Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Rubin Ascher Braudes
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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9Dte # Welt4 Rubin Äseb«f ßpaudes geboreri 25, Elul 5611, gestorben 17. Thischri 5663. Rubin Ascher Br au des ist.nicht mehr. Am verflossenen Samstag machte das harte Schicksal seinemLeben ein Ende. Also schied auch er von uns, der Nimmermüde und Vielgeprüfte, der Zeit seines Lebens mit seinem Schicksal im Hader lag, der unstete Wanderer durch das verwirrende Läbyiinth des Daseins. Und seine Stimme wird nicht mehr erschallen unter den beratenden Scharen der nationalen Jugend, die kleinen, beweglichen, unvergesslichen Augen werden nimmermehr aufleuchten unter dem scharfen Bliize seiner Gedanken und die Pfeilspitze Feder, die vielgefürchtete, wird keine Wunden mehr schlagen. Denn auch seiner hat sich der grosse Gleichmacher bemächtigt und riss ihn aus unserer Mitte unter den grössten Schmerzen und Qualen. Mit Braudes sank ein Mann in das Grab, welcher jeh» m Kämpfergeschlechte angehörte, das in den Siebzigerjahren den Traditionen des Judentums unter Knall und Rauch den Fehdehandschuh hinwarf. In , der dumpfen, zur vollständigen Klarheit noch nicht herangereiften Erkenntnis, dass die Zustände nicht haltbar seien, dass der breitgetretene, von dem Schauer erstorbener Jahrhunderte geheiligte Weg nicht zum Ziele führe, proklamierte das Häuflein heldenmütiger Männer, die vollständige Emanzipation von der innern Knechtschaft und der selbstgebildeten Sklaverei. „Breschen in die Gesetzmauer!iC war das Losungswort. Lilienblum,, der Kufer im. Streite, schritt an der Spitze dieser Mutigen, die die Kraft in sich verspürten, blutgeheiligte Dogmen und Institutionen, die Feuerproben bestanden hatten, mit der Gewalt des Wortes vom Boden hinwegzuschleifen. fis war eine begeisterte, nach Reformtaten lechzende Gemeinde, die durch einen Bruch mit der Geschichte ein neues Zeitalter schaffen wollte. Unter diesen Stürmern und Drängern führte Braudes das grosse Wort. „Leben oder Gesetz"? Das war die grosse Frage, die er immer und immer aufwarf, das war das grosse Rätsel, das ihm die Sphinx seines Lebens vorhielt. Diesem Dilemma suchte er in seinen Romanen beizukommen, in den unvergessiichen klassischen Gebilden, die belebend und epochemachend wirkten in der neuhebräischen Literatur. In diesen geisselte er mit seiner ätzenden Satire die Verirrungen der Gesetzeskundigen, die ihre Wissenschaft spitzfindig bis zur Künstelei betrieben und das arme Volk in Bande legten, dass es si ch nicht rühr en konnte. Er Hess sein helles Lachen über alles ertönen, was morsch und anachronistisch war, und sein Spott war mehr gefürchtet als selbst sein Zorn. In einem tiefen Winkel des Ghetto geboren, empfand er den Schmerz dieser Weltvergessenen, denen das Schicksal alles versagte, alles, sogar der Güter kleinstes, und nicht einmal die Freiheit, des eigenen Ichs gegönnt hat. So war dieser Mann ein Kämpfer für sein Volk, ein Agitator in des Wortes schönster Bedeutung. Die Agitation für die heilige Sach® war der Grundzug seines Wesens. Er konnte ihn nie verleugnen und war immer da, wenn es sich darum handelte, aufzuklären und zu belehren. Als die Judenverfolgungen zu Beginn der Achtzigerjahre im brutalen Rumänien, dessen Königin für Ideale schwärmt, sich bemerkbar machten, da erschien Brau des in Bukarest als Apostel des Kolonisationsgedankens, der damals alle Köpfe beschäftigte. Als Fremder tritt er in der unbekannten Stadt auf und bald fliegen dem jugendlichen Redner alle Herzen zu. Die Jugend schart sich um seine Fahne, die er frei und siegesfroh entfaltet. Und als ihm auch dieser Boden seiner Tätigkeit durch die Fremdengesetze entzogen wurde,