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Die Welt · 1902-11-21 · 47 (21.11.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
47 (21.11.1902)
Article
Die Wahlen in die Wiener Kultusgemeinde
Date
1902-11-21
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Weif Nr. 47 Dass viele Anregungen unseres Programmes ohne grosse Kosten durchführbar und zweckmässig sind, hat die Kultusgemeinde selbst bewiesen, indem sie zu deren Durchfuhrung verholfen hat, und die Rücksicht auf die Opposition, welche heute nicht mehr alles Tun des Gemeindevorstandes7 urteilslos hinnimmt, sondern dasselbe kritisiert, hat schon manches Gute im Gefolge gehabt. Je kräftiger diese Opposition in der Gemeindestube selbst sein wird, desto wirksamer wird sie sein. Mag vielleicht das eine- oder anderemal die Macht der herrschenden Partei noch stark genug sein, um das Eindringen der nationalen Parteien und Ideen in den Kultusvorstand zu verhindern, zum Schlüsse werden wir doch siegen und unsere Ideen die Kultusgemeinde von Wien ebenso erobern, wie sie überall siegreich waren. Unsere Ideen sind unsere Stärke, und nicht darum handelt es sich uns, Ehrenämter zu erobern und an Stelle der einen Person eine andere zu setzen. Uns handelt es sich nur darum, die Lethargie und Verkehrtheit zu brechen und die Fahne des modernen Judentums auch in der Gemeindestube eines der grössten jüdischen Gemeindewesen der Welt aufzupflanzen* Und endlich wird es uns doch gelingen! Der Lord-Mayor. Die aufrechte Tat eines Mannes. So wird auch der Aussen stehende das Verhalten des neugewählten Stadtoberhauptes von London nennen müssen, des Sir Markus Samuel, der zum Lord-Majors-Bankett in der Guildhall den rumänischen Gesandten in London nicht lud und verkünden liess, dass dies für seinen Teil die Antwort auf das judenfeindliche Verhalten der rumänischen Regierung sei. Er will sich nicht mit dem Vertreter dieser Regierung an einen Tisch setzen oder er will doch mindestens diesen Vertreter nicht an seinen Tisch laden. Auch aus Höflichkeit will er jenen nicht Freundschaft heucheln, die seine Stammesgenossen wie bittere Feinde verfolgen. Er hat die Zweiseelen-Theorie verschmäht, „als Jude" ein Gegner der rumänischen Brutalitäten und als „Lord-Mayor" ein unparteiischer Dritter zu sein. Er hat in dem Zwiespalt zwischen Etikette und Gefühl dem Herzen das ausschlaggebende Wort gelassen. Es ist ein schlimmes Zeichen für die Juden, dass diese Selbstverständlichkeit soviel Aufsehen machte. Die Judenfeinde in England und auf dem Kontinent konnten den Mund nicht genug auf tun, da sie dem Lord-Mayor LTeberhebung, Frechheit, ja Grössenwahn vorwarfen. Die Juden selbst aber kamen hierzulande aus dem Statinen nicht heraus, da sie von des Sir Samuel Markus Benehmen hörten: so wenig sind beide, Juden wie Nichtjuden, gewohnt, dass ein Grosser in Israel — oder sagen wir: ein Grosser aus Israel — auch den Machthabern gegenüber seine Würde wahrt. Kommt ein Öffentliches Amt an einen Juden, so paktieren gemeinhin der Verleiher und der Belehnte, dass beide Teile seines Judentums vergessen. Dann ist es stets der Jude, der am beflissensten vergisst. Sir Samuel Markus vergass nicht. Das ehrt auch diejenigen, die das Vergessen nicht verlangten. Denn darin mag wohl hauptsächlich die politische Bedeutung dieser Kundgebung gegen Rumänien gesucht werden: Sir Samuel Markus hat, was er tat, bei einem offiziellen Anlasse getan, bei einem Akte, an dem von altersher die englische Regierung feilnimmt. Nun ist es ja sehr gut möglich, dass des Lord- Mayors eigenherrliches Vorgehen nicht just nach dem Geschmacke der repräsentativen Diplomaten war, dass die englische Regierung selbst sich nie entschlossen hätte, dem Vertreter der judenfeindlichen Macht wegen ihrer Judenfeindschaft einen Affront zu bereiten; aber was die englischen Staatslenker nicht taten, das haben sie doch geschehen lassen. Und wenn einer will, kann er sagen, dass der Minister des Aeussern, der bei dem Bankett erschien, dem Lord-Mayor passive Assistenz geleistet habe, da dieser, wie es heisst, aus seinem Vorhaben kein Geheimniss machte» Es wird nicht gut möglich sein, dass der Staatssekretär den Bürgermeister öffentlich blossstellt; denn er müsste dann erklären* ^Lass er den Rumänen aus ihrem Verhalten gegenüber den Juden keinen Vorwurf mache; England als Signatarmacht des Berliner Vertrages müsste verkünden, dass es die beleidigende Missachtung des Vertrages ruhig hinnehme. Die einzig mögliche Antwort auf eine Vorstellung des rumänischen Vertreters wird also der Hinweis auf die Selbständigkeit der autonomen Herren der City sein. Und diesen hat es offenbar ihr erwähltes Oberhaupt recht gemacht, denn es ist kaum anzunehmen, dass sich der Lord-Mayor in einen Konflikt mit seinen Wählern verwickelt oder dass er auch nur gegen ihre Intentionen gehandelt hätte. Er muss ihnen doch mindestens so verlässlich sein, wie er sich auf sie verlassen kann. Deshalb hat er, wenn er gegen die Judenverfolgungen in Rumänien remonstrierte, im Namen eines grossen Teils des englischen Volkes gesprochen. Oder er war doch sicher, dass dieser Teil des englischen Volkes seine jüdische Ueberzeugung so achte, dass ihm bei deren Betätigung kein Hindernis in den Weg gelegt wird. In dem einen Falle hätte die Londoner Kaufmannswelt durch ihr Oberhaupt verkünden lassen, dass ihr Rumäniens Haltung unmoralisch und verdammenswert scheint. Im anderen Falle hätte sie ein schönes Beispiel gegeben, wie sie auch den Juden zu schätzen weiss, der sein Judentum aufrecht vertritt. Die Londoner City verlangt von dem Juden, den sie an ihre Spitze stellt, nicht auch, dass er sieh entjudet. So fassen wohl die Engländer die Haltung des Lord-Mayors auf. Es wäre noch zu fragen, was die Juden und was die Rumänen dazu sagen werden. Die Juden werden vielleicht fragen, ob Sir Samuel Markus auch klug gehandelt hat, als er den Konflikt zwischen Rumänien und dem Judentum so offen zutage treten liess. Aber was konnte er den Juden noch schaden? Es ist kaum möglich, dass Rumänien härter gegen seine Juden verfährt, als es dies ohnedies tut. Und jede schärfere Durchführung der Massregeln gegen die „Fremden" würde bloss zu Wiederholungen der offiziellen und nichtoffiziellen Kundgebungen in Amerika und England führen, den von der rumänischen Einwanderung am meisten betroffenen Ländern. Deshalb war es gut, dass man die Rumänen von London her wissen liess, dass lebende Auswanderer eine viel beredtere Sprache führen als totgeborene Dementis. Die Humanen sollen sich nicht noch einbilden, dass sie im Rechte seien. Sie sollen verstehen, dass ihre „Fremdenvsrfolgungen" ein Echo finden in Kreisen, an deren WohTmeinüng den rumänischen Staats- und Bankenlenkern notwendig sehr viel gelegen ist. Sie sollen merken, dass solide Kaufleute ihr Va banque-Gesehäft mit Misstrauen ansehen. Denn was die Rumänen sagen werden, ist ja ziemlieh klar: sie werden wieder einmal das Gegenteil von dem sagen, was sie sich denken; sie werden die Unschuldigen, die Beleidigten spielen; sie werden behaupten, dass sich der Londoner Lord-Mayor in intime Verhältnisse ihres Landes gemischt und wegen innerpolitischer Vorgänge die Pflichten der internationalen Höflichkeit verletzt habe. Das werden sie sagen. Denken aber werden sie sich vielleicht doch, dass die sich mehrenden Zeichen der Miss-; achtung von aussen her recht bedrohlich werden können für die Verhältnisse im Innern. Und darum können auch wir von unseren Vornehmen und Reichen, von den Repräsentanten unter uns, nichts Besseres verlangen, als dass man sie ohne Scheu wiederhole: die aufrechte Tat eines Mannes, d. Zionismus. Von Max Nbrdau.*) Zionismus ist ein neues Wort für eine sehr alte Sache, indem es bloss die Sehnsucht des jüdischen Volkes naeh Zion ausdrückt. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus, seit der *) Da diese Nummer als Agitatiünsnummer dienen soll, halten wir es als zweckmässig, zur Belehrung jener, die vom Zio» nismus gar keine oder nur oberflächliche Kenntnis haben, einen informativen Artikel über diese moderne Bewegung zu; bringen

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