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Die Welt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Article
Jehuda Leib Gordon
Date
1902-10-17
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die j£ Welt** Nr. 42 durch die, Wolken.^ringt und wie ein Blitz zuckt, blendend und leuchtend — aber wie jener war er der wirkliche Wortführer, der „Spokesman" seines Volkes, des jüdischen Volkes, seiner Zeit. J. L. Gordon. Als Gordo n in, der jüdischen Literatur aufgetreten ist, war diese kaum noch dieses Namens würdig. Die sozialen Verhältnisse, das geschichtliche Vermächtnis der vergangenen Jahrhunderte, jfer niedere Kulturzustand der Landesbevölkerung hatten das Leben des russischen Judentums entstellt, verheert, hatten ihm einen eigentümlichen, verunstaltenden Ghetto-Stempel aufgedrückt Das jüdische Volk war noch nicht entwickelt genug, noch nicht reif genug, um sich selbst zu verstehen, um sein eigenes, inneres Wesen und den wahren Volkscharakter zu begreifen. Fortschrittler und Orthodoxe stritten miteinander mit Erbitterang um die äusserlichen Seiten des Judentums, ohne seinen inneren Inhalt zu verstehen* Die Orthodoxen vermauerten sich hinter ihre Folianten, auf denen der Staub der Jahrhunderte lag und wollten von keiner Kultur, von keiner Literatur wissen. Die Fortschrittler ihrerseits wandten sich meistenteils mit Ingrimm und Hohn vom jüdischen Milieu^ ab und warfen sich der Kultur anderer Nationen in die Arme. Unter solchen ungünstigen Umständen konnte natürlich keine wahre, echte Literatur aufblühen. Die Schriftsteller der damaligen Zeit sind meistens unbedeutend, ihre ganze Arbeitskraft war auf Polemik gerichtet) so waren firter, Gottlober, und die ganze Pleiade der mittelmassigen Prosa- und Reimschreiber in hebräischer Sprache» Nur izwei wahre Dichter hat die damalige Zeit erzeugt: Micha Josef Lebensohn und Jehuda Leib Gordon* Aber der erstere war durch den unerbittlichen Tod dem Judentum zu jung entrissen worden (er ist im 2b. Jahre gestorben), er war zu weich, individuell, melodisch gestimmt, um eine dauernde Nachwirkung zu üben. Diese Aufgabe fiel seinem Jugendfreunde J. L* Gordon zu. Weniger individuell, weniger lyrisch als Lebeüson, war er männlicher, stärker; Seine Akkorde klangen manchmal rauh, heiser, aber sie waren stark, sprühten Feuer und zündeten« fer War ein Redner1 seinerzeit*.. Keine Frage des jüdischen Lebens in jedweder Hinsicht liess er unberührt und an den wahren Quellen der Poesie, der Vergangenheit unseres Volkes, an seiner Gegenwart und an seinen Idealen, den Zukunftsbildern schöpfte er seine Begeisterung, seine Dichtung. Er war der erste, der die jüdische Geschichte oder die ausgeprägteren Momente dieser grossartigen Epopöe in Versen darstellte und er war der erste, der die philosophische Konzeption des inneren Lebens, der Kämpfe, die dem Auge eines mittelmässigen Forschers völlig entgehen, erfasst hat. Er schilderte das einfache, idyllische Leben des jüdischen Volkes in der Dämmerung seiner Existenz in seinem schönen Epos „David und Michael", er schilderte in einer wahrhaft erhabenen, psychologisch treuen Weise den verzweifelten Kampf, der im jüdischen Staate vor der Zerstörung des ersten Tempels wütete in seinem Gedichte : „Zedekiah im Gefängnisse": Der blinde Zedekiah sitzt im nassen Kerker des Babylonierkönigs und brütet; schrecklich ist die ewige Nacht, in die er versenkt ist, voll düsterer Träume, schauerlicher Erinnerungen. Der Tyrann von Babylonien war so grausam, ihn nicht früher blenden zu lassen, bis vor seinen Augen seine zwei Söhne hingerichtet wurden. Und weshalb? ruft der unglückliche Zedekiah aus. Deshalb nur, weil ich dem Priester aus Anathoth (Jeremias) nicht gefügig sein wollte! Und schon damals zeigte sich der Gegensatz und der Kampf zwischen starrer Doktrin und dem realen Leben, den Forderungen der Zeit. In zwei anderen Gedichten: „Zwischen den Tigerzähnen" und „In den Meerestiefen" führt der Dichter zwei weitere Momente aus der Geschichte unseres Volkes vor unsere Augen: den Sieg Roms und die Vertreibung aus Spanien. Ueber alle Gedichte zieht sich ein Zug tiefer Trauer, ein Hauch wahrer, sanfter und mitfühlender Poesie, In seinen Gedichten, die das moderne jüdische Leben zum Sujet haben, hebt er meistens die negative Seite hervor, denn sie führen einen polemischen, leidenschaftlichen, beissenden Ton, „Zewi Joseph ben Simon", „Das Punktum am Jot" u. s.w. schildern uns in manchmal fast klassischer Weise das Wesen des zeitgenössischen Milieus, in dem G o r d o n lebte; in seinen Gedichten geisselte er die Uebel, die am Organismus des jüdischen Volkes nagten: Ignoranz, Verstocktheit u. s. w., und noch grimmiger war sein Pfeil gegen diejenigen gerichtet, die das jüdische Volk auf seinem geschichtlichen Wege aufhalten, es in den Kreis der starren Formeln bannen wollten. Ja, aber auch er war ein Kind seiner Zeit, auch an seinen Schwingen klebte noch der schwere Staub der Jahrhunderte, die auf dem russischen Judentum lasteten, auch er war ein Sohn des Ghettos, dessen Nachwirkungen er vergebens auch inmitten des tosenden modernen Kulturlebens der russischen Metropole zu entgehen suchte. In der letzten Zeit fanden sich manche Kritiker in der modernen hebräischen Literatur, die den Dichterruhm G o r d o n s herunterreissen, ihn entthronen möchten. „G o r d o n war kein Lyriker, kein wahrer Dichter," erklären sie, aber die Kritiker vergessen ganz, welche Bedeutung das Milieu für die Entwicklung eines Dichters hat, sie übersehen auch, dass man an einen Dichter nichtgewöhnlichen Schlages, an einen, der eine ausgeprägte Dichterphysiognomie hat, auch nicht mit den gewöhnliehen Forderungen treten kann. Man mag dieses Gepräge selbst billigen oder nicht, aber sein Talent schmälern zu wollen ist ungerecht. G o r d o n war ein Dichter, hatte ein starkes episches (und teilweise lyrisches) Talent, aber er war vor allem ein Redner seiner Zeit, ein Kämpfer, der mit den Waffen seiner Zeit sich rüstete. Wir haben eben Gordon mit Goethe verglichen, es wäre vielleicht passender, ihn mit BurDS, dem grossen schottischen Dichter zu vergleichen. Wie dieser, hatte er einen harten Lebenskampf geführt, wie dieser hat er mit der materiellen Not gerungen, aber er hatte noch andere Kämpfe, innere wie äussere durchzumachen. Er kämpfte mit den kulturfeindlichen, lichtscheuen Juden für

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