Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Article
- Eine national-jüdische Hochschule
- Date
- 1902-11-07
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Die # Welt" m & wie die damalige und deshalb auch kein Mittel so erstrebenswert, ja, so unabweislich notwendig erscheine, um die Gefahr rechtzeitig abzuwehren, als das damals angewendete, doch den jetzigen Verhältnissen angepasste: die Gründung einer national-jüdischen Hochschule in den von ihr entworfenen Umrissen. Als ihre Verfasser und Herausgeber zeichnen Martin Bub er, Berthold Feiwel und Doktor Ch. Weizmann. Die von ihnen beantragte Stiftung ist mit so überzeugenden, gerade durch die Schmucklosigkeit und Nüchternheit des Vortrages desto beredteren Belegen als eine zwingende Notwendigkeit dar-, getan, dass sich der, welcher noch einen Funken Glauben an die Lebensfähigkeit unserer Nation sich bewahrt hat, auch deren Zukunft unter den obwaltenden Existenzbedingungen schwerlich ohne die Verwirklichung des unterbreiteten Projektes einer eigenen Hochschule wird fiirderhin ausmalen können. Was jedoch am wirksamsten vielleicht für die Dringlichkeit ihres Planes spricht, das ist — so paradox dies auch klingen mag — die energische Ablehnung, deren er sich bei dem grössten, zumal bei dem wegen seiner Kapitalskraft massgebendstenTeileder in Betracht kommen den Kreise zu gewärtigen hat. Wer auch sonst noch unter den oberen Zehntausend des Besitzes für humanitäre Zwecke den Beutel lockert, bei dem finden gleichwohl ethische, auf einen weiteren Gesichtskreis berechnete Kuiturbestrebungen stets nur taube Ohren. Deshalb geben sich die literarischen Verfechter ihres Ideals, die sich durchwegs einer wohltuenden Sachlichkeit befleissen und alles schönfärberische Pathos peinlich vermeiden, auch in diesem Punkte gar keiner Täuschung hin. Allein für jeden, dem das jüdische Volk nicht das erste beste unter den Völkern ist, sondern ein eigengearteter intellektueller, ethischer und ästhetischer Organismus von welthistorischer Bedeutung, beweist das alles zusammengenommen erst recht, dass das Judentum in seiner Wesenheit zwischen Sein und Nichtsein schwebt und dass buchstäblich keine Minute mehr zu verlieren ist. Wer daher noch nicht jüdisch zu fühlen verlernt hat, wird zuversichtlich bald zu dessen Rettung herbeieilen. Wie sich ein chronisches marastisches Leiden, das wiederholt den Patienten, seine Umgebung, manchmal sogar den Arzt täuscht und mit trügerischer Hoffnung erfüllt, zu einer akuten, stürmisch verlaufenden und toddrohendeh Krankheit, der alles* bis aufs äusserste gewappnet, ins Auge blickt, so verhält sich die jetzige Periode unserer Geschichte, wo die Psyche unseres Volkes ohne Sang und Klang gleich einem matten Nachtlichte auszugehen droht, zu jenem hochdramatischen Abschnitte, der uns als Vorbild entgegenleuchtet. Er machte den Abschluss eines Heroenzeitalters aus, wo wunderbare Helden, die Eleazar ben Hanan, die Jochanan ben Levi, die Simon bar Giora, die Eleazar ben Simon — ein jeder von ihnen ein Simson, der noch im Sturze den Feinden unsägliches Unheil bereitet — für die Freiheit ihrer Heimat und ihrer Religion kämpften und litten. Glänzenden Meteoren gleich, deren man nicht bald vergisst, hatten sie den Horizont beleuchtet und allen Volksger ossen eindrucksvoll gezeigt, wo das nahe Verderben lauerte und wo der jähe Abgrund gähnte. Der Rest von Spannkraft, der in ihrem zwar erschöpften, doch seiner gefahrvollen Lage, sowie seines Lebensberufes stets bewussten Geschlechienoch schlummerte, genügte schon, um der Nation einen neuen Aufschwung zu geben» Ueberdies galt die Aufgabe jenem unsterblichen Teile unseres Volkstum?, den bis dahin keine Feindeshand anzutasten gewagt hatte, der, verehrt und ehrfurchtgebieteu d Einheimischen und Fremden Scheu und Bangen einflösste. Wie ganz anders geartet, um nicht zu sagen : entartet ist die Generation, der heutzutage die Heilsbotschaft verkündet werden soll, und welche unendlich trübe Perspektive eröffaet sich dem Unternehmen, das keinen Aufschub leidet. Schwächlingen begegnet man, denen ein Maulwurfshügel ein Chimbörasso dünkt und fast alles, was nur etwas Nachdenken kostet, schon eine Unmöglichkeit scheint. Die unsterbliche Volksseele nun vollends, die verrät kaum noch ihr Dasein. Die korrosive Einwirkung einer durch und durch heterogenen „Bildung" hat einen solchen Verwesungsprozess in ihr erzeugt, dass man in die verzweiflungsvollen Worte Catos ausbrechen müsste: Nos vera rerum vocabula amisimus. Der moderne Jude hat als Sklave fremder Urteile und fremden Geschmackes fast die Empfindung für wahre Justiz, für wahre Kunst- Schönheit, für wahre Ethik, für wahre Wissenschaft eingebüsst. Gegen seine bessere Natur gewöhnte er sich, fort und fort den Ausfluss einer „juristischen Soldateska" für Recht, Darstellungen von blutenden Menschenleibern für Kunsterzeugnisse, endlich für Wissenschaft die Ergebnisse jener Forschung zu erklären, welche die Grenzen ihrer Erkenntnis in dem Missfallen von oben oder unten erblickt. Gäbe es nicht zum Glücke dennoch einige Unerschrockene unter uns, in deren Innerem treue jüdische Gesinnung webt und deren Temperament hie und da die unseligen konventionellen Schranken durchbricht, wie N o r d a u in seiner „Entartung* und in dem jüngst publizierten, wahrhaft erlösenden Urteile über Renan, man müsste faktisch glauben, unser Volk sei tot und eingesargt. Was der moralischen Ansteckung und Entnervung entrinnt, das vernichtet zuletzt die wirtschaftliche Krise. Erfahrungsgemäss welken die zu einem hohen Grade von Ueberfluss und Ueppigkeit gelangenden Familien allmählich dahin, wenn sie nicht einen neuen Bluteinschlag aus niedereren Schichten erhalten. Die jüdische Gesellschaft bot bisher diesbezüglich eine Ausnahme dar, welche die Regel bestätigte. Da es nämlich unter den Juden keine exklusive Adelskaste gibt, sondern Gelehrsamkeit oder erworbener Reichtum ohneweiters den Aufstieg in eine höhere Gesellschaftsklasse ebnet, so bestand der Kern der Gemeinde stets aus einem erbgesessenen wohlhabenden Mittelschlag, der sich mit der einen Hand auf die weniger Reichbegüterten stützte, während er mit der anderen die Minderbemittelten zu sich emporzog. Dieses harmonische Bild spiegelte sich, vergrössert, im Lande wieder, ja, dehnte meistenteils seine Konturen sogar, über die politischen Grenzen hinaus, Ost und West in seinem Rahmen fassend. Einen weniger erquicklichen Anblick empfängt jetzt das Auge des Zuschauers. Von Nachahmungssucht verblendet, haben die „Grossen" und „Vielvermögenden" nach und nach die Bande zerrissen,, die sie samt ihren Brüdern umschlungen hielten. Von der hebräischen Sprache, die als Verständigungsmittel aller Juden auf dem Erdenrund deren Einigkeit dokumentierte, wollen sie nichts wissen und der jüdischen Denkweise und Gesittung sind sie seit Menschenaltern entfremdet. So haben sie mit eigenen Händen die Wurzeln ihrer Stellung und ihres Ansehens ausgegraben. Einst wurden sie von der Gunst ihrer Gemeinschaft getragen und wie auf einem erhöhten Postament ruhte ihr Ruhm auf den breiten Massen ihrer dankbaren Glaubensgenossen. Seitdem sie aber den Geschicken ihres Stammes ihre Teilnahme versagen und ihren Ehrgeiz darein setzen, irgend anderswo ein wenig geschätztes Anhängsel abgeben zu dürfen, begegnen ihnen von keiner Seite Achtung und Anerkennung. Dem Uebermut der Reichen hüben entspricht in den Wirkungen das tiefe Elend der Armen und Enterbten drüben. Wenn hier eigene Schuld den Bruch herbeiführte, so vollzieht dort ein grausames Verhängnis die Trennung. Die ehernen Gesetze des Weltverkehres und des Wirtschaftskrieges haben Millionen unserer Brüder zur Unwissenheit und Kampfunfähigkeit verurteilt. An einem schwachen ökonomischen Faden hängen sie noch mit dem Bürgerstand zusammen; doch schon streckt die Parze die