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Die Welt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Article
Amerikanische Verhältnisse
Date
1902-10-17
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX«, Türkenstrasse Nr. 9, Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX,, Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpts nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von 7J2—73l Uhr. Prtis« der Anzeigen: laut aufliegendem. Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—-, vierteljährig Kr, 3.—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr- 42. Wien, 17. Oktober 1902 — 16. Tischri 5663. 6U Jahrgang Amerikanische Verhältnisse. Von J. de Haas. Das amerikanische Leben trägt ein eigentümliches Gepräge. Nach seiner moralischen und politischen Seite betrachtet, bietet e3 uns einen Anblick, wie etwa England am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, zur Zeit der Walpole und Pitt, ausgeschaut haben mochte. Aber während in England damals die Macht des Adels, der feudalen Aristokratie galt, herrschen jetzt in Amerika unbeschränkt die Börsen aristokratie, Trustkönige u. s. w. Das Lebensprinzip ist Geld und die populärste politische Doktrin ist : durch Geld kann man sich alles, sogar Wählerstimmen verschaffen. Ueberall, von den untersten Stufen der Beamtenhierarchie bis zu der höchsten Spitze hört man von Bestechlichkeit und Geldschwindel. Solche Verhältnisse finden die unglückseligen jüdischen Auswanderer, die aus ihren Krähwinkeln in Russland oder Galizien nach der ungeheuren Weltstadt New-York kommen. Sie werden ganz verwirrt, können sich in dem Wiirwarr der Begriffe und Weltanschauungen, die hier aneinanderstossen und ineinandergreifen, nicht zurechtfinden. Die Leiter der jüdischen Gemeinde, die doch nach aussen Fürsten des Exils und Repräsentanten des Judentums sein wollen, kümmern sich um die inneren Verhältnisse dieser armen, in der Weltstadt verirrten Juden so gut wie gar nicht. Das Verhalten der amerikanischen Bevölkerung den Juden gegenüber ist ebenso antisemitisch und feindlich wie in den meisten europäischen Staaten, aber sie wird so mit Politik durchtränkt, mit so viel Phrasenschwall und Lärm umgeben, dass man sich wahrlich darin nicht ausfinden kann. Den Lesern der „Welt" wird es wohl bekannt sein, dass in New-York jüngst ein Aufruhr stattfand. Rabbi Jakob J[osephs, Rabbiner einiger Synagogen-Gemeinden, starb. Nur die Westseite wusste von seiner Existenz, die Ostseite hatte schon längst ihn zu unterstützen vergessen, aber als er starb, da fanden sich die Orthodoxen in einer unübersehbaren Zahl, die nach Zehntausenden zählte, ein, um ihm das letzte Geleite zu geben. Der Strassenpöbel. folgte aber auch dem Sarge und diejenigen, welche gewohnt sind, den alten Trachtjuden täglich den Bart zu rupfen, warfen nun Steine auf den Sarg, die Schutzleute schlugen die Juden — der Aufruhr entstand 1 Und dennoch gibt's keinen Antisemitismus in Amerika. Die Leute, die auf den Sarg des Toten Steine warfen, waren ebensowenig antisemitisch gesinnt, als jene Hotelwirte, die Juden in ihre Hotels nicht einlassen wollen. Dies hört man überall und in den Zeitungen von damals fand man einen wahren Ausbruch von Sympathie für die Juden. Mit der Zeit wuchs auch die Sympathie. Früher hiess es, ein armer Rabbi, Jakob Josephs, sei gestorben, dann aber wurde er zu einem hebräischen Demosthenes, noch später hiess es, der grosse Rabbi hätte sein ganzes Vermögen an Dürftige verteilt und freiwillig Not gelitten und schliesslich nach 14 Tagen war ich schon selbst überzeugt, dass einer der grössten Juden dahingeschieden und Israel verwaist sei. Was soll das bedeuten? 99% von all diesem Lärm sind politische Agitations-Kunstgriffe. Die Politik erforderte es, dass ein jüdischer Advokat ein Protestmeeting beriefe und den bescheidenen Rabbi als eine Verkörperung des göttlichen Wesens darstellte. Die Tatsachen, d. h. der Tod des Rabbis, der Strassen auf rühr und die Einsetzung der Regierungskommission sind in die Irrgänge der Politik hineingezogen worden und alles zielt darauf ab, das jüdische Votum zu gewinnen, was, kompakt zusammengehalten, auschlaggebend sein kann. Wie soll sich nun ein Jude, der in politischen Angelegenheiten ganz unwissend ist, in all diesen Wirren zurechtfinden, besonders wenn er erfährt, dass der Distriktspolitiker nur aus dem Grunde seine Position behaupten will, weil es sich „lohnt" und dass es genug Geld für jeden Schmarotzer gibt, der sich an den Distrikts-,Boss"*) klammern will? Man sagt mir, New-York sei jetzt ein Paradies im Vergleich zu dem, was es vor zwei Jahren war. Die Reform Verwaltung hätte nämlich viele verderbliche Elemente weggeräumt. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie New-York vor zwei Jahren war. Unter solchen Umständen ist es dem Zionismus wahrlich nicht leicht, sich zu erhalten. Da nämlich ein Amt auch zugleich eine Macht ist, strebt jedermann darnach, und ein mit einem Amte Bekleideter wird wiederum immer verdächtigt. Der Jude assimiliert sich nämlich bewusst oder unbewusst. Da New-York als politisches Zentrum, als Handelshauptstadt, sich von anderen Städten nichts aufoktroyieren-lassen will, muss sich New-York auch in zionistischen Angelegenheiten „bäumen". Da es kein organisches Zentrum gibt, stösst *) „boss" heisst auf englisch eigentlich ein Dicker, figürl. ein Geldmann.

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