Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Das Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten
Date
1902-10-10
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3316001-3325196--35031-3325321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 JMt- ^.WeW» «r. m schaftliche Eignung, nicht aber Titel und Gewand sollen das Ansehen der Funktionäre begründen. Die Zahl der Beamten und Funktionäre muss in ein richtiges Verhältnis zum Budget gebracht werden, damit nicht, wie dies jetzt — und zwar in einer gewiss einzig dastehenden Weise —- der Fall ist, die Beamtenmasse auf der ganzen Gemeindewirtschaft lastet. Weniger Beamte, aber besser bezahlte, damit das unwürdige Geschenknehmen und Nebenverdienen endlich aufhöre! Vor allem aber muss schleunigst dafür gesorgt werden, dass der von der Gemeinde bestellte jüdische Religionsunterricht von Grund aus reformiert werde, damit auch in die Schule jüdischer Geist einziehe. Die Gemeinde soll ein neues Lelirprogramm für die Schulen ausarbeiten,, das die Lernenden mit Verständnis und Liebe für ihr Volk erfüllt. Bisher war der Religionsunterricht — soweit vereinzelte Lehrer nicht charaktervolles Judentum auf eigene Faust lehrten — eine Vorbereitung zum Abfalle, denn er tötete in den Kindern jeden Zusammenhang mit dem jüdischen Volke. Die heutige Auflösung ist zum grossen Teil auf dieses Unterrichtssystem und die Gleichgiltigkeit der Gemeinde zurückzuführen. Hand in Hand mit der Nationalisierung der Schule muss die Errichtung von Gemcindesehulen (auch Dienstboten schulen und Frauenerwerbvereinen) sowie Lehrerseminarien gehen, ferner die Eröffnung von Bethäusern, in denen die Armen der Stadt, ohne Platzgelder zahlen zu müssen, dem Gottesdienste beiwohnen können. Aus dem Gottesdienste selbst sind alle kostspieligen und unjüdischen Verschönerungen, deren Ursprung auf die Gebräuche der katholischen Kirche zurückführt, zu entfernen. Die Klassentrauungen und Klassenbegräbnisse sollen abgeschafft werden, wie denn überhaupt die Bückkehr vom hohlen Luxus zur altjüdischen Einfachheit verlangt werden muss. Würdige, aber jede überflüssige Zeremonie vermeidende Gebräuche können dann bei zahlenden und nichtzahlenden Gemeindemitgliedern angewendet werden, weil der kostspielige Luxus wegfällt und damit auch die Notwendigkeit, für den teuren Prunk durch KlassentaTife Bedeckung zu finden. Die Gemeinde hat sich dafür einzusetzen, dass der Staat beiträgt zur Schaffung eines jüdischen Jteligionsfonds, aus dein Rabbiner. Lehrer und Religionsdiener, ebenso wie bei den anderen Religionsgenossenschaften, Bezahlung finden. In gleichem Sinne ist auch die Sys t emisierun g und eine der Schülerzahl entsprechende Vermehrung der Ecligionslehrer an den Mittelschulen anzustreben — wie dies bei den anderen Religionsgenossenschaften bereits der Fall ist. Wenn ferner die Gemeinde ihre Pflichten hinsichtlich der kulturellen und geistigen Hebung ihrer Mitglieder voll und ganz erkennt, dann wird sie auch an die Errichtung von Toynbec-Ballen schreiten, in denen an jedem Abend Vortrüge über das Judentum, seine Geschichte und die durch seine Tendenz bedingten sittlichen und sozialen Gegenwartspflichten gehalten werden. Eine öffentliche, allgemein zugängliche und mit dem nötigen Büchermaterial ausgerüstete Gemeindebibliothek ist ein vielfach empfundenes Bedürfnis, ebenso ein jüdisches Volkshaus, dessen Errichtung von der Gemeinde zumindestens angeregt werden muss, damit das erstrebte Ziel im Laufe der Jahre erreicht werden könne. Bei ihren Veröffent Ziehungen hat sich die Gemeinde aller in Wien erscheinenden jüdischen Blätter zu bedienen, nicht aber eines einzigen Organs, das überdies bestimmte parteimässige Tendenzen verfolgt — Avas den Anschein hervorruft, als ob diese Tendenzen durch die bezahlten Annoncen der Gemeinde gewissermassen pauschaliert werden sollen! Der Grundsatz der Judengemeinde ist Oeffentlichkeit und Wahrheit — die bisher absichtlich verwischte Grenze zwischen den charaktervollen Juden und den Abtrünnigen muss wiederhergestellt werden. Jeder Jude muss wissen, ob er einem Volksgenossen oder einem Verräter die Hand reicht, und deshalb verlangen wir - öffentliche Behandlung der Austrittsanzeige. Bisher hat man sich noch stets über diese eigentlich, selbstverständliche Forderung hinweggedrückt, denn es ist nur zu bekannt, dass auch manche Kultusvorstände die Oeffentlichkeit der Abfallsanzeigen scheuen und dies mit Rücksicht auf die Vorkommnisse in der eigenen Familie! Aus diesem Grunde müssen wir auch verlangen, dass jeder Vorstand oder Funktionär der Gemeinde sofort seine Stelle niederlegt, wenn in seiner engeren Familie Austritte aus dem Judentum vorfallen. Nicht nur in sittlicher und geistiger Beziehung muss die Judengemeinde ihre Pflichten erkennen, auch in der grossen Frage der;, r wirtschaftlichen Hebung, die für das jüdische Proletariervolk die brennendste ist. Solange das Gesetz eine öffentliche sozialwirtschaftliche Tätigkeit der Gemeinde nicht zulässt, muss diese durch Initiative und Subventionen fördernd auf die gleichartigen Bestrebungen der Gemeindemitglieder wirken. Ein Vorstand, der dies nicht will und sieh vor der Not des Tages hinter den Wortlaut des Gesetzes flüchtet, ein solcher Vorstand kennt nicht die dringendsten Bedürfnisse des jüdischen Volkes und muss trachten, sich bald durch einsichtsvollere Männer ersetzen zu lassen! Der Rettungsgedanke unserer Armen und vom antisemitischen Boykott Bedrängten ist der Gedanke der Kooperation, der Genossenschaft. Die Gemeinde muss trachten, dass in ihrem Wirkungsgebiete jüdische Spar- und Vorschusskassen entstehen, welche dem schwer bedrängten Mittel stand billigen Kredit verschaffen. Sie muss die bestehenden jüdischen Gewerkschaften der Arbeiter und Angestellten fördern, anteilnehmen an dem zu schaffenden Konditionslosenfonds, der für das Judentum eine soziale Tat bedeutet. Die Gemeinde soll der grossen Frage des A rbeitsn a ohiccises durch Unterstützung der gewerkschaftlichen Stellenvermittlungen nähertreten. Das bisherige System, einen vorn Unternehmertum begründeten Arbeitsnachweis notdürftig zu dotieren, ist unwürdig, weil die Stellenvermittlung in den Händen der Arbeitnehmer liegen muss, denen sie eine schwache Möglichkeit bietet, die Arbeitsbedingungen zu beeinflussen. Eine weitere sehr wichtige Frage ist die der Statistik des'jüdischen Volkes. Die von den Gemeinden zu führenden Matriken bieten eine wirksame Handhabe für die Aufstellung statistischer Tabellen über die Bevölkerungsbewegung, die dann nach und nach zu einer Berufsstatistik erweitert werden könnten. Die Erreichung dieses Zieles wäre auch nicht so unmöglich', wenn die Gemeinde energische Schritte einleiten würde, um vom Staate für die nicht in ihren Wirkungskreis fallende Matrikenführung ebenso bezahlt zu werden, wie die politischen Gemeinden für Arbeiten des Konskriptionsamtes. Selbst die bisherigen humanitären Einrichtungen der Gemeinde, auf die immer und immer hingewiesen wird, wenn Unzufriedenheit sich bemerkbar macht, selbst diese Wohltätigkeitsanstalten sind lange nicht auf entsprechender Höhe. Zur Anlegung eines Zen tra l-Armetikatasters ist es bis heute nicht gekommen, obwohl ein solcher für die tausendfach zersplitterte und zum Teil vergeudete Wohltätigkeit selbst eine Wohltat bedeuten würde. Die Zentralisierung des Armcmcesens muss angestrebt werden und dies auf dem Wege der Vereinigung bestehender wohltätiger Körperschaften, die bisher, ohne von einander Näheres zu wissen, unorganisierte, also halbe Arbeit geleistet haben. Auch die Bestellung jüdischer Arm enräte wäre von grossem Vorteile für die Zweckmässigkeit der wohltätigen Bestrebungen. Was sonst noch alles nottut in den humanitären Einrichtungen der Gemeinde — wer weiss es nicht; noch besteht in Wien kein jüdisches Kinderspital3 die bestehenden * jüdischen Krankenhäuser besitzen keine Irrenabt eilung, auch an ein Rekonvaleszent enheim sollte mit der Zeit gedacht werden;, ebenso an den Ausbau des Spitals durch Spezialabteilungen. Die Schaffung einer Krankenpflegerinnenschule zur Heranbildung jüdischer Wärterinnen wäre kaum mit besonderen Kosten verbunden. Alle diese Einrichtungen sind aber natürlich nur Zukunftsmusik, so lange die Gemeinde für ihre wirtschaftlichen Pläne nicht selbst agitatorisch auftritt und sich dafür bemüht, dass die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.