Selbstreinigung der Rassen zu reorganisieren, zum mindesten den weiteren Schädigungen der Zusammenwürfelung, Nivellierung und Bastardierung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten und von reinem Blut und Volkscharakter zu retten, was zu retten ist. Wir halten die nationalistischen Bewegungen trotz aller Auswüchse und Uebertreibungen für gesund und wie sehr wir auch in Professor A. Kirchhoff den bedeutenden Geographen anerkennen und von vorneherein erklären, dass in seinem Vortrage über die Frage „Was ist national viele treffende Einzelbemerkungen enthalten sind, so können wir doch dem Grundgedanken seiner Ausführungen keineswegs zustimmen. . Kirchhoff geht von der richtigen Definition aus, dass die Nation eine durch Blutsverwandtschaft verbundene Menge sei, die infolge ihrer gemeinsamen Herkunft in Ansehen, Sprache und Sitte sich gleich zeigt. Verschieden davon ist der Begriff des Volkes. „Die Bewohner jeder Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir in zusammenfassendem Sinne Volk nennen, selbst wenn sie von ihren Kachbarn gar nicht oder kaum verschieden sind/'8) Darum sind unter Volk die Bewohner eines durch Staatsgrenzen umrissenen Gebietes zu verstehen. Die Ursachen, welche Staaten von dauernden Verbänden schaffen, sind geographischer Art, natürliche Grenzen durch Gebirge, Meeresküsten und Flüsse. Wo einem Lande natürlfche Grenzen fehlen, innerhalb deren eine geschlossene Nation sich entwickeln kann, da müssen sie geschaffen werden und sei es mit Gewalt. Alle modernen Völker sind aus einer Verschmelzung ethnisch verschiedener Elemente hervorgegangen. Durch einen geistigen Assiniilationsprozess bilden sie eine Kulturnation. Das Ergebnis ist: „Das Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Nation ist die Staatsbürgerschaft. So gut wie das alte Rom die Zugehörigkeit zur römischen Nation von dem Besitze des Bürgerrechtes abhängig machte, ebenso ist das letztere auch heute noch das Entscheidende für die Nation eines Menschen. Die Polen innerhalb unseres Reiches sind tatsächlich Deutsche und müssen als solche offiziell betrachtet werden. Sie müssen daher, wenn sie sich gegen diese Tatsache sträuben, politisch deutsch erzogen und sprachlieh assimiliert werden. b,Ebenso sind die Juden Deutsehe und nicht Angehörige einer fremden Nation." Es ist nicht leicht, Kirchhoff auf allen seinen Gedankensprüngen zu folgen, da die Begriffe Nation und Nationalität, Volk und Staat sich ihm unter der Hand verschieben und einen anderen Sinn bekommen! Während er ursprünglich von dem richtigen Betriff der Nation als Rasse ausgeht, wird ihm später die Nation zu einer Menge von Menschen ganz beliebiger Herkunft, die durch gemeinsame Taten oder zufällige natürliche oder künstliche Grenzen zusammengehalten werden. Darnach müssten wir auch Hottentotten und Kulis, falls wir sie in Deutschland importieren und sie deutsch sprechen und ihnen andere Sitten lehren würden, als gleichberechtigte Staatsbürger deutscher Nation anerkennen. In solchen Beispielen zeigt sich die ganze Absurdheit einer geographisch-politischen Theorie, derzuliebe Kirchhoff den historischen Tatsachen und dem Empfinden ganzer Volkskieise Gewalt antut. Rasse bedeutet die gemeinsame Blutabstammung. Volk ist ein Kulturbegriff, der die politisch-geschichtliche Entwicklung einer Rasse oder m elirere r /miteinander vermengter Rassen anzeigt. Staat ist die rechtliche Organisation eines durch natürliche oder künstliche Landesgrenzen zusammengehaltenen Volkes. 2) Professor A. Kirchhoff: „Was ist national," Halle a. S. 1902. Verlag von Gebauer-Schwetsehke. 3) Viel zweckmässiger wäre in diesem Falle die Anwendung des Wortes Bevölkerung. In manchen Fällen bilden Rasse, Volk und Staat ein einheitliches organisches Wachstum, in anderen nicht. Die deutsche (d. h. germanische) Rasse ist z. B. nicht identisch mit dem deutschen Volke und dies nicht mit dem Deutschen Reich. Germanische Rasse findet man in anderen Völkern, in Nordfrankreich, Russland usw., die sich dort „assimiliert", aber ihren physischen und geistigen Rasseneharakter nicht aufgegeben hat. Deutsches Volk gibt es auch in Oesterreich, ohne reine germanische Rasse zu sein. Selbst das deutsche Volk enthält höchstens zur Hälfte reine germanische Rasse. Während Nation in älteren Zeiten, wo die Völker selbst noch reine Rassen waren, die gemeinsame Abstammung, bedeutete, hat sich dies im Bewusstsein der modernen Völker verschoben. Ihnen ist Nation identisch geworden mit Sprach- und Kulturgemeinschaft, d. h. mit dem Begriffe Volk, trotz der Blutmischlingen, di€ im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden haben. In einem solchen Volke ist aber die Eigenart einer Rasse immer die vorherrschende und führende Macht gewesen, wenn sie auch ihre Kultur und damit scheinbar ihre Nationalität auf die frenidrassigen Elemente und Mischlinge äusserlieh übertrug. Nation ist im Sinne der modernen Völker eine seihständige politisch organisierte Kulturgemeinsehaft, während Nationalität den nationalen Charakter auch eines einzelnen bezeichnet. Wii sprechen von jüdischer und polnischer Nationalität. Aber Juden und Polen bilden keine — Nation. Doch geht ihr politisches Bestreben dahin, sich wieder zu einer Nation zu sammeln und zu organisieren. Kirchhoff verwirft die nationalistischen Bestrebungen dei Gegenwart. Freilich Fichte und die Politiker der Frankfurt ei Nationalversammlung wagt er nicht zu tadeln. Sie waren „ideal" Aber die heutigen Nationalisten sollen nichts als „politische Klopffechter und Streber", nichts als Volksverführer sein, die das Wort Nation als politisches Stimulans missbrauchen. Kirchhof vergisst, dass jene Deutsch-Nationalisten zu ihrer Zeit bogai als — politische Verbrecher verfolgt wurden. Anstatt den Pulsschlag der Zeit zu fühlen und richtig zu deuten, stellt Kirchhoff eine geographisch-politische Theorie au^ und beurteilt von ihr aus die Handlungen der Menschen. „Vor persönlicher Zu- und Abneigung, von Philo- und Antisentitismiu kann für uns keine Rede sein^ wir haben nur die .Richtigkeil unseres Theorems auch für diesen Fall nachzuweisen/ Als wenn die Völker sich nach Theorien richteten! Naturwüchsige aus dem Rassenempfinden herauswachsende Antipathien und Sympathien beherrschen die Völker. Ohne Massenbewegung und ohnt Ausnutzung der Masseninstinkte — im guten und schlechter Sinne — gibt es keine politische Geschichte, mag der Staatsmann noch so genial sein. Die heutigen Masseninstinkte aber sind odei beginnen nationalistisch zu sein. Sie sind nicht künstlich hervorgerufene Aufregungen. Der politischen Geschichte liegt ein physiologischer Prozess abwechselnder Mischung und Entmischung der Rassen zugrunde. Eroberung, Herrscherwillkür, zufällige dynastische Erbrechte haben die Rassen durcheinandergewürfelt und der Kapitalismus und Humanismus wollen dies Werk nun vollenden. Da erwacht die natürliche Reaktion; die Schutzinstinkte des Rasscngefühles und des Nationalismus werden wirksam. Amerika und Australien erlassen Einwanderungsbeschränkungen gegen minderwertige Rassen und Judentum. Unterjochte und in fremde Staaten zerstreute Nationalitäten regen sich zur politischen Selbstbetätigung. Die Völkergeschichte tritt ein in das Stadium der Entmischung, der Abschliessung1, „clor Sammlung der Völker'*', um das Menschengeschlecht vor vollständiger Nivellierung und Bastardierung zu bewahren. Und da man in dieser Entwicklungstendenz vom Standpunkte der historischen Biologie eine durchaus gesunde Reaktion sehen muss, so begrüssen wir freudig die Bestrebungen der Alldeutschen und des Polonismus und auch des Zionismus, sowie alle ähnlichen nationalistischen Bewegungen in anderen Staaten. Hoffen wir, dass bei dem künftigen politischen Zerfall und der Neubildung der Staaten^ wie bei den kommenden Rassen-