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Die Welt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Article
Jehuda Leib Gordon
Date
1902-10-17
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 „Die j£ Welt" iSeite 5 die neuen Ideen, für Bildung, er kämpfte mit den Neuerern für das Vermächtnis unserer Geschichte, für unsere Nationalität. Er war einer der ersten Dichter, die dem Nationalgedanken und dem Ideal der jüdischen Wiedergeburt Worte verliehen, einer der ersten nach Jehuda Halevy. Aber er begegnete Gleichgiltigkeit, Kälte, er redete zu Tauben in einer Sprache, die nur wenige verstanden und eine gewisse Erbitterung bemächtigte sich seines Gemüts. „Wir sind kein Volk, sondern eine Herde," ruft er in einem seiner düstersten Gedichte aus. Er schaute pessimistisch in die Zukunft unseres Volkes, er;tnisstraute ihm, er glaubte nicht, dass der schlummernde Recke wieder zu neuem Leben mit erfrischten Kräften sich erheben werde. „Knechte waren wir! und was sind wir jetzt? Sinken wir denn nicht täglich immer tiefer und tiefer?* So melancholisch, trübe klang seine Leier. Und manchmal zweifelte er an seinem eigenen Werke, er fragte sieh, für wen er schreibe und wozu er dichte. „O," ruft er aus, „wer könnte mir sagen, ob ich nicht der letzte Dichter Zions bin!" Die Geschichte hat ihm nicht recht gegeben, er hat die Zukunft nicht erschaut. Fünf Jahrenach seinem Tode fand der erste Zionistenkongress in Basel statt, begann der Puls des jüdischen Lebens wieder zu schlagen. Was hätte der grosse Dichter gesagt, wenn er noch unter uns wandelte? Was hätte er gesagt beim Anblicke einer neu aufblühenden Literatur, die so viel Früchte zu bringen verspricht? Er ist der letzte Dichter Zions nicht geblieben; er hat die Bahn geebnet und auf seinen Spuren wandeln neue Dichter, herrliche Talente, wie' Bialik, Tschernichows'ky und Perez, die Dichter des neuen, auflebenden Volkes .... Die Zeiten vergehen, Generationen wechseln ab, aber im Buche der Zeit bleiben unversehrt eingegraben die Taten der Nationen und das Andenken an grosse Männer. Ehren wir das Andenken unseres grossen Dichters, indem wir zu dem Ideale, das ihm als ein Traumbild vorschwebte 7? das ihm ein Heiligtum war — die Wiedergeburt Judas — vorwärtsschreiten, wie er es wollte : „B i n'o r e n u u biskenenu", jung und a 11" — Mit vereinten Kräften! A. Coralnik. Korrespondenzen und Telegramme. Eine lächerliche Erfindung. Folgende Notiz macht die Runde durch die Blätter: Ueber eine Aenderung der Zionistenpolitik schreibt der Londoner,,Observer" : „Bei dem Zionistenkongress in MinsK waren annähernd 600 Abgeordnete zugegen, die mehr als die doppelteZahi der Abteilungen des grossenZionisten-Verbandes vertraten, deren Mitglieder auf einige Hunderttausende allein in Russland geschätzt werden. JedesMitgliedhat zu den Hauptfonds des Verbandes beizusteuern, welche schon jetzt zu einer beträchtlichen Summe angewachsen sind und nur zur Zionisten-Propaganda verwendet werden. Der Plan der Gründer des Verbandes, Herzl, der unter dem Namen der „König der Juden" bekannt ist, und des Dr. N o r d a u ist dadurch fehlgeschlagen, dass die europäischen Mächte nicht bereit waren, bei der Gründung eines jüdischen Staates zu helfen und dass sich der Sultan weigerte, das für diesen Zweck gewünschte Gebiet abzutreten, und es ist demzufolge beschlossen worden, soweit es möglich ist, ein jüdisches „imperium in imperio" in den Ländern zu gründen, in denen sie am zahlreichsten vertreten sind, d. h. in Russland und Oesterreich. Es gibt jüdische Gegner der Bewegung und einige Pamphlete sind von Juden dagegen geschrieben worden, aber sie scheint im ganzen Sympathien zu haben, wenn auch nicht die tätige Teilnahme der Mehrheit." Wir geben diesen Unsinn vollinhaltlich wieder und rechnen darauf, dass alle loyalen Blätter, welche diese Notiz des „Observei,K nachgedruckt haben, auch die Erklärung wiedergeben werden, die wir hiermit abgeben: Dass an der ganzen Meldung des „Observer" kein wahres Wort ist. Die Juden in Russland. Fast täglich bringen die russischen Blätter neue Verordnungen und Verfügungen der Schulbehörden, welche deutlich genug dafür sprechen, dass man den Juden den Zutritt zu den Lehranstalten des Reiches gänzlich sperren wolle. Aus der grossen Zahl dieser Meldungen seien hier folgende wiedergegeben: Lubiin. Ende Oktober findet in Lublin die Eröffnung einer Handelsschule statt, welche die Kaufleute aus Lublin auf eigene Kosten errichtet haben. Und wiewohl die Kaufleute fast durchwegs Juden sind, wurde für jüdische Reflektanten eine Norm von 33 Perzent festgesetzt Nun aber wird von den Juden verlangt, dass sie beinahe alle Kosten zur Erhaltung der Schule tragen sollen, während sie ursprünglich nur ein Drittel dieser Kosten zu decken hatten. Und dies geschieht deshalb, weil man in Lublin die Juden aus der neuen Handelsschule verdrängen will. w Krementschug. Der Gemeinderat von Krementsehug hat seinerzeit im Ministerium des Innern um die Erlaubnis zur Errichtung einer Handelsschule ia Krementschug angesucht. Die Juden der Stadt erklärten sich bereit, die Kosten der Erhaltung der Schule zu bestreiten, unter der Bedingung, dass die Hälfte der Plätze den Juden eingeräumt werden solle. Nunmehr wurde der Gemeinderat von dem Poltawaer Gouverneur verständigt, dass.-das Gesuch erst dann Genehmigung finden würde, wenn " die Norm für die jüdischen Schüler bedeutend reduziert werden wird. Gleichzeitig wurde das Gesuch um Gewährung einer kleinen ärarischen Subvention für die neue Schule gänzlich zurückgewiesen. .# Taganrog» Die Aufnahme von Juden in die dem Finanzministerium unterstehende Schule zu Taganrog wuijde heuer äusserst beschränkt. Sogar die festgesetzte fünfzetffnperzentige Norm wurde nicht eingehalten. Während der Anwesenheit des Chefs des Unterrichtswesens im Finanzministerium, Geheimrates Anopow, in Taganrog wurde ihm die Bitte unterbreitet, die Erlaubnis zur Vermehrung der Zahl der jüdischen Plätze in der Schule zu erwirken. Er sagte zwar zu, im Ministerium aber vermochte er die antijüdische Strömung nicht zu überwinden. * Bolgrad (ßessarabien). Dem in Moskau erscheinenden Blatte „Kurjer" wird aus Bolgrad folgendes geschrieben : »Die Gymnasialschulen von Ismail und Bolgrad haben einen neuen Vorwand erfunden, um die Zahl der Juden in den Schulen zu vermindern. Sie erklärten, dass diese Schulen, welche sich auf dem 50 Werst von der Grenze entfernt liegenden Striche befinden, wo den Juden der Aufenthalt nicht gestattet ist, Juden nur fünf Perzent der Gesamtzahl enthalten dürfen. Auf die dem Unterrichtsministerium überreichte Beschwerde erfolgte der Befehl, für jüdische Zöglinge eine zehnperzentige Norm festzusetzen. Dieser Befehl wird jedoch von den Direktoren der genannten Schulen nicht befolgt: die fünfperzentige Norm wird von ihnen beibehalten." * Kiew. Wie der „Kiewljanin" meldet, hat die obere Behörde von Kiew die Verfügung getroffen, dass Juden, welche nach Kiew kommen, um die zahnärztlichen Kurse zu frequentieren, der Aufenthalt in Kiew bis zur Erledigung ihrer Aufnahmsgesuche nicht gestattet werde. .* Aluschta (Krim). Der Gouverneur von Taurien, Kammerherr Trepow, besuchte dieser Tage, wie der „Krimsskij Kurjer" meldet, die erst unlängst in den Rang einer Stadt erhobene Ortschaft Aluschta, um die Bevölkerung zu fragen, ob sie mit dem den Juden eingeräumten Wohnrechte in Aluschta zufrieden wären. Sie bejahte diese Frage mit der Begründung, dass nunmehr die Preise von Grund und Boden steigen würden .... *

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