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Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Das Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten
Date
1902-10-10
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr 41 „Die # W®m Seite 7 in ihrer Verwaltung "befindlichen Stiftungen ergänzt und ausgestaltet werden. Es darf nicht vorkommen, dass für bestimmte Zwecke gewidmete Gelder jahrelang liegen bleiben, weil sie infolge der Teilnahmslosigkeit der verwaltenden Gemeinde nicht die erforderliehe Beitragshölie erreichen. Wenn sich die Gemeinde für die Verwendung ihrer Gelder einmal wirklieh interessieren wird, dann wird sie auch davor nicht zurückscheuen, Sammlungen in den Kreisen der zahlungsfähigen Gemeindemitglieder einzuleiten — dann kann es auch noch einmal dahin kommen, dass wir Volksküchen, Wärmstuben. Freitischvereine, ßchulbüchen, ja Bezirksambulatorien erreichen und an die Ausgestaltung der schon bestehenden jüdischen Ferienasyle und Kindergärten denken können. Ein leider sehr dringend gewordenes Bedürfnis sind auch die Waisen-Versorgungsanstalten und Einrichtungen, die — vor Eröffnung eigener Asyle — dazu dienen, Waisen und Findlinge jüdischen Händen zur Pflege und Erziehung zu überantworten. Alles dies ist selbstverständlich Sache der Entwicklung*, die aber von einem sozialpolitisch denkenden Gemeindevorstande beeinflusst und beschleunigt werden kann; aucli würde die Erfüllung dieser Aufgaben ganz beträchtlich erleichtert werden durch Hebung des jüdischen Volksbeivusstseins; wenn das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeindemitglieder gehoben und gestärkt wird, dann wird auch die Zahl der freiwilligen Spenden für jüdische Zwecke wachsen, ja selbst die Steuerzahlungen werden nicht so widerwillig wie bisher geleistet werden, weil die Besteuerten an vielen Gemeindeeinrichtungen Anteil haben werden — was jetzt allerdings nur wenig der Fall ist. Unsere Forderungen sind jedoch noch nicht zu Ende, sie sind unendlich, so wie unser guter Wille. Wir halten es nämlich an der Zeit, mit der Gründung eines Katastrophenfonds zu beginnen, der sieh aus kleinen und kleinsten Teilbeträgen zusammensetzt und im Laufe der Jahre für plötzliche Katastrophen unendlich wertvoll werden kann. Es soll der Gemeinde die Beschämung erspart bleiben, dass ein unvorhergesehener Notstand sie ohmnächtig und mittellos findet — die rumänischen Auswanderer können die weitere Motivierung unserer Forderung geben! Weiters halten wir es für unerlässlich, dass sich eine wahrhaft jüdische Gemeinde mit allen ihr zugebote stehenden Mitteln an den Sammlungen für den jüdischen Nationalfonds beteiligt, nachdem dieser einmal dazu berufen sein wird, an dem Selbstbefrehmgswerke des jüdischen Volkes hervorragend mitzuwirken. Eine letzte, aber darum nicht minder wichtige Forderung ist die nach körperlicher Hebung . des jüdischen Volkes. Die Subventionierung von jüdischen Turn- und Sportvereinen muss fortschreiten, auch soll daran gedacht werden, jüdische Armenärzte zu bestellen, die für die Sozialhygienie unseres Stadtproletariats Aron unschätzbarer Bedeutung wären. Wir verlangen viel, aber wir müssen es tun, weil die bisherige Kultusgemeinde so wenig von dem bietet, was sie in den vielen Jahren ihres Bestandes hätte erreichen sollen. Unser Programm kann nicht in einem, auch nicht in zwei Jahren verwirklicht werden, aber es soll richtunggebend sein für die weiteren Arbeiten und wenn wieder derselbe Zeitraum verstrichen ist, wie seit Gründung unserer Gemeinde, dann wird sie jüdisch sein in der ganzen Bedeutung dieses umfassenden Begriffes: dann wird es keine Gemeinde sein für die Kultusinteressen, für die religiösen Bedürfnisse einer nach der Steuerkraft abgegrenzten Minderheit, sondern sie wird eine jüdische Gemeinschaft sein, die auf demokratischer Grundlage für die sittliche, wirtschaftliche und körperliche Hebung ihrer Mitglieder, ohne Unterschied der Fassion Sorge trägt! Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. T i f 1 i s. Die im Kaukasus lebenden jüdischen Handwerker haben in der letzten Zeit den Befehl der Polizei erhalten, in ihren Geschäften nur Ware eigener Erzeugung zu verkaufen. Der Polizenmeister von Tillis hat, wie der „Tifliskij Listok" meldet, sämtliche jüdischen Handwerker verständigt, dass Ware nichteigener Erzeugung, welche in ihren Geschäften gefunden werden sollte, von der Polizei konfisziert werden würde. * Riga. Wie der „Rischskij Wjestnik" („Rigaer Bote") Nieldet, hat der Polizeimeister von Riga jüngst einen Befehl erlassen, welcher das Wohnrecht der jüdischen Kaufleute erster Gilde in Riga gänzlich illusorisch macht. Die Juden dieser Kategorie, welche dem Gesetze nach das unbeschränkte Wohnrecht im Reiche gemessen, verlieren nach der Verordnung des Rigaer Polizeimeisters das Wohnrecht in Riga in dem Augenblicke, wo sie die Stadt auf die allerkürzeste Zeit verlassen. Die Polizei wurde angewiesen, die Abwesenheit solcher Juden sofort zu melden und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass die in Riga lebenden Juden der genannten Kategorie ihre Familien nicht bei sich haben sollen . . . * Charkow. Wie die offiziellen „Charkowskija Goubernskija Wjedomosti" melden, , hat die Gouvernements-Assenticrungs- Kommission heuer die Verfügung getroffen, dass jüdische Militärpflichtige der Kommission ihre bestätigte Photographie zustellen, damit die Kommission bei der Stellung die Identität feststellen könnte. Das Gesetz schreibt dies nicht vor, von den Christen werden die Photographien nicht verlangt, für die armen Juden ist diese Forderung eine schwere Ausgabe, da sie oftmals meilenweit zu einem Photographen reisen müssen, um ihr Bild herstellen zu lassen . . . * Odessa. Die Odessaer Blätter berichten über einen Fall gänzlicher Ausweisung von Juden aus einem Kurorte, der für die Unsicherheit unserer Brüder in allen Orten des grossen Zarenreiches sehr charakteristisch ist. Unweit von Odessa liegt der bekannte Kurort Klein-Liebenthal. von deutschen Kolonisten begründet und bewohnt1, dessen Bäder hauptsächlich von kranken Kindern gebraucht werden. Seit Jahren hatten die Juden in diesem Kurorte imbehindert Aufenthalt nehmen können und die Zahl der nach Klein-Liebenthal reisenden Juden mit kranken Kindern stieg von Jahr zu Jahr beträchtlich. Heuer z. B. befanden sich in Klein-Liebenthal 700 jüdische Familien. Die Kursaison dauert hier bis gegen Ende Oktober. Heuer aber erhielten die jüdischen Kurgäste schon Mitte August den Befehl, Klein-Liebenthal in wenigen Tagen zu verlassen, da die Zuwiderhandelnden mit einer schweren Geldstrafe belegt werden würden. Vor der Geldstrafe und der administrativen Ausweisung sich fürchtend, verliessen die jüdischen Familien fluchtartig den Kurort, ihre kranken Kinder der Kur entreissend . . . Warscha u. Die polnische antisemitische Presse im Weichselgebiete erweist sich auf dem Gebiete der Verfolgung von Juden sehr erfindungsreich. Wie der „Warsehawskij Dnewnik" meldet, hat die Redaktion des „Polski Jesebenedelnik" ein Komitee eingesetzt, das mit der Aufgabe betraut worden ist, die Anzeigen jüdischer Handelsfirmen und Geschäfte, welche in den Blättern erscheinen, zu prüfen und die darin reklamierten Gegenstände auf ihre Qualität zu untersuchen, wobei nur den Interessen der christlichen Handwerker und Produzenten gedient werden wird. * Mariapol. Die von den jüdischen Handwerkern in Mariapol dem Ministerium des Innern unterbreitete Bitte um Erlaubma zur Gründung eines Hilfs- und Darlehen-Vereines jüdischer Handwerker in Maria pol wurde vom genannten Ministerium zurückgewiesen . - , * Petersburg. Wie die russischen Blätter melden, hat das Departement für geistliche Angelegenheiten fremder Konfessionen für Ende Oktober einen Rabbiner-Kongress nach Petersburg einberufen, um über die Frage der Reform der jüdischen Schulen und des jüdischen Wohltätigkeitswesens zu beraten. Warschau. Für den immer wachsenden Einfluss des Zionismus im Weichsel gebiete führt der halbamtliche ..Warschawskij Dnewnik" die Tatsache an, dass nunmehr alle jüdischen Institutionen und Wohlfahrts-Einriehtungen in Warschau sich in den Händen der Zionisten befinden. Dank den Zionisten — sagt das Blatt — sei im jüdischen kaufmännischen Vereine eine Koscher-Küche errichtet, neue Bibliotheken mit jüdischen Werken gegründet und noch viele andere nützliche Neuerungen eingeführt worden. Trauerfeier für Dr. L Rülf. Die Kölner Ortsgruppe hielt anlässlich des Ablebens ihres hochgeschätzten Mitgliedes des Herrn Rabbiner Dr. Rülf aus Bonn am Samstag Abend im ,.Wiener Hof4 eine TraueiVersammlung ab, um diesen um die Menschheit, insbesondere um die Judenheit so hochverdienten Mann zu ehren. Aus allen Berufski a es eil hatten sich Juden ein gefunden, um an dieser Ehrung teilzunehmen, wie auch der Rabbiner Dr. Rosenthai der an ihn erlassenen Einladung Folge leistete. Ebenso waren zwei Söhne

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