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Die Welt · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Article
Das deutsche Judentum und der Zionismus
Date
1902-11-14
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" m. 46 Die innere ßicher^e^i 4fr deutschen Juden jässt freilich viel zu wünschen, übrig.} I^ie S^j^|^l$u^*'pp^i^cher Rechte und1 die gesellschaftliche Aechtung trifft nur subfpere Empfindungen-, läset diejenigen unberührt, die in einem modus vivendi ihr Genüge finden. Doch auch diese werden beunruhigt durch Äffären ä la Xanten, Könitz, durch die; Reden des „Dreschflegelgrafeh" an die deutsche Nation: u., dgl. Dennoch wird allen deutschen Juden stets ein gewisses Gefühl der Sicherheit erhalten durch vorbildliche Organisationen, wie sie änderen Ländern fast unbekannt sind; Deutsch-Jsraelitischer Gemeindebund und 2entralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der erstere konzentriert den Einfluss aller Kultusgemeinden In einem straff organisierten Verbände, der namentlich den kleinen Gemeinden ausserordentlichen Rjickhalt bietet und eine generelle Regelung aller wichtigen Fragen des Gemeindelebens ermöglicht (Religionsunterricht und dessen staatliche Beaufsichtigung,' Vorbildung von Lehrern und Schächtern, Alters- und Reliktenversorgung der Beamten, Armenfürsorge, Abwehr von Sehächtverboten etc.). Der Staatsbürgerverein, dem etwa 10 000 Einzelmitglieder und Korporationen von weiteren, 90 000 Juden angehören, wacht peinlich über die Rechte der jüdischen Staatsbürger und verfolgt, unter Aufbietung seines repräsentativen Einflusses und seiner reichen Mittel, alle Ungesetzlichkeiten oder Ungerechtigkeiten, welche dem einzelnen oder der Gesamtheit von Privaten oder von Behörden zugefügt werden. ' Also bei materiellem Behagen und mit dem Gefühl, seine Bedürfnisse als Glaubensgenosse wie als Staatsbürger durch imposante Organisationen vertreten zu wissen, sieht der deutsche Jude ohne grosse Sorge in die nächste Zukunft, ist zufrieden hiit einer Gegenwartspolitik, die das Schlimmste verhütet, und verlangt nieht nach neuartigen Bestrebungen, welche ihn allzusehr aus den gewohnten Geleisen drängen würden. Das sind die äusseren Gründe für den aktiven und passiven Widerstand, dem wir in Deutschland auf Schritt und Tritt begegnen. Viel mächtiger jedoch wirken gewisse innere Momente, Imponderabilien, welche gemeinhin eher unterals überschlit'zt werden. Kaum wo anders als in Deutschland kommt es vor, dates ein Antizionist in einer Versammlung plötzlich mit vor Wut gerötetem Gesichte aufspringt und laut in die Welt hinausschreit, dass er sein geliebtes Vaterland sich weder von Juden noch von Christen rauben lasse. Man wn$ aueh vergebens anderswo als in Deutschland Erscheinungen suchen wie Lublinski; über das Alltägliche hinausblickende, hochstrebende Juden, welche, einem dunkel gefühlten Sehnen folgend, das Zionsideal mit ehrlichem Enthusiasmus aufgriffen und schliesslich doch erkannten, dass es sie nicht so, nicht ganz ausfüllen könne wie die Liebe zum erworbenen Vaterlande. Im Sturm und 3>rang einer jungen Bewegung lässt man sich leicht zu ungerechter Beurteilung derer hiureissetf, welche dem warmempfuhdenen eigenen Ideal fern- oder entgegenstehen. Und doch ist gerade bei deutschen Juden die eifrige Betonung ihrer Vaterlandsliebe keineswegs immer Kriecherei und Heuchelei, vielen kann und muss man es glauben, dass es ihnen heiliger, furchtbarer Ernst ist. Es sind Deutsche „bis auf die- Knochen" und trotz aller Demütigungen und Enttäuschungen gibt ihnen die tief wurzelnde Liebe zu dem' Lande, in das sie hineingeboren wurden, die Kraft des Glaubens,- dass ihr Volk aus dem Taumel des Hasses wieder erwachen und, als wäre nichts geschehen, den besonnenen Fortschritt auf dem Wege moderner Humanität wieder aufnehmen werde. Die demonstrative und oft fanatische Verteidigung ihres Deutschtums entspringt dem Bedürfnis, sich dessen, was man zu verlieren fürchtet, nur umso fester zu versichern. In der Tat kann es keinem Zweifel unterliegen, dass nirgends die Juden in grösserer Zahl sich dem Wesen des .Wirts- Volkes so^ innig angeschmiegt, SO; wirklich und echt sich assimiliert haben wie in Deutschland; der deutsche Geist, die deutsche Kultur; hält sie gafiz umfangeh. , Jeder Bekehrung eines deutschen Juden zum Zionismus geht,ein:hartes Ringen,.mit der Anhänglichkeit an die liebgewonnenen Kulturgüter voraus, die Loslösüng ist stjets langsam und bleibt immer schmerzhafte Die tieferen Ursachen dieser Affinität des Juderitums zum Deutschtum sind nach meiner Ueberzeugung diese: 1. Der Grundcharakter der Deutschen hat; in vielem starke Aehnlichkeit mit dem jüdischen: der scharfe* kritische Verstand, die Empfänglichkeit für ein inniges Familienleben, die häuslichen Tugenden der Frau, der wirtschaftliche Sinn und die Betriebsamkeit des Mannes, die Neigung zu Parteiungen und die Hervorhebung der Einzelindividualität, die Anpassungsfähigkeit — all das sind Züge, welche beiden Stämmen gemeinsam sind.*) 2. Die Juden sind mit der neueren deutschen Kultur so eng verbunden, weil sie selbst an deren Werden und Wachsen so hervorragenden Anteil gehabt haben. Der deutschen Literatur und Kunst gehören die Juden: Heine, Börne, Gutzkow, Auerbach, Heyse, Meyerbeer, Mendelssohn, Liebermann, Korinth, Ury, Nossig. Grössen theoretischer oder praktischer Politik sind: der Gründer der konservativen Partei Stahl, die Liberalen jacoby, Riesser, Simson, Lasker, Barüberger, die Sozialisten Marx, Lassalle, Singer, Bernstein. Zu den Naturwissenschaften stellten die deutschen Juden den genialen Physiker Hertz, den Chemiker Victor Meyer, den Botaniker Ferdinand Cohn und die Mediziner: Traube, Cohnheim, Heidenhain, Münk, Weigert, Neisser, Senator. „Wenn man das herrlich strahlende Licht des deutschen Geistes spektralanalytisch untersucht, so findet man in jedem Teile des Spektrums die jüdischen Linien, im Rot der Politik wie im Grün des Gewerbefleisses, im Purpur der Kunst wie im Violett der Wissenschaft." (Nordau.) Jung-Deutschland ist gerade so alt wie die geistige Emanzipation der deutschen Juden! Was Wunder, dass diese von der Jugendgespielin nicht lassen wollen! 3. Ein weiteres inneres Moment, das dem Zionismus bei uns entgegenwirkt, ist eine Eigenschaft, welche die Juden eigentlich dem ein* geborenen Deutschen abgelernt haben. Der orientalische Ursprung disponiert den Juden zu einem leicht erregbaren Enthusiasmus für neue Ideen; der Jude hat von Hause aus ein Strohfeuer- Gemüt, das ebenso leicht und rasch, wie es aufgeflammt ist, auch wieder verglimmt. Ganz anders die natürliche Artung des Germanen; wer kennt nicht die Witzblattfigur des deutschen Michels mit der Schlafmütze bis über die Ohren? Bedächtig und gelassen, fast bis zur Indolenz, lässt er die Dinge an sich herantreten, geht fast widerwillig auf die Prüfung des Neuartigen ein, kritisiert es mit der Skepsis dessen, der am Hergebrachten hängt, und nimmt es nur an, wenn die unabweisliche Logik ihn geradezu zwingt. Kurz, der Deutsche will nicht von unklaren Gefühlen begeistert sein, will sich nicht von undefinierbaren Empfindungen umnebeln lassen, sondern muss durch die aufdringliche Logik von Tatsachen überzeugt werden. Diese charakteristische Seite deutschen Wesens hat nun der deutsche Jude, unter Ueberwindung einer eigenen Rasseneigenschaft, angenommen ■— ein interessantes Beispiel von Assimilation, aber einer auch uns erwünschten Assimilation: der Annahme guter und nachahmenswerter Wesenseigentümlichkeiten der Umgebung, des Lernens vom Wirtsvolk! Ich glaube, die angeführten inneren und äusseren Einflüsse können vollständig das Widerstreben der deutsehen Juden gegen unsere Idee erklären. Ich möchte nun noch hinzufügen, dass die Aufdeckung dieser gewichtigen Einflüssse nicht auch den Schluss rechtfertigt, die Arbeit der deutschen Zionisten müsse für alle Zeit aussichtslos sein. Die Erkenntnis, wo die Ursachen der Schwierigkeiten liegen, darf uns nicht entmutigen und in der Agitation lähmen; sie muss uns lehren, wo wir den Hebel an&u* *) IcE kann mir nicht versagen, hier eine Notiz von Hein* rieh Heine herzusetzen, die er in die Betrachtung von „Shakespeare's Mädchen- und Erauengestalten" angesichts der Jessika einflicssen lässt; ich fand sie eben zur rechten Zeit. „Die Züchtigkeit der Frauen bei Juden und Germanen ist vielleicht von keinem absoluten Werte, aber in ihrer ^Erscheinung macht sie den lieblichsten, anmutigsten und rührendsten Eindruck * ,. 4 {Es ist in der!Eat auffallend, welche innige Wahlverwandtschaft zwischön den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen, herrscht « . . sie hat einen tieferen Grund, utid beide Völker sind sieh ursprünglich so ähnlieh, dass man das ehemalige Palästina für ein orientalisches Deutschland ansehen könnte, wie man das heutige Deutschland für die Heimat des heiligen Wortes, für die Öurg der reinen Gteistheit halten sollte.*'

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