Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Article
- Amerikanische Verhältnisse
- Date
- 1902-10-17
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Die # Welt" Nr. m man auf jedem Schritte auf ein Zentrum. Während der ersten Wochen nach meiner Ankunft bestürmte man mich mit Bitten, den »rechten Mann" kennen zu lernen, den einzigen, der dem Zionismus in Naw-York Erfolg verschaffen könnte; aber jeder Herold hatte einen anderen Kaiser, und indem er seinen Helden mit Lob überschüttete, sprach er verächtlich von den anderen, sodass ich schliesslich zu zweifeln begann, ob es denn wirklich einen „rechten Mann" gäbe. Der Umstand, dass in Manhattan (der Insel, auf der New-York liegt) jeder vierte Mensch ein Jude ist, verbanden mit dem Personen-Kult, verhindern jeden Versuch, die Lehre zu heben. Aber die Tatsachen, die ich berichtet habe, sind schon an sich die stärksten Argumente für den subjektiven und objektiven Zionismus, da die jüdische Masse, wenn nicht am ganzen, f-o doch am grössten Teile dessen hängt, was im Begriffe Zionismus kristallisiert ist. Es gibt Missverständnisse, die man aufklären muss, Streitigkeiten, die beizulegen sind; man muss die krasse Unwissenheit erleuchten. In einer Menge von 600.000 Menschen gibt es natürlicherweise auch verschiedene Richtungen und Ideale. Ich bin fest überzeugt, dass das Gift der falschen Zivilisation, die weder amerikanisch, noch jüdisch ist, die moralische und physische Entartung, Unsauberkeit und Lasterhaftigkeit, nicht unsere eigenen Laster sind und unserem Naturell nicht entspriessen; sie können und werden ausgerottet werden, sobald das alte nationale Ideal, der alte Glaube, dass wir eine makellose Rasse sind, die biedere Männer und keusche Frauen besiizt, iii unserem Volke wieder wach wird. Ja, die Aufgabe ist nicht durch einen einzigen ausführbar, nicht an einem Tage wird der Kampf ausgefochten sein, aber indem ich in dem Bureau der Federation sitze, umgeben von der freundlichsten und edelsten Sympathie, und vor meinen Augen das hoffnungsvolle Gedeihen der Organisationen in den anderen amerikanischen Städten sehe, hoffe und glaube ich, dass auch die Augen der westlichen Welt sich doch einmal nach dem Osten wenden werden, nach dem Morgenlande, „woher die Sonne kommt". Das Organ des Fürsten Uchtomsky gegen die Gegner des Zionismus. Es dürfte nicht blosser Zufall sein, dass, während das russische Gesetzblatt das Verbot des Finanzministers Witte gegen die Einfuhr der Aktien der Jüdischen Kolonialbank nach Russland verlautbart,die „Petersburgskija Wjedomosti", deren Leiter Fürst U c h t o m s ky,der bekannte Jugendfreund des Zars Nikolaus IL ist, einen Artikel publizieren, in welchem die Gegner des Zionismus schroff abgefertigt und die hohe kulturelle Bedeutung, sowie die kulturellen Errungenschaften der zionistischen Bewegung in Worten höchsten Lobes hervorgehoben werden. Der Artikel der „Petersburgski ja Wjedomosti", welcher den Titel trägt: „Ist die kulturelle Tätigkeit der russischen Zionisten schädlich?" ist eine Antwort auf die Ausfälle gegen den Zionismus, welch in einem Teile der russischen Presse unmittelbar nach Schluss des Zionisten-Kongresses in Minsk laut wurden. Es fanden sich da Publizisten, welche den Zionismus als Erwecker nationalen Fanatismus, als Erzieher der heranwachsenden jüdischen Generation itu Geiste des Hasses gegen alles Nichtjüdische bezeichneten. Diese Ausfalle häuften sich in letzter Zeit immer mehr und mehr, undsogar die „ Peters burgski ja Wjedomosti" selbst nahmen unlängst den Brief eines gewissen Herrn Schiff auf, der sich nicht entblödete, zu behaupten, dass der Zionismus kein Herz für die wahren Nöten der jüdischen Masse in Russland hätte, dass er nur den Hass der Juden gegen die Nichtjuden grossziehe . . An der Hand unwiderleglicher Tatsachen aber weisen nun die „Peters burgski ja Wjedomosti" diese Ausfälle energisch zurück und heben die kulturelle Bedeutung des Zionismus in überschwenglichen Worten hervor. Das streng nationalrussische Blatt schreibt unter anderem: „Für niemanden ist es ein Geheimnis mehr, dass die brennendste, vitalste, zu gleicher Zeit aber schwierigste Frage im Leben der Juden der Gegenwart die Frage der Erziehung der Kinder ist. Die Sperrung aller Lehranstalten für den ailergrössten Teil der Juden hat einen schrecklichen Andrang der Studierenden zu den wenigen speziell jüdischen Schulen hervorgerufen. Und nur die Kinder der Reichen, welche zu Hause eine gute Vorbereitung hatten, fanden Aufnahme; die Masse der Armen aber blieb jahraus, jahrein der normal organisierten Schule fern. Und diese armen Judenkinder müssen ihre Jugend in dem mittelalterlichen Cheder, der jüdischen elementaren Volksschule, verbringen". Das Blatt entwirft hier ein sachkundiges, erschütterndes und deprimierendes Bild dieser Chedarim und Talmud-Thora, in denen die armen jüdischen Kinder physisch und geistig zu verkommen pflegen und fährt dann fort: „Die Zionisten, diese Sorger für das jüdische Volk, haben sich mit dieser Lage des Unterrichtswesens nicht verFöhnen wollen. Nur sie haben den Beschluss gefasst, den Cheder zu utilisieren und das jüdische Schulwesen auf eine normale Bahn zu lenken. Es begann die Arbeit der Zionisten und sie überzogen -in den letzten Jahren das jüdische Nielerlassungsgebiet mit einem Netze gutei Schulen für allgemeine Bildung und professionellen Schulen, Bibliotheken, Abendkursen für Erwachsene, regelmässig organisierten Talmud-Thoras und Muster-Chedarim. Die Zionisten haben ihre ganze Fürsorge diesen Schultypen zugewendet, weil hier der grösste Teil der jüdischen Kinder erzogen wird und weil das Volk mit diesen Schulen eng verwachsen ist. Und die von den Zionisten errichteten Chedarim treten durch nichts vor jeder beliebigen europäischen Schule zurück. Sie sind in geräumigen Wohnungen untergebracht voll Licht und Luft, allen sanitären Forderungen entsprechend. Die vorzüglichsten Lehrbücher wurden von den Zionisten verfasst, alle Mittel augewendet, um die geistige Entwicklung der jüdischen Jugend zu fördern und die Kenntnis der hebräischen Sprache zu verbreiten. Und was immer die Gegner des Zionismus sagen mögen, eines steht fest: solange die Juden ihre Kinder im Geiste der jüdischen Religion erziehen wollen, muss der jüdischen Sprache in der jüdischen Volksschule ein gebührender Platz eingeräumt werden. Die Gegner des Zionismus behaupten, die jüdische Sprache sei tot. Aber eine Sprache, in welcher Tagesblätter erscheinen, der grösste Teil der Juden aus den Städten und Städtchen des Niederlassungsgebietes ihre Korrespondenz führt, wissenschaftliche Traktate und Monographien geschrieben werden, die endlich eine wundervolle und reiche Literatur aufweist, eine solche Sprache kann nicht als tot betrachtet werden. Jetzt gibt es im Niederlassungsgebiete keine einzige Stadt, wo die Zionisten ihre guten Schulen nicht errichtet hätten. Die von den Zionisten ausgearbeiteten Lehrprogramme, welche auch in russischer Sprache vorliegen, werden von allen pädagogischen Autoritäten gebilligt und als Muster hingestellt. Und in der Errichtung, Leitung und Vervollkommnung der jüdischen Schule liegt die hochwichtige kulturelle und erleichternde Tätigkeit der Zionisten. Und nicht ökonomische, sondern kulturelle Erfolge haben Deutschland geeinigt." Die „Petersburgskija Wjedomosti" versprechen, auch auf die ökonomischen Erfolge der russischen Zionisten zurückzukommen und zu zeigen, wie die Zionisten die einzigen wahren Sorger für die Wohlfahrt des jüdischen Volkes sind. Wir werden gewiss nicht verfehlen, unsere Leser mit den ferneren Ausführungen des russischen Blattes rechtzeitig bekannt zu machen. Hier wollen wir hervorheben, dass. das Blatt des Fürsten Uchtomsky, indem es die