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Die Welt · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Article
Das deutsche Judentum und der Zionismus
Date
1902-11-14
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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We|t" Seite S setzen haben, eben. je,na Schwierigkeiten .abzustellen,. I>ie Entlarvung der dunklen "Mächte des Widerstandes soll uns ein Sporn seiny nur immer eifriger an ihrer Ueberwindung zu, arbeiten, noch immer planvoller, und individueller unsere Agitation zu, gestalten. Wer in Deutschland Propaganda treiben will, lerne darum folgendes beherzigen: mehran * den Verstand als an . das Gemüt appellieren, auf Phrasenschwall tunlichst . verzichten, die zionistische Weltanschauung mit. logischer, Schärfe durcharbeiten und vertiefen! Und der Lohn, welcher winkt, ist wahrlich der Mühe wert. Man bedenke nur, class unter dem kleinen Häuflein deutscher Zionisten schon ein Hess, Herzl und Nordau erwachsen bind, dass die beispielgebende praktische Tätigkeit, wie sie die Schaffung von Toynbee-Hallen, die Gründung von Turnvereinen, die organisierte Wahlarbeit darstellt, zuerst von deutsehen Zionisten entwickelt worden ist — so weiss man im voraus, wie reich einst die vermehrten Anstrengungen vergolten werden. Die deutschen Juden, wenn sie erst einmai unserer Bewegung gewonnen sind, werden ihre vorzüglichsten Kerntruppen, ihre fähigsten Pioniere sein: nicht leicht zu ernüchtern, nicht rasch zu entmutigen, unsere exaktesten Theoretiker und praktischesten Organisatoren,. Nochmals über Jargon. Von M. J. B. Wiewohl Dr. Heinrich Löwe mir häufig als ein zu steifer Herr vorkommt, habe ich mich doch über seine letzten Aeusserungen des Jargons wegen herzlich gefreut. Ich bin kein Mann von Fach, und doch hatte ich immer ein Gefühl, dass gerade von der philologischen Seite her sich viel zugunsten dieser Sprache sagen lässt: nämlich, dass sie trofe ihrer .fremden Herkunft auf sich selbst bestehe und ihr Leben lebe. Ich hatte immer ein Gefühl, dass unser häufiges Achselzucken dieser Mundart gegenüber 5ein Unrecht sei, wie alles dergleichen. Trotz der fremden Herkunft der Jargonsprache hat sie die Geberde eines ganzen Volkes, seine boshafte Kürze und seinen Sprung. Es lassen sich in ihr Hiebe versetzen, wie in keiner anderen Sprache, und ein Wort in ihr genügt, um die ganze Karikatur einer Sache darzustellen. Trotz der schweren Sorgen, in denen -sie alle Jahrhunderte ihr Dasein gefristet hatte, ist sie von einer Ausgelassenheit sondergleichen; sie trifft immer den Nagel auf den Kopf, und wenn jemand nur seinen Mund in-ihr auf tut, ist sie so seinem Innern ängepasst, dass er bald vor uns dasteht und wir in seinem Innern alles schauen können. Sie bedient sich ganzer Bücher, Menschenalter als Adjektive; sie redet mit demWink, mit dem letzten Erkennen, mit dem Bis-aufden-Grund-einer-Sache-gehen. Es ist urnsomehr zu bewundern, dass ihr nie eine kräftige Schriftsprache zur Seite stand, dass nie ein grosser Geist sie in neue Formen, goss. Bis auf Mendele (Abramowitz) und die paar echten Volksdiehtep hat man geradezu gegen sie gesündigt, sie mit fremrdenWorten aufgeputzt, die als unorganische Teile an ihr vorübergegangen sind. Niemand hatte ihr etwas zu sagen als das Volk selbst, das derbe und spassige Volk, alle zugleich : der Mann mit dem starken Hammer wie der Gebrechliehe im breiten Gürtel, der Mann mit den fetten Münzen in den Taschen wie der abgerissene und fröhliche Hungerjude. Die stockalte Grossmutter, noch immer alle Zähne im Munde, konnte in ihr gehörig Schelte austeilen, wenn man nicht lernen wollte und'sich gar ein Leben auf der Gasse machen wollte; und die gute Mutter hatte immer ein weiches. Wort in ihr, wenn der Väter in frommen Zorn geriet und schliesslich sich in die Lippen biss, was eine Trabht Prügel in dieser Sprache bedeutete. Wehn man dazu bedenkt, dass das Wesen einer Sprache von. ihrem Urboden kömmt, dass sie die Anschauung^ diese jiur an diesen Ifeum g eb^ Fassba,re synthetisiert und das Erlebte, an einem Hes.^imm.ten Kauip Eriefet'e Miterlebt, kommt man gar nMt vom gielp^ df^'Spradie,-aus ihrem Heimatland f reniden- Leib verpflanzt, sicH doch so genährt ü&d ziiwellen solche Blüten getragen.hat.,, Gedichte von Göldfadfeh,1 von Eosfenfeld, einzelne von Frug und von' Frischinanin sind von solcher Frische, als ob der Saft der eigenen Erde' in ihnen flösse: Das ist doch gar nicht zu begreifen. ' ' Eine fremde Sprache wurde uns zur Heimat; wir wussten es nicht ,mebr, dass wir üicht im eigenen Lafixfö leben . ,,. Auch, die Enjgel, die nach einer talmudisehen Aussage, nicht einmal aramäisch, die Söhwesterspräehe des Hebräischen verstehen, sprechen nur „jüdisch^.,— Ms Gott zu Abraham auf Hebräisch sagte : „Lech, leeh mearzeehö^j hat er es ihm gleich verdeutscht: "^gehte, geh# weg von deinem Lande . , . " So halten wirV auch immer in?der Schule, das Hebräische mit dem Jüdischeii zugleich, die, wie beide Augen im Kopfe, immer mir eins sehen. — — : So war's, wie wahr, ich lebe. Und ich werde nie den Schrecken vergessen, der mich erfässte, als .ich Jahre nachher in der „Jeschiwa^ vernahm, .wie man einem'Jünger aus dem Kaukasus den Talniud russisch übersetzen muööte, das hiess damals bei mir „goisch", die Sprache des Heiden ..... Ich konnte es gar nicht begreifen, wie ein Jude nicht jüdisch zu sprechen verstand. Der Klang der slavischen Sprache war mir bis in'die Seele fremd, es überlief mich ein Schauer, wie wenn man mir einen Wald zeigte, wo. die Bäume mit dem Kopfe nach unten wachsen .... Dieses befremdende und erdrückende.' Gefühl könnte ich auch nachher nicht überwinden; und als mein Herz sich nach dem Geiste der Völker sehnte, da trieb £s mich nach Deutsehland, ich möchte. beinahe sagen, nach dem Mütterlande meiner Sprache. ' A^enn man an den Jargon denkt, soll man nicht vergessen, welche grosse Seelenzufuhr dabei auch uns gekommen ist. Milde und ungemein weiche Ausdrücke, wie : goldenes Herz, goldenes Kind, mit denen heute jede jüdische Mutter ihr Kind liebkost, haij die' hebräische Sprache nicht besessen. Gott stand uns nie so nahe in seihen hebräischen Bezeichnungen und der H immel ist uns viel lebendiger geworden, wie vorher durch seine vielen Namen. ' — Wenn der Hebräer nur die Worte Söhne, und Töchter kennt und. zur gemeinsamen Bezeichnung ungeschickt sich' des Ausdrucks die Geborenen, die mir Geborenen bedient, hat das Wort Kind uns alle;n ein Gefühl gegeben, dessen Licht in unserer Brust nie erlischt. IsTun bleibt noch eine grosse Frage übrig: wer sind die eigentlichen Träger des Jargons und wer soll für sein "Gedeihen bürgen? Die Gelehrten, jene fromme Kaste, die immer die Gesetze vertritt und das religiöse Schrifttum bewacht, sind ihrer Stellung wegen von vornherein, von diesem ganzen Tun ausgeschlossen. Gewiss-muss ein Jude „jüdisch" reden, aber die heiligen Bücher sind eben - jene, .die von Moses bis auf den heutigen Eabbi herrühren; .„Geschichten" sind nur für Frauen und für einfache Leute, die von. der Thora nichts wissen. Diese alle; die Gelehrten, sind jetzt, für ihre eigenen Dinge kraftlos, reichen für sich selbst, kaum aus, und es wäreein unnützes Warten, auf sie-in dieser Hinsicht zurechnen. Schon viel mehr kommen in Beträcht die sogenannten „Aussensteheiiden",'die jüdische Intelligenz, die Leute von Literatur und Einsicht. : Es ist aber so eine Sache mit dem Auszustehen; man tut es eine gute Weile, auch wenn man noch die Arbeit der Väter verrichten will. Der Wille, der bewusste Wille und det fromme Wunsch, für die Seinigen etwas Gutes zu schaffen, reicht üicht aus, wenn man <len purst seiner , eigenen' Seele irgendwo anders gestillt

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