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Die Welt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Article
Zionismus
Date
1902-11-21
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die j£ Nr. 47 len uud für sich eine normale nationale Stellung zu verlangen. Dieses schwere und mühevolle Werk der Wiedererweckung der nationalen Eigenart wurde den Juden durch die Haltung der Völker erleichtert, welche sie als fremdes Element aus sich ausschieden und ohne viel Höflichkeit oder Rücksicht auf die wirklichen oder vermeintlichen Gegensätze oder wenigstens Unterschiede zwischen sich und den Juden hinwiesen. Das Nationalitätsprinzip hat in seiner Uebertreibung zu Exzessen geführt. Es hat sich zum Chauvinismus verirrt, zu idiotischem Fremdenhasse und grotesker Selbstanbetung erniedrigt. Vor diesen Karikaturen ist der jüdische Nationalismus sicher. Der jüdische Nationalismus leidet nicht an Grössenwahn. Er fühlt im Gegenteil, dass er erst mühevoll den Namen eines Juden zu einem Ehrennamen machen müsse. Er anerkennt bescheiden die Vorzüge der Völker und will bloss eifrig darnach streben, ihnen, soweit seine natürlichen Fähigkeiten reichen, gleich zu tun. Er weiss, welche schreckliche Verwüstung Jahrhunderte der Sklaverei an seinem ursprünglichen Stolze und aufrechten Charakter verübt haben und trachtet dieselben durch andauernde Selbstzucht zu beheben. Der Antisemitismus hat manche moderne Juden gelehrt, den Weg zu ihrem Volke wieder zu finden. Es hat derselbe den Effekt einer schärferen Prüfung gehabt, welcher der Schwache nicht standhalten konnte, aber aus der der Kräftigere in sich selbst vertrauensvoller hervorgegangen ist. Es ist nicht richtig, den Zionismus ein „Gebilde des Trotzes'* oder „einen Verzweiflungsakt gegen den Antisemitismus" zu nennen. Es ist wahr, dass gebildete Juden einzig und allein dürch den Antisemitismus dazu gebracht wurden, ihr Schicksal mit dem Judentum zu verknüpfen und vielleicht rückfällig werden würden, wenn die christlichen Landsleute sie wieder freundlich aufnehmen würden. Aber bei den meisten Zionisten hat der Antisemitismus nur die eine Wirkung gehabt, dass sie zum Nachdenken über ihre Stellung zu den anderen Völkern gebracht wurden und ihre Reflexionen haben sie zu Resultaten geführt, welche in ihrem Geiste und Herzen Spuren zurückgelassen haben, welche dauernd fortbestehen würden, wenn auch der Antisemitismus aus der Welt vollständig verschwinden würde. ■ % Wohl verstanden: Dieser analysierte Zionismus ist der der gebildeten und freien Juden; die ungebildete Masse, welche an den alten Traditionen festhält,'ist ohne viel nachzudenken zionistisch durch ihr Gefühl, durch ihren Instinkt, durch ihre Not und ihre Sehnsucht. Diese jüdische Masse leidet zuviel unter den Härten des Lebens, unter dem Hasse der Völker, unter den Gesetzesbeschränkungen und unter dem sozialen Ausschlüsse. Sie fühlt, dass sie auf eine dauernde Besserung ihrer Lage so lange nicht hoffen kann, als sie machtlos inmitten einer feindlichen Majorität zu leben gezwungen ist. Sie wünscht eine Nation zu sein, sich durch den Anschluss an die Mutter Erde zu verjüngen und einmal Herrin ihres Geschickes zu werden. Diese zionistische Masse ist zum Teile noch nicht frei von mystischen Tendenzen. Es muss zugegeben werden, dass ihr Zionismus zum Teile noch erfüllt ist von messianischen Regungen und von religiösen Gefühlen. Sie hat eine klare Idee von der Sehnsucht der Wiederherstellung der jüdischen Nation, aber nicht von den Mitteln, die dazu notwendig sind. Jedoch haben sie die Notwendigkeit der eigenen Anstrengungen erkannt und darum besteht ein grosser Unterschied zwischen ihrer tatkräftigen Bereitwilligkeit, sich zu organisieren und Opfer zu bringen und der frommen, bloss Gebete fordernden Untätigkeit der religiösen Messianisten. III. In solchen historischen Momenten tritt glücklicherweise immer der Fall ein, dass der Mann auftritt, dessen Mission es ist, den Ideen klaren Ausdruck zu geben, welche viele andere dunkel empfinden und das Wort laut aussprechen, welches die anderen 7.\\ hören längst erwarteten. Dieser Mann war Dr. Theodor Herzl. Kr veröffentlichte im Herbste 1896 , eine Broschüre unter dem Titel: „Der Judenstaat'*, welche mit einer Präzision, die bisher nicht vorhanden war, die Tatsache proklamierte., dass die Juden ein Volk sind, welches für sich alle Rechte eines Volkes verlangen und den Wunsch hegen dürfe, in einem eigenen Lande zu wohnen, wo es eine freie und vollständig politische Existenz führen könnte: \ Der „Judenstaat" ist der Ausgangspunkt des politischen Zionismus geworden; der Ausgangspunkt, nicht das Programm. Herzls Buch ist noch das subjektive Werk eines einsamen Denkers, welcher im eigenen Namen spricht. Das wirkliche Programm musste eine Kollektivarbeit werden, welches zwar auf Herzl s Buch fusst und von Herzls Blick in die Zukunft beeinflusst wurde, aber von allen phantastischen Ideen desselben befreit und bloss auf dem 3oden der Wirklichkeit errichtet ist. Herzls Buch wurde durch tausende von Juden, besonders die Jugend, als ein Akt der Erlösung begrüsst. Es sollte nicht bloss gedrucktes Papier bleiben, sondern in praktische Tat umgesetzt werden. Es wrurden allerorts Gesellschaften gegründet, welche nicht mehr eine sachte, allmähliche Ansiedlung in Palästina anstrebten, sondern die Vorbereitungen für die Massen-Einwanderung in das heilige Land nach einem vorausgegangenen Vertrage mit der türkischen Regierung, der von den Grossmächten gutgeheissen werden sollte, zum Ziele hatte. Dr. Herzl erkannte, dass die erste Aufgabe, die er zu erfüllen hatte, die Organisierung einer Kundgebung sein müsste, welche der Welt und dem jüdischen Volke selbst Kenntnis von der Tatsache seiner nationalen Existenz bringen sollte. Er berief einen zionistischen Kongress ein, welcher trotz der wütenden Angriffe und skrupellosen Gewaltakte der Gegner (der jüdischen) sich. Ende August 1897 versammelte und aus 204 gewählten Repräsentanten der zionistischen Juden beider Hemisphären bestand. (Schluss folgt.) Rassegefühl und Nationalismus.1) Dr. Friedrich Gernandt. Trotz aller Bemühungen der Weltverbesserer und politischen Gemütsmenschen wollen die Völker »und Staaten sich nicht „verbrüdern". Der von JMarx gepredigte Internationalismus der Arbeiterbewegung ist stark in die Brüche gegangen. Abgesehen von theoretischen Erörterungen, moralischen Komplimenten und kleinen Geldlinter Stützungen, ist der Ruf: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! ziemlieh wirkungslos verhallt. Die englische Arbeiterklasse hat, mit Ausnahme der ohnmächtigen Proteste der kleinen Marxistischen Sozialisten-Gruppe, nicht im geringsten daran gedacht, den Burenkrieg zu verhindern, was nach der sozialdemokratischen Theorie eine der wichtigsten Kulturaufgaben des Proletariats sein sollte. Im Gegenteil, die englischen Arbeiter haben in den nationalistischen und imperialistischen Jubel mit eingestimmt und wo in einem Staate mehrere Nationalitäten neben- oder durcheinander wohnen, da beginnen die Anhänger der Sozialdemokratie sich ebenso gegenüberzutreten, wie die bürgerlichen Parteien. Ebenso resultatlos ist die Haager Schiedsgerichtskonferenz und die schon früher von Parlamentariern und Schriftstellern in Szene gesetzte internationale Friedensbewegung im Sande verlaufen. Andererseits sehen wir in fast allen Ländern eine nationalistische Bewegung erwachen und mächtig werden. Weltverbesserer und Utopisten sehen darin nur Grössenwahn und Volksverhetzung. Wer aber etwas tiefer in die Naturgesetze des Völkerlebens blickt, erkennt darin das Wiedererwachen eines natürlichen Rasseninstinktes, der gegen die willkürliche Zusammenwürfeiung der Nationen durch vergangene Kriege und durch die gegenwärtige ökonomische Uebermacht des Kapitalismus, sowie gegen die Herrschaft der Wertverbrüderungsideen des Christentums und Sozialismus mit Macht sich auflehnt. 1) Aus der ausgezeichneten „Politisch-anthropologischen Revue", Monatsschrift für das soziale und geistige Leben der Völker, 1. Jahrgang, Nr. 8. Herausgeber: Ludwig Woltmann und Hans K. E. Buhmann; Thüringische Verlagsanstalt Eisenach und Leipzig.

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