Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Rubin Ascher Braudes
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die a£ Wfcttf Nr. 43 da zieht er nach Lemberg, um nationale Zeitungen* zu begründen und die Juden zu bekehren. An der jüdischen Jugend hing er mit besonderer Liebe, es war ihm eine Wonne, sich an die frischen Gesichter zu wenden, sich an die Kräfte zu kehren, die unsere Zukunft bilden werden. Und die Jugend verehrte ihn mit jener Dankbarkeit, die dem Lebenslenze eigen ist. In Wien, wo er der nationalen Arbeit die letzten Jahre seines Lebens widmete, jubelten ihm die Studenten mit einer wahren Begeisterung zu, so oft er in ihrer Mitte das Wort ergriff. Die hebräische Literatur, in der noch die Lücken klaffen, welche der Abgang Feierbergs, Friedbergs und Mandelkerns in ihr zurückliess, verliert in dem Verblichenen einen Bahnbrecher. An Komposition ist ihm bis jetzt noch niemand gleichgekommen. In richtiger Erkenntnis bezeichnet L. Kantor in seiner eingehenden Kritik des B r a u d e s'schenWerkes„Hadath w'hachajim", diesesBruchstück einer grossen Komposition, dasselbe als einziges in der hebräischen Literatur. Er war ein Stimmungsschilderer wie Scott, ein grosser Zeichner einzelner Bilder, ohne an den architektonisch-harmonischen Bau des Ganzen zu vergessen. Das ist es, was ihn von den Modernen so vorteilhaft unterscheidet Ueber der Psyche eines einzelnen vernachlässigte er keine Handlang. Das harmonische Zusammenwirken seiner Geschöpfe war bei ihm die Hauptsache. Deshalb lächelte er über die Massenproduktion der Jungen, die sich mit Uebereifer auf die „Skizze" warfen, um sich der „grossen" Arbeit der Seelenerforschung eines Individuums zu unterziehen und so ihre Not zu einer Tugend machen. Seine Sprache ist schön, kräftig und sinnlich. Seine Farben sind gesund, sie sind weder grell, noch leiden sie an jener problematischen Blässe, mit der die Impotenz kokettiert. Und wenn trotz all dieser Vorzüge die Bewunderung für seine Schöpfungen in den letzten Jahren sichtlich, abnahm, so ist der Grund dafür in dem engen Rahmen zu suchen und zu finden, in den er seine Werke einschloss. Er schrieb für ein bestimmtes Zeitalter. Und mit dem Verschwinden dieses Zeitalters verschwand auch allmählich das Interesse für seine Bücher. Doch sie werden als unvergängliches klassisches Denkmal dastehen und kein hebräischer Literat wird sich dem Vorwurfe, diese Büchern nicht gelesen zu haben, aussetzen dürfen. Eubin Ascher B r a u d e s war ein edler Mensch und das soll in diesem dürren Nachrufe nicht übersehen werden. Er besass ein Herz, das war wie Gold. Ein durch grosses Leiden gegen äusserlichen Tand abgestumpfter Sinn mochte ihn dem oberflächlichen Beobachter rauh und unliebenswürdig erscheinen lassen; hinter der wetterharten Maske und den fadenscheinigen Kleidern schlug ein Herz voll Adel und Güte. Den Freunden war er ein aufrichtiger Freund. Den jungen Schriftstellern, die ihn um Bat angingen, stand er tatkräftig bei. Man liebte ihn und verehrte ihn, man wärmte sich an seinem geistsprühenden Witz und selbst die strengsten Sittenrichter sahen ihm vieles nach, das in seinem Leben an die Boheme erinnerte. Denn seine Leiden machten ihn nicht schlecht. Seine Leiden! Sie dauerten fast so lange wie sein Leben. Wie Odysseus, der grosse Dulder, wanderte er von seiner zartesten Kindheit an von Ort zu Ort, von Land zu Land, von seinem unruhigen Geiste getrieben, immer kämpfend mit der bittersten Not und, ach, nicht selten vom grässlichsten Feinde, dem Hunger, gemartert. Frau Sorge war ihm die stete Begleiterin auf seinen Wandermärschen. Oft wusste er nicht am Morgen, wo am Abend sein müdes Haupt nach der langen Tagesarbeit ausruhen werde. Und er trug sein Schicksal still und ergeben, ein schmerzensreicher Held! Und nun würde er zur ewigen Rühe bestitfet. An seiner Bahre trauern, hart vom Schicksale getroffen, sein Weib, das ihn in seiner Krankheit hingebungsvoll betreute, und drei Kindlein im zartesten Lebensalter. Höret ihr? Drei Kinder sind's, die ihren Vater verloren, drei arme, der grossen Not preisgegebene Geschöpfe und das sind die Nachkommen unseres grossen Brau des! Ihr werdet die Verlassenen nicht vergessen. Es wäre ja die grösste Schmach für uns alle, für das ganze zum neuen Leben erwachte Judentum, wenn die Kinder eines Mannes, der für uns gearbeitet und gelitten, schutzlos, jeder Fürsorge bar, der erbarmungslosen Zukunft entgegensehen sollten. Hier bietet sich die Gelegenheit dar, unsere Dankbarkeit zu betätigen und wir werden sie wahrlich nicht unbenützt vorübergehen lassen. Wien, imThischri. David Rothblum. * Das Begräbnis des Schriftstellers fand Montag den 20. Oktober um 10 Uhr vormittags am Wiener Zentralfriedhofe statt und gestaltete sich zu einer würdigen Feier des allgemein geschätzten Toten. Nachdem in der Zeremonienhalle Dr. Mehr er den geistigen Vorkämpfer des erwachenden Juda gefeiert und Herr Dr. Sofer gesprochen hatte, wurde der Sarg von Studenten zum Grabe getragen, an dem sich ausser zahlreichen persönlichen Freunden des Verstorbenen die Herren Dr. Kahn, Dr. K o k e s c h und Architekt Marmorek vom A.-C., sowie Vertreter sämtlicher Wiener zionistischen Körperschaften und Vereine eingefunden hatten. Hier hielt Herr Architekt Marmorek im Namen des A.-C.eine tiefempfundene Trauerrede, in der er den Sieg des Geistes des Verstorbenen über sein hartes Lebensschicksal feierte. Im Namen des Wiener D.-K. sprach Herr J. E hr Ii ch, worauf Dr. K a hn in schwungvollem Hebräisch über das Ahasver-Leben des jüdischen Dichters sprach, der der Welt Werke von ewiger Schönheit schenkte. Im Namen der Studentenschaft überbrachte A. Hausmann die letzten Grüsse, worauf Herr Kraus und schliesslich phil. D. Rotblum sprachen, letzterer in hebräischer Sprache im Namen des Studentenvereines „Bar-Kochba8, dessen Ehrenmitglied der Verstorbene war. Dann polterten die Erdschollen dumpf herab über den sterblichen Teil von R. A. B r a u d e s. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Moskau. Eine bittere Enttäuschung hat vor wenigen Tagen der jüdischen Intelligenz Russlands der gegenwärtig in Moskau tagende russische Lehrer-Kongress bereitet. Die jüdischen Lehrer-Vereine von Warschau, Wilna, Jkaterinoslaw, Odessa und vielen anderen Grossstädten Russlands haben bereits vor mehreren Monaten die Einberufer des russischen Lehrer-Kongresses ersucht, Delegierten der jüdischen Lehrer-Korporationen die Teilnahme an dem Kongresse zu gestatten. Die jüdischen Lehrer hatten auf ihre Teilname an den Verhandlungen des Kongresses grosse Hoffnungen gesetzt. In erster Linie erwarteten sie von dem Kongress, dass er für die Einräumung des unbeschränkten Wohnrechtes an die jüdischen Lehrer eintreten werde. Nunmehr wurden die Gesuche der jüdischen Lehrer-Vereine, wie die Zeitschrift „Prindjeprowskij Kraj" meldet, von der Kongress-Leitung so gut wie gänzlich zurückgewiesen. Aus der betreffenden Antwort der Kongressleitung sind folgende charakteristische Stellen hervorzuheben: „Die Anwesenheit von Delegierten jüdischer Lehrer-Korporationen in Moskau kann infolge der bestehenden Beschränkungen des Wohnrechtes der Juden inMoskaunicht geduldet werden.Andererseits muss jeder einzelne jüdische Lehrer-Verein vom Ministerium des Innern selbst die Erlaubnis der Teilnahme an dem Kongresse erbitten." Da aber den Juden der Aufenthalt in Moskau nicht gestattet ist, so sind derartige Gesuche an das-Ministerium des^ Innern im vorhinein als erfolglos an-