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Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Trauerfeier für Dr. I. Rülf [Nachricht]
Date
1902-10-10
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Di* & Welt40 Nr. 41 des Dahingeschiedenen erschienen. Herr Dr. Bodenh e i m e r feierte den Dahingeschiedenen in beredten Worten, hob einige hervorragende Momente aus dem Leben dieses tapferen Kämpfers unter lautloser Stille seitens der Zuhörer hervor und forderte zur Ehrung alle Anwesenden auf, sich von ihren Sitzen zu erheben. Der Redner des Abends, Herr D. Wolffsohn, welcher die Gesellschaft über eine Stunde mit seinem Vortrage in Spannung hielt, bewies aus der Schrift „Amihas Bas-Ami", welch seltener Geist, welch' seltene Tatkraft, welch hervorragender Jude aus dem Leben geschieden ist. Sichtlich bewegt, las er einige Stellen aus der für den Zionismus grundlegende Ideen enthaltenden Schrift vor und zeigte uns die grosse Lücke, die durch das Ableben dieses wahrhaft edlen Mannes und Führers in unseren Reihen entstanden ist. Er fordert alle Anwesenden auf, Dr. Rülf als Vorbild für unsere grosse Idee zu betrachten und sich zu bemühen, ihm in jeder Richtung nachzueifern. Nachdem nun der Vorsitzende Herr Dr. Bodenheim e r die Anwesenden darum bat, als letzte Ehrung für den Abend eine Nationalfond-Sammlung zwecks Eintragung des Namens Isaak Rülf für ewige Zeiten in das Goldene Buch vorzunehmen, wurde die Versammlung geschlossen. Die Lage der jüdischen Arbeiter in Sichron Jakob. Wir erhalten einen vom 8. September datierten Brief, in welchem folgendes ausgeführt wird: „Im Bestreben, die jüdischen Arbeiter zum Verlassen des Landes zu zwingen, entzieht die „Ica* diesen die Existenzmittel dadurch, dass sie ihnen die Arbeit entzieht. Am 25. August wurden sechs Arbeiter entlassen und samt ihren Familien brotlos gemacht und weiters wurden die übrigen von der Administration verständigt, dass alle bis auf vier am 25. September entlassen werden. Dabei verdient die Tatsache vermerkt zu werden, dass die Administration, während sie jüdische Arbeiter, die täglich um Arbeit mit 10 Piastern Taglohn bitten kommen, um Frau und Kind ernähren zu können, angeblich aus Mangel an Arbeit, unbarmherzig vom Arbeitsplatz nach Hause schickt, arabische A rb eiter zu einem Taglohn von 7—8 Piastern und freier Wohnung beschäftigt. Um jede Arbeitsgelegenheit für die Zukunft zu vernichten, verteilt die Administration ihren Boden an die Kolonisten und behält nur die Orangerie, für welche sie die vier Arbeiter behalten will. Die Abfindungssumme, welche den Arbeitern für ihre langjährige Arbeit, Plage und Entbehrungen seitens der Administration geboten wird, reicht nicht einmal dazu hin, ihre Schulden in der Kolonie zu bezahlen und die Entlassung von der Arbeit bedeutet für alle Arbeiter und ihre Familien die Hungersnot. Die traurige Erfahrung sagt den Arbeitern, dass sie vom menschlichen Erbarmen der „Ica" nicht das Mindeste zu erwarten haben und wenn diese auch durch den Druck der empörten öffentlichen Meinung dazu bewogen werden sollte, die Arbeitsdauer jetzt zu verlängern, so leben die Arbeiter in leider berechtigter Furcht, dass schon Mittel und Wege werden gefunden werden, um sie zum Verlassen des Landes zu zwingen. Die Arbeiter sind fest entschlossen, bis zum letzten Mann auf der Erde ihrer Väter auszuharren. Ohne grosse Ansprüche an das Leben, werden sie für ihr Ideal weiter in harter Arbeit kämpfen. Wenn sie Palästina hätten verlassen wollen, so wäre das schon geschehen, als die „lca" jedem Arbeiter 1000 Frcs. Abfindungssumme und Reisespesen bot, der das Land verlassen wollte. Man wollte zeigen, dass Juden ihre Heimat gerne wieder verlassen. Was den Arbeitern an wirklicher Hilfe geboten werden könnte, ist die Möglichkeit der Arbeit oder seitens der „Ica" eine Summe, mit der sie einen Erwerbszweig gründen könnten. Sonst ist der Hungertyphus die nächste Massenkrankheit in Palästina." Man muss angesichts dieser Vorgänge annehmen, dass die Kuratoren der „Ica" von diesem Vorgehen ihrer Administration schlecht oder gar nicht unterrichtet sind. Sie werden kaum bewusst die Verantwortlichkeit für Massregeln auf sich nehmen, deren Durchführung gewiss unmessbares Elend in Palästina hervorrufen würde. Wir nehmen an, dass die Herren in Kenntnis der Vorgänge sofort Abhilfe schaffen werden. Neujahr. Unsere gleich betitelte Aufforderung in unserer vorletzten Nummer, Neujahrswünsche zu einer Einnahmsquelle des Nationalfonds zu machen, hat verschiedenartigen Erfolg gehabt. Vereine versendeten ganze Marken bogen, deren Rückseite mit Glückwünschen beschrieben war, oder sie schrieben wie gewöhnlich und neben jeder Unterschrift klebte eine grössere Anzahl Marken. Letztere wurden auch benützt, um breite Ränder des Glückwunsches damit in schöner Regelmässigkeit zu bekleben, oder es waren daraus kunstvoll Ornamente oder Buchstaben hergestellt. Alle uns bekannten Zuschriften von Gesinnungsgenossen aus diesen Tagen trugen Marken. Eine Karte, der geschickt ein hoher agitatorischer Wert gegeben wurde, hat unser Gg. L. Fö rst er (Nadworna) zur Versendung gebracht und wir geben ihren Inhalt aus dem bezeichneten Grunde wieder: Oben linlcs eine Nationalt'ondsmarke, rechts davon der hebräische Glückwunsch; darunter steht: r Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich in Zukunft die Zusendung von Neujahrskarten unterlassen und die Uebermittlung der Neujahrswünsche durch unser Parteiorgan „Die Welt" bewerkstelligen werde. Die hierdurch ersparten Druck- und Portispe?en werde ich dem Jüdischen Nationalfonds zuführen." Man kann sagen, dass die praktische Agitation für den Nationalfonds, der Anschauungsunterricht, durch die herkömmliche Korrespondenz der letzten Zeit stark gewonnen hat. Damit gewinnt indirekt auch die Sache und alle Gründe sprechen daher für unsere weitere, gleichwertige Tätigkeit. Nationalfonds. Die zionistische Ortsgruppe Zürich verschickte im Trauermonate Ab an alle ortsbekannten Juden ein Zirkular, in welchem nach einer allgemein zionistischen Einleitung und nach einer kurzen Erklärung des Nationalfonds der Passus folgt: „Wir hoffen, Ihren Wünschen zu entsprechen, wenn wir uns erlauben, am 11. d. M. für den Nationalfonds bei Ihnen (— folgt ein bestimmter Betrag, auf den der "Empfänger von den Einsendern eingeschätzt wurde) per Postnachnahme zu erheben, für den Fall, dass Sie uns vorher keine Einsprache zugehen lassen." Amerika und Rumänien. Sehr geehrter Herr Redakteur!*) In Nr. 39 Ihres geschätzten Blattes findet sich ein Artikel unter der [Jeberschrift „Amerika und Rumänien", der von zionistischer Seite nicht unwidersprochen gelassen werden darf. Wir Zionisten müssen oft den Vorwurf hören, dass wir Antisemiten seien. Dieser Vorwurf schliesst eine Anerkennung in sich. Denn die Selbstkritik, zu der wir uns in höherem Masse als die anderen berechtigt glauben, ist bei uns lediglich als die Kehrseite einer -sSelb st Würdigung möglich, die umso tiefer in u»s Wurzelt, je weniger wir darüber zu sprechen pflegen. Allein die*e Selbstkritik darf uns nicht die Augen vor den Tatsachen der Wirklichkeit verschliessen, selbst wenn sie — erfreulicher Natur sind. Die amerikanische Intervention zugunsten der rumänischen Juden und besonders die Form derselben bedeutet, welche Folgen sie auch haben wird und welches Motiv ihr auch zugrunde liegen mag, eine Anerkennung für das Judentum, die, ohne uns im geringsten über unsere wirkliche Lage zu täuschen, uns mit gerechter Befriedigung eriüllen darf. Die pessimistische Schwarzseherei, die selbst die wenigen lichten Punkte an unserem Horizonte nicht *) Gewohnt, jeder Meinung in unserem Blatte freien Ausdruck zu gewähren, stehen wir nicht an, den vorstehenden, uns zugpkommenen Brief, welcher unsere bezüglich der amerikanischen Note ausgesprochene Ansicht bekämpft, vollinhaltlich zu publizieren. Wir fügen nur daran nachfolgende amerikanische Korrespondenz aus dem Wiener Tagblatt „Die Zeit" vom 8. October an. Die Re daktion. Der „Zeit" wird aus New-York geschrieben: „ Allen Respekt vor der „Humanität", der „Christlichkeit" der Vereinigten Staaten - Regierung, die zu deren jüngstem Kreuzzug für die Befreiung der rumänischen Juden von schwerem Joche Anlass gegeben hat! Hier aber macht man nicht sehr wohlwollende Glossen darüber, weil zur Zeit auch — die Kuba-Frage lebhaft erörtert wird, Noch ist's in zu klarer Erinnerung, wie einzig „Humanität" und „Christlichkeit" die Ausrede, den Vorwand, die Entschuldigung für den Befreiuungskreuzzug geliefert haben. „Keinen Fussbreit kubanischen Landes wollen wir haben!* — so lautete damals die gemeinsame Resolution der beiden Häuser des Kongresses. Und seither? . . . Wir haben sie „befreit* und „gerettet*, diese interessanten Kubaner, aber — sie haben nur den Herrn gewechselt. Die „Kein Fussbreit"-Resolution wird heute von keinem vernünftigen Menschen anders als in pickwickschem Sinne genommen — tatsächlich gehört Kuba heute schon ganz so fest und sicher den Vereinigten Staaten an wie etwa die Philippinen. Von gleicher Art ist die Christlichkeit, die unseren Staatssekretär Hay dazu inspiriert hat, für die rumänischen Juden einzutreten. Er möchte, ihr Los zu einem möglichst glücklichen gestalten, aber in — Rumänien, auf dass es ihnen dort wohlgefalle und sie kein Verlangen darnach tragen, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. Also, darüber kann kein Zweifel bestehen, dass Herr Hay lediglich den Wunsch hegt, die rumänischen Juden von Amerika fernzuhalten. ..."

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