Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-11-14 · 46 (14.11.1902) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
46 (14.11.1902)
Article
Wiener Wahlen
Date
1902-11-14
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3316006-3326143--35669-3326258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Saite: 2 „Die # Welt" Nr. 46 muss, wenn er zeigen will, dass seine Herrschaft noch besteht; W0my «onst^eia\ Sieg errungen ist, nimmt auch die Brätidschatzunig 4es Unterworfenen ein Ende. Hier ist der Sieg: erst recht der Anfang des Krieges. Und der Antisemitismus ist kein milder Herrscher. Er wird den Tribut . von uns ^systematisch fordern. Die Aermsten unter uns werden unter dem Joche am meisten1 leiden. Die Landesgesetze geben dem Landtage genügende Mittel in die Hand, unsere Handwerker und unsere Hausierer, unsere Lehrer und unseie Schüler die Oberhoheit einer feindlichen Macht fühlen zu lassen. Ueberall, wo der Einzelne eine Stütze an der Gemeinschaft, der Bürger am Staate, der Privatmann an der Behörde finden soll, wird man uns zeigen, dass man uns nicht als Glieder dieses Ganzen betrachtet. Wir sind nunmehr ein besonderer Körper, der ein besonderes Leben hat. Und da nun die ersten Wahlen uns gezeigt haben, dass wir nicht mit den anderen, sondern höchstens neben ihnen leben sollen, so haben wir die Pflicht, uns selbst um unseren Körper und seine Funktionen zu kümmern. Das einzige Organ des jüdischen Körpers ist derzeit die Kultusrepräsentanz. . Es ist das einzige Organ, durch das wir unsere Lebensfähigkeit und unseren Lebenswillen zeigen können. Eine politische Organisation in dem Sinne, dass sie als ein Teil des Staates angesehen würden, ausgestattet mit Funktionen des Staates, bilden gegenwärtig in Oesterreich die allerwenigsten Kultusgemeinden. Aber man sagt von den Lebewesen, die an einem Sinne oder seinem Werkzeug Mangel leiden, dass sie all ihre Kraft zur Stärkung ihrer anderen Organe verwenden und dass es ihnen so gelingt, mit einem Gliede Leistungen zu erzielen, die ihm sonst nicht zukommen. Das ist jetzt unser Fall. Wir müssen leben in diesem einen Organ und deshalb muss es die mannigfachsten Fimktionen erfüllen. Unser soziales, unser wirtschaftliches, unser kulturelles Leben muss jetzt durch dieses Organ seinen Ausdruck finden. Und daraus ergibt sich zweierlei: Zuerst werden wir dieses Organ so ausstatten müssen, dass es alle diese Funktionen zu erfüllen imstande ist. In die Sprache der Wahlen übersetzt, heisst das: Sitz und Stimme in der Verwaltung der Kultusgemeinde darf jetzt nur derjenige erhalten, der sich bewusst ist, dass die Juderischaft mit allen Faktoren ihres Lebens auf diese Vertretung angewiesen ist, die darum in keinem Falle den Dienst versagen darf. Diese Behörde muss ihre Kompetenzen immer mehr zu erweitern streben. Sie muss aus den letzten Vorgängen die Lehre gezogen haben, dass wir in unserer Isolierung selber alle unsere Kräfte regen müssen. Wir werden uns nicht beklagen, dass niemand „etwas für uns tun" will. Warum sollte er das auch? Aber wir werden nicht so schlaff sein, auch selber nichts für uns zu tun. Die zweite Folge ist, dass das Leben dieses Körpers in allen seinen Teilen ein möglichst kräftiges, ein möglichst gesichertes, ein vor Unfällen und Zufälligkeiten möglichst geschütztes sein muss. Der soziale Körper ist ein Zusammenschluss einzelner menschlicher Individuen. Je fester der Zusammenschluss, je grösser die Zahl der Vereinten, desto widerstandsfähiger ist der Körper. Die Repräsentanz eines gesellschaftlichen Gebildes schöpft ihre Macht lediglich aus den Kräften der vertretenen Gesellschaft. Für die Kraft des Organs ist die erste Voraussetzung die Stärke der Organisation. cL Zionistische Taktik. Von Dr.-Elias (Mülhausen i. E.). Die vom Zionismus geplante Kolonisation Palästinas kann erst nach Beendigung verschiedener Vorarbeiten in Angriff genommen werden. Es muss zunächst den Juden der Nachweis .geliefert werden, dass sie nur durch Gründung einer rechtlich, gesicherten Seimstätte in Palästina oder seinen Nebenländern die Judennot heben werden dass sie also mit allen ihren Mitteln für die Gründung einer solchen Heimstätte eintreten müssen; es muss ferner der Beweis geliefert werden, dass eine solche Heimstätte den Kulturstaaten und speziell der Türkei keinen Schaden, sondern Nutzen bringen werde; es müssen endlich die für die Gründung dieser Heimstätte notwendigen Mittel flüssig gemacht werden. Diese Vorarbeiten sind teilweise beendet. Die zionistische Idee findet immer mehr unter den Juden Verständnis; die europäischen Machtfaktoren treten ihr nicht hindernd in den Weg; die türkische Regierung hegt gegen eine jüdische Besiedelung Palästinas und seiner Nebenländer keine prinzipiellen Bedenken mehr; die Jüdische Kolonialbank und der Nationalfonds stellen einer künftigen Kolonisation ganz ansehnliche Summen zur Verfügung. Doch, so ansehnlich diese Summen auch sind, sie reichen nicht aus, um das Werk zu Ende zu führen, das der Zionismus plant. Wenn auch das Aktienkapital der Kolonialbank voll eingezahlt sein wird und die Bank mit möglichst grosser Intensität arbeitet, und auch der Nationalfonds die Hoffnungen erfüllt, die seine Gründer und seine Freunde an ihn knüpfen — die Summen, die den beiden Instituten zur Verfügung gestellt werden, werden nur ausreichen, um einen Teil unseres Volkes zu kolonisieren. An dieser Tatsache ändert auch der feste Wille der zionistischen Führer nichts, mit dem jetzigen in den jüdischen Kolonien üblichen System der Bevormundung und Administration zu brechen und der Kolonisation rationelle Prinzipien zugrunde zu legen. Mögen die Männer, die das künftige Kolonisationswerk leiten werden, noch so methodisch und noch so vorsichtig und noch so ehrlich vorgehen: sie werden nur so weit Arbeitsgelegenheiten schaffen können, als Mittel vorhanden sind. Welche Summen unter Umständen notwendig sind, um Arbeitsgelegenheiten in grosser Zahl zu schaffen und die ökonomische Existenz eines Volkes zu ermöglichen, geht aus Aussagen hervor, die vor kurzer Zeit die Boerenführer machten. Sie behaupten, dass das Boerenvolk, das aus 2—300 000 Menschen besteht, 1,5 Milliarden Pres, braucht, um ökonomisch unabhängig zu bleiben. Dabei ist zu bemerken, dass die Boeren in ihrem eigenen Lande wohnen und Besitzer des Bodens sind. Mag auch die Berechnung der Boerenführer pour les besoins de la cause arg übertrieben sein, so wird man doch aus derselben den Schluss ziehen können, dass ein Volk, das numerisch stärker ist als das Boerenvolk, das einen weiten Weg zurückzulegen hat, um in das Land zu gelangen, das es besiedeln soll, das auch noch nicht im Besitze des Bodens sich befindet, das sich ferner nur in geringem Grade für eine neue Lebensweise und eine kolonisatorische Tätigkeit vorbereiten konnte, mit den Kapitalien der Kolonialbank und des Nationalfonds nicht auskommen werde. Zu ähnlichen Resultaten gelangt man, wenn man bedenkt, dass auf Martinique die 20—30 000 Köpfe zählende Bevölkerung, die durch den bekannten Ausbruch des Mont Pele"e von der Scholle vertrieben wurde, nur mit einem Kostenauf wände von vielen Millionen in einem anderen Teile der Insel angesiedelt werden kann. Wir müssen uns darauf vorbereiten können, möglichst bald sehr grosse Massen kolonisieren zu können. Wir dürfen deshalb keine Gesegenheit versäumen, möglichst viele kapitalskräftige jüdische Gesellschaften für unsere Sache zu interessieren. In erster Linie kommt die Ica in Betracht. Auf sie machte schon Rabbiner Mohilewer aufmerksam, als er in einem Briefe, der auf dem I. Kongress verlesen wurde, den Rat gab, sich an die Ica zu wenden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.