Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Article
- Nach der Jahreskonferenz
- Date
- 1902-11-07
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die s> Welt" Nr. 45 zuschanden, indem sie bereits im ersten Jahre ihrer aufgenommenen Tätigkeit eine Dividende zu zahlen in der Lage ist, Die „wohlwollenden" Gegner werden nun gewiss an der geringen Höhe dieser Dividende mäkeln. Die Bank kann diese Nörgeleien unbeachtet lassen, denn sie ist auf gutem Wege. Unsere zweite Schöpfung, der Nationalfonds, hat entschieden im Volke gezündet. Aber nun tritt an jeden einzelnen die Pflicht heran, für ihn tätig zu sein und zum grossen Werke mitzuhelfen. Die Fragen kultureller Tätigkeit, die Ausbildung der Presse, die Gründung einer jüdischen Hochschule wurden dann noch erörtert und gar manche Frage geprüft und besprochen, über die noch kein positiver Entschluss gefasst wurde. Denn diese Konferenz bildete eine Uebersicht der Gesamttätigkeit im ganzen Jahre. Nichts Zionistisches ist ihr fremd geblieben... Aber auch diese Versammlung hat schon ihre Kritiker gefunden — in unserem eigenen Lager, meinen wir — denn die Gegner finden ja an allem, was wir tun, etwas auszusetzen. Man hat es als dem demokratischen Geiste des Judentums widersprechend gefunden, dass diese Konferenz auf gewisse persönlich eingeladene Teilnehmer beschränkt war und nicht öffentlich tagte. Das findet im Wesen dieser Institution selbst seine Eiklärung. Wenn aber an den Beschlüssen deshalb herumgenörgelt wird, weil in der Konferenz keine Opposition vertreten gewesen sei, so ist das nicht richtig. Wir Juden sind geborene Kritiker, und abgesehen davon, dass die auf dem letzten Baseler Kongresse gewählten Dignitäre des Zionismus allen Schattierungen in unseren Reihen entnommen sind, hat es uns in unseren noch so kleinen Körperschaften niemals an Opposition gefehlt. Jede Idee, jeder Plan, die zum Vorschlag kommen, finden ihre eifervollen Vertreter, aber auch nicht minder scharfe Gegner. Wir haben, Gott sei Dank, keine a-priori-, keine faktiöse Opposition in unserer Mitte, aber Oppositionen von Fallzu Fall, die wie die Bilder im Kaleidoskop wechseln. Es gibt hitzige Debatten, in denen alle Anschauungen sich äussern, bis die Ansichten so weit geklärt sind, dass die Abstimmung die präzise Entscheidung treffen kann. Und ist diese erfolgt, dann haben wir nur eine Partei: die der unbedingten Getreuen des zum Gesetz gewordenen Beschlusses. So sind auch die Beschlüsse dieses Jahres zustande gekommen und wenn auch die Resultate für die Programmatiker und Theoretiker viel zu gering sind, so möge erwogen werden, dass, um zu diesem Resultate zu gelangen, viele Arbeit und Mühe notwendig war. Wir dürfen und wollen nicht ungeduldig sein, denn wir können uns bei aller Selbstkritik und fern von jeder rosigen Beleuchtung sagen: unsere Bewegung geht nicht zurück, steht nicht still, sondern ist in stetem Fortschritt begriffen. Und Fortschritt ist die sichere Bürgschaft des endlichen Erfolges. Und die Parole bleibt für uns alle die gleiche: Weitere Arbeit Bericht der ersten zionistischen Landeskonferenz. (Schluss.) In der Vormittagssitzung des zweiten Tages referiert Herr I n g. Kremenezky über den Nation alfonds. Referent spricht über die technische Herstellung der N.F.- Marken und -Bücher und über die Art der genauen Kontrolle des eingelaufenen Geldes. Die Einzeielimmg in das Goldene Buch wird durch künstlerisch ausgestattete l>iplome bescheinigt werden. Die Propaganda durch Flugblätter und Zirkulare wird eifrig betrieben, Einnahmequellen jeder Art für den Fonds gesucht. Der Welt-Nationalfondstag soll festgesetzt werden. Eine Sammlung in Büchsen für den Fonds wurde abgelehnt, da bei dieser Art der Sammlung die notwendige allergenaueste Kontrolle nicht geübt werden könne. Behufs rascherer Versendung der Marken werden Depotstellen errichtet werden. Die geforderte bessere Perforierung und die Gummierüng der Marken, die die erste Auflage allzulange aufgehalten hätten werden bei der zweiten durchgeführt werden. Auf zahlreiche Wünsche werden auch Marken in höherem Werte hergestellt werden. Der bisherige Erfolg der Sammlung ist, obwohl ziemlich bedeutend, im Verhältnis zu unseren Aufgaben und der Zahl der Juden viel zu klein. Keine Arbeit, um auch Nichtzionisten für den N.-F. heranzuziehen, darf gescheut werden. Man sollte diesbezüglich an alle jüdischen Korporationen herantreten. Referent rekapituliert schliesslich kritisch die verschiedenen in der „Welt" publizierten Anregungen zur Förderung des Fonds und bespricht dessen Aussichten und bisherige Erfolge. Die Ausführungen des Referenten waren von lebhaftem Beifall begleitet. In der Debatte schlägt Dr. Bernstein- Kohan die Einführung einer progressiven freiwilligen Einkommensteuer jedes Zionisten zugunsten des N.-F. vor. Gewitsch beantragt Sammlungen in Glasbüchsen mit Gradmessern zur Kontrolle. Dr. Weizmann "beantragt die Herausgabe von Broschüren in Deutsch, Hebräisch, Jargon, Russisch, um das Verständnis für den Fonds zu verbreiten. Es sollen dazu Preisausschreibungen veranstaltet werden. Ing. Ussischkin meint, die beste Agitation für den Fonds wäre der sofortige Beginn des Landankaufes. Die Kommission solle sich mit dieser Frage eingehend beschäftigen. In der Abstimmung werden die Anträge Bernstein-Kohan und Gewitsch abgelehnt, die Anträge Weizmann und Ussischkin angenommen. Zu Preisrichtern zur Beurteilung der Broschüre werden gewählt Ing. Kremenezky, Dr. Bernstein-Kohan und Sokolow. Gewitsch beantragt, als Zeichen der Anerkennung für die Leistungen des Herrn Ing. Kremenezky möge die Jahreskonferenz diesen in das Goldene Buch eintragen lassen. (Beifall. — Die eingeleitete Sammlung ergibt 401 K 20 h.) .£ Für die Kolonisationskommission berichtet Herr Dr. Simon söhn über die eingehenden Studien und Vorarbeiten der Kommission behufs Gründung einer landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft in Palästina. Ueber eine Anfrage, welches der Zweck dieser Kommission sei, erklärt Herr Dr. Herzl, die Kommission sei eingesetzt, um für den Eventualfall des Beginnes der Kolonisation als jene Stelle parat zu sein, welche die Kolonisierung zu leiten hatte. * Für die Kulturkommission referiert zuerst Herr Sokolow, Obmann der Kommission für Russisch-Polen. Er betont die Notwendigkeit eines direkten Kontaktes der Kommissionen mit den Vereinen, um denselben ständig Direktiven zu geben, nach welchen eine planmässige kulturelle Arbeit geleistet werden könne. Er verweist auf die Gefahr der Aufhebung der Chedarim, der jüdischen Volksschulen des Ghetto, und erklärt es als Pflicht der Zionisten, hier Ersatz zu schaffen und insbesondere durch Errichtung von Seminarien für die Heranbildung tüchtiger Lehrer zu sorgen. Hierauf referiert Herr Dr. Weizmann über das Projekt einer jüdischen Hochschule. Wir verweisen diesbezüglich auf unseren heutigen Artikel „Eine jüdische Hochschul efr. Die Debatte wurde hauptsächlich über den Punkt gefüITit, ob die Hochschule eventuell auch anderorts als in Palästina errichtet werden könne. (Dafür sprechen Dr. Weizmann, Dr. Kohan- Bernstein, Buber) oder nur in Palästina. (Dafür sprechen Ing. Ussischkin und Dr. Farbstein.) Bub er erklärte, dass das Hochschulkomitee den letzteren Auftrag: nicht übernehmen könne. Angenommen wird der Antrag Dr. Farbstein: Die Konferenz fordert das A*-C. auf, alles in seinen Kräften Stehende zu