Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 47 (21.11.1902)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1902-11-21
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47 r,Die # Welt«* "Seite 3 o Zerstreuung der Juden in alle Weltgegenden hat dieses Volk nierJMäls aufgehört, die Rückkehr nach dem verlorenen Lande seiner ty'äter' heiss zu ersehnen und inbrünstig zu erhoffen. Diese Sehnsucht und Hoffnung der Juden nach Zion war der konkrete, ich möchte sagen, der geographische Ausdruck ihres messianischen Glaubens, welchereinen wesentlichen Teil ihrer Religion ausmacht. Messianismus und Zionismus waren durch fast 2000 Jahre identische Begriffe und ohne spitzfindige und haarspalterische Deutungen wäre es nicht leicht, einen Unterschied zu machen zwischen den Gebeten um das Erscheinen des in Aussicht gestellten Messiah und jene, nicht minder in Aussicht gestellte Rückkehr in das historische Heimatland, welche beide auf jeder Seite der jüdischen Liturgie zu finden sind. Diese Gebete waren bis vor wenigen Generationen durch jeden Juden buchstäblich gemeint, wie sie noch jetzt von den einfachen gläubigen Juden gemeint sind. Die Juden hatten keine andere Idee, als dass sie ein .Volk sind, welches zur Strafe für seine Sünden das Land seiner Väter verloren hat und verdammt worden ist, als Fremdling in fremden Landen zu leben und dessen grosse Leiden erst aufhören werden, wenn es wieder auf dem teuren Boden des heiligen Landes versammelt ist. Das begann sich um die Hälfte des 18. Jahrhunderts zu ändern, da die Aufklärung durch die Person ihres ersten Heroldes, Moses Mendelssohn, ihren Weg in die Judenschaft zu finden begann. Der Glaube der Juden wurde lauer; die intelligenten Klassen begannen — wenn sie sich nicht einfach zum Christentum bekehrten — die Lehren ihrer Religion in rationalistischer Art zu beobachten. Für sie wurde die Zerstreuung des jüdischen Volkes eine endgiltige und unabänderliche Tatsache. Sie entkleideten die Ideen des Messias und von Zion jedes konkreten Inhaltes und richteten sich eine sonderbare Theorie zurecht, nach welcher das den Juden gelobte Zion nur im geistigen Sinne zu verstehen sei, als ein Sieg des jüdischen Monotheismus in der ganzen Welt, als künftiger Triumph der jüdischen Ethik über die weniger' feinen und weniger edlen moralischen Lehren der anderen Völker. Ein amerikanischer Rabbiner reduzierte die Vorstellung in die irappierende Formel: „Unser Zion ist Washington," Die Mendelssohn'sehe Lehre entwickelte sieh in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur „Reform", welche mit dem Zionismus überlegen brach. Für den Reformjuden hat das Wort „Zion" ebenso wenig Sinn, wie das Wort „Zerstreuung". Er fühlt sich in keiner Diaspora. Er leugnet, dass es ein jüdisches Volk gibt, und dass er ein Glied desselben ist. Er wünscht bloss dem Volke anzugehören, in dessen Mitte er lebt. Für ihn ist Judentum ein rein religiöser Begriff, welcher mit der Nationalität nichts zu tun hat. Pas Land seiner Geburt ist sein Vaterland und er will kein anderes kennen. Die Idee einer Rückkehr nach Palästina reizt ihn eher zum Zorne als zum Lachen. Er antwortet mit dem wohlbekannten, albernen, Witz seinwollenden Satze: „Wenn der jüdische Staat in Palästina wieder errichtet sein wird, möchte ich sein Botschafter in Paris sein." Der denkende Jude konnte sich aber im Laufe der Zeit der Wahrnehmung nicht verschliessen, dass das Reformjudentum nur eine halbe Massregel ist, ein Kompromiss, welches gleich anderen Kompromissen, den Keim der Zerstörung in sich tragt, da es nicht einer nur augenblicklich logischen Kritik standhalten kann. Wem soll die Reform genügen? Dem gläubigen Juden? Er verwirft sie mit dem grössten Abscheu. Dem ungläubigen Juden? Er verachtet sie als Heuchelei und Phrasendrescherei. Dem Juden, der mit seiner nationalen Vergangenheit zu brechen und von seiner christlichen LTmgebung aufgesogen zu werden wünscht? Für diesen Juden genügt das Reformjudentum nicht; er geht einen Schritt weiter, den Schritt, der zum Taufbecken führt.. Noch wennd der glückliche Zufall will es, dass gerade im laufenden Hefte der vornehmen englischen Revue: „The International Quarterly" unter diesem Titel ein Essay unseres Altmeisters Nordau publiziert ist, aus dem wir obiges auszugsweise übersetzen. (Anmerk. d. Redaktion.) niger genügt es dem Juden, der das Judentum gegen. Zerstörung bewahren, und . als . ethnipehe . Individualität erhalten wissen will. Für ihn ist die offen ai^gesproejieri^ von allen nationalen Bestrebungen gleichbedeutend mit aer Selbstverdammung des jüdischen Volkes zu.einem, vielleicht sanften, aber sicheren Tode. Reformjudentum ohne Zionismus, d. h. ohne den Wunsch und die Hoffnung für eine Wieder Sammlung, des jüdischen Volkes hat keine Zukunft, höchstens kann es als ein etwas krummer Pfad angesehen, wer dem der,, zum Christentum führt. Wer dieses Ziel-erreichen will, kann es auf kürzerem und geraderem Wege. II. So ist es gekommen, dass die Generationen, welche unter dem Einflüsse der Mendelssohn'sehen Rhetorik und Aufklärung, der Reform und Assimilation gestanden sind, in den letzten zwanzig Jahren des'19. Jahrhunderts von einer neuen Generation abgelöst wurden, welche einen anderen als den traditionellen Standpunkt gegen die zionistische Frage einnimmt. Diese neuen Juden zucken mit den Achseln hei jenem Geschwätz, welches in den letzten hundert Jahren Rabbiner und Literaten über die Mission des Judentums führten, welche Mission darin bestehen soll, dass die Juden immer in Zerstreuung unter den Völkern leben müssten, um als deren Lehrer und Modelle der Moral sie nach und nach zum reinen Rationalismus, zur reinen Bruderliebe und zum idealen Kosmopolitismus zu erziehen. Sie erklären die Missionsprahlerei entweder für Vermessenheit oder Unsinn. Diese neuen Juden sind bescheidener und praktischer und verlangen für das jüdische Volk nur das Recht, nach seinen Fälligkeiten und nach seinem Willen leben und sich entwickeln zu dürfen. Sie sind zur Ueberzeugung gelangt, dass dies in der Zerstreuung nicht möglich ist, dass sie unter den Bedingungen und Vorurteilen, dem Hasse xuid der Verachtung, mit welchen sie überall verfolgt und unterdrückt werden, in ihrer Entwicklung behindert oder zu ethischer Mimiery (Nachäffung, Nachahmung) gezwungen sind, welche sie aus originalen Typen mit dem Recht selbständiger Existenz zu mittelmässigen oder schlechten Kopien fremder Modelle macht. Diese modernen Juden gehen darum darauf aus, das jüdische Volk einmal zu einem normalen zu machen, das auf seinem eigenen Boden leben und alle wirtschaftlichen, geistigen, moralischen und politischen Funktionen einer zivilisierten Einheit zu erfüllen in der Lage sein soll. Das Ziel kann nicht auf einmal erreicht werden. Es liegt in einer mehr oder minder fernen Zukunft. Es ist ein Ideal, ein Wunsch, eine Hoffnung, wie es der niessianisclie Zionismus war. Der moderne Zionismus, welcher der politische genannt wird, unterscheidet sich vom alten, religiösen, messianischen darin, dass er allen Mysticismus verwarf, sich nicht länger mit dem Messianismus identifizierte und die Rückkehr nach Palästina nicht durch ein Wunder erwartet", sondern den Weg hiezu durch eigene Anstrengungen zu bahnen sucht. Der moderne Zionismus ist zum Teil aus dem inneren Drange des modernen Judentums entstanden, aus dem Enthusiasmus der modern erzogenen Juden für ihre Geschichte und Martyrologie, aus der erwachten Erkenntnis ihrer Rasseneigenschaften und aus ihrem Ehrgeiz die alte Rasse hinüber zu retten in die denkbar beste Zukunft und zu den Taten der Vorväter die Taten ihrer Nachkommen hinzuzufügen. Andererseits ist der Zionismus auch zwei Impulsen von aussen zuzuschreiben. Zuerst dem Nationalitätsprinzip, welches seit einem halben Jahrhundert das Denken und Fühlen von Europa und die Politik der ganzen Welt beherrscht, und zweitens dem Antisemitismus, unter dem die Juden aller Länder mehr oder weniger zu leiden, haben. Das Nationalgefühl hat in allen Völkern Selbstbewusstsein geweckt. Es lehrt sie ihre Eigentümlichkeiten als Vorzüge zu betrachten und flösst ihnen den leidenschaftlichen Wunsch nach Unabhängigkeit ein. Dieses Prinzip konnte auch nicht an den modern gebildeten Juden vorüberziehen, ohne sie zu ergreifen. Es lehrte sie, sich zu erinnern, wer und was sie seien, sich — was sie vergessen hatten — als ein besonders geartetes Volk zu füll-