Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 46 (14.11.1902)
- Article
- Wiener Wahlen
- Date
- 1902-11-14
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316006-3326143--35668-3326257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Administration: WIEN IX«, Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag, Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkeristrasse Nr. 9, za richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpte nicht zurückgesendet. ♦ Sprechstunden der Redaction täglich von 7J2—7al Uhr. ♦ Preise dar Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inaeratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.-—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Rüssland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R, 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 46. Wien, 14. November 1902 — 14. Marcheschwan 5663. 6. Jahrgang Wiener Wahlen. Ein Zufall hat in Wien zwei Wahlhandlungen einander in zeitliche Nähe gerückt, die die Geschicke der Wiener Judenschaft beeinflussen können, weniger durch das Ergebnis der Wahlen selbst, als durch die Lehren, die wir aus den Vorgängen des Tages ziehen können. Und wie wir Wiener Juden nun einmal sind, .haben wir uns selbstverständlich mehr für jene politischen Vorgänge echauffiert, die uns bloss mittelbar treffen können, die Landtagswahlen, als für jene anderen, die ganz direkt an unsere Interessen rühren: die Wahlen der Kultusgemeinde. Es war eine grosse Aufregung unter den Wiener „Freisinnigen", als vorige Woche die verschiedenen Spielarten des niederösterreichischen Antisemitismus miteinander um die Mandate für den Landtag kämpften. Und die Juden nahmen in diesem Wahlkampfe eine ganz besondere Stellung ein. Vor einigen Jahren pflegten sie sich noch für den liberalen Kandidaten zu begeistern, der ihnen mit grossen Worten die Versicherung geben rimsste, dass auch er sich jenen Autoritäten anschliesse, die den Juden für einen Normalmenschen halten. Und das Staätsgrundgesetz mit seinen theoretischen „gleichen Rechten" war das beliebteste Zitat jüdischer oder gemischt-jüdischer Wählerversammlungen. Die Juden kamen nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass die von allen Seiten andringenden Feindschaften ganz spezielle jüdische Gegenmassrrgeln erforderten. Dass das Judentum infolge seiner inneren Verfassung und durch die hinzutretenden äusseren Umstände eigene Bedürfnisse, jüdische Bedürfnisse habe, das durfte solch ein Kandidat überhaupt nicht wissen. Denn damit wäre die Fiktion der Zugehörigkeit zu der vollkommen „ gleichen* Staatsgesellschaft erschüttert worden. In einer Bescheidenheit, die keine andere Wählerschaft je besessen hatte, verlangten sie von ihrem Vertreter lediglich, dass er nicht geradezu in die Reihen ihrer Feinde trete. Und dies in einer parlamentarischen Körperschaft, die sich selbst als eine Zusammensetzung von Interessen-Vertretungen, ansieht, in der jeder Abgeordnete nichts ist; als die körper gewordene „Forderung" seiner Hintermänaej. Es ergab sich die merkwürdige Situation, dass im Kampf zweier Kräfte dem Angreifer nicht der Verteidiger entgegentrat, sondern dass man mit selbstmörderischer Gerechtigkeits-Schwärmerei bloss den „Unparteiischen" auf den Kampfplatz schickte. Die Antwort auf einen Hieb war — ein Versöhnungsversuch. Das waren die alten Zeiten. Die Juden begeisterten sich für Leute, die das Verdienst hatten, keine Antisemiten zu sein. Doch so gut ging es der Wiener Judenschaft diesmal nicht mehr. Auf einen Erfolg der liberalen Partei war kaum mehr zu rechnen. Jene freisinnige Presse freilich, deren Aufgabe es ist, die Juden einzulullen und sie um alles in der Welt nicht zur Klarheit über ihre Lage kommen zu lassen, wollte ihnen noch bis zum letzten Augenblicke vorreden, dass das Zeitalter des Antisemitismus wieder einmal vorüber sei. Und es gelang wirklich, den Leuten den Trugschluss zu sugerrieren: Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Dass Dr. Lueger ein Antisemit ist, war ja schliesslich nicht schwer zu erweisen. Und da die Deutsche Volkspartei und die alldeutsche Partei den Christlich-sozialen die Mandate abnehmen wollten, begeisterten sich die Juden wirklich für jene Leute, die an Stelle der Wiener Abart die kleinstädtische oder die deutschböhmische Färbung des Antisemitismus setzen wollten. Das geschah infolge des Theatercoups, dass sich alles, was Luegers Gegner war, mit dem Sammelnamen der „freiheitlichen Parteien" bezeichnen liess. Aus den Wiener Antisemiten wurden „Klerikale" gemacht. Und die Juden Hessen sich zum Kampfe gegen den Klerikalismus führen. Sie merkten es gar nicht, dass es sich um einen Familienstreit handelte, der sie gar nichts anging. Den Christlich-Sozialen konnte kein grösserer Gefallen geschehen, als dass auf der Seite ihrer Gegner auch die Juden standen. Damit waren nämlich sie alle als „Juden und Judenknechte" stigmatisiert und das Schlagwort für die Kampagne war gefunden. Der Sieg der „Nur-Antisemiten" war ein vollständiger. Und in Zukunft werden sich die „Freiheitlichen" hüten, auch nur den Schein der Judenfreundschaft zu erwecken. Jetzt ist es klar und deutlich: der Antisemitismus ist Herr im Lande. Er wird die Herrschaft, die nunmehr durch die Erwerbung der Majorität im Landtage eine absolute wurde, ausnützen, weil er sie ausnützen