Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Welt-Nationalfondsfest
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 11 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 „Die # Welt« Seite 1! Nutzen, den ein solches „Welt-Nationalfondsfest" unserer Bewegung bringen kann, ganz unberechenbar ist -— wenn man es nur nicht an zweckmässiger Agitation wird fehlen lassen. Ihr Führer der zionistischen Organisation in allen Ländern, ihr Leiter unserer nationalen Zeitschriften in allen Sprachen, ihr Vorsteher der zionistischen Vereine und ihr Gesinnungsgenossen alle, die ihr Einfluss in euren Kreisen habet — auch an euch ergeht mein Sehlusswort: Wohlan, fördert diesen Plan, agitiert für ihn, bringet ihn zur Ausführung! Es ist hoch an der Zeit, darzutuii; was unsere Organisation vermag. Auf also zur Tat! ■; ■ . Z i j o n i. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. K i e w. In dem uns vorliegenden russischen Blatt« „Kiewskaja Gazeta" befindet sich folgender Tagesbefehl des Polizeimeisters von Kiew: 3,Da die Sommersaison im „Kaufmännischen Garten" und in „Chateau de Fleures" beendigt ist, so beauftrage ich alle Polizeikommissäre von Kiew, dafür Sorge zu tragen,_ dass alle jüdischen Musikanten, Schauspieler, Sänger und Choristen, denen der Aufenthalt früher gestattet wurde, nunmehr Kiew unverzüglich verlassen. Jüdische Musikanten und Artisten, welche das Aufenthaltsrecht in Kiew von der Behörde erlangen werden, dürfen nur in den Bezirken von Lydedne und Plosskij wohnen." * Tn rasspol. Das Gesuch der jüdischen Gemeinde von Tirasspol um Erlaubnis zur Gründung eines gegenseitigen Vorschussvereines wurde, wie die „Odesskija Nowosti" melden, vom Gouverneur unter folgenden Bedingungen genehmigt: 1. In der Verwaltung, im Rate und im Komitee müssen wenigstens zwei Drittel der Mitglieder Christen sein; 2. als Vorsitzende in allen Abteilungen und Sektionen können nur Christen figurieren; 3. Vorschüsse und Darlehen können nur an Juden erteilt werden, welche Immobilien im Niederlassungsgebiete haben . . . M J«katerinoslaw. Um die Bettelei zu vermindern, welche sich unter den Juden von Jekaterinoslaw in letzter Zeit besonders bemerkbar macht, hat der jüdische Hilfsverein den Gemeinderat von Jekaterinoslaw ersucht, städtischen Grund und Boden zur Eröffnung eines Arbeitsmarktes zu überlassen, wo Juden und Jüdinnen ihre Arbeitskraft jeder Nachfrage antragen könnten. Der Gemeinderat hat jedoch dieses Gesuch bis jetzt noch nicht erledigt. * W a r s c h a w a. In einer Volksküche der Wohltätigkeits- Gesellschaft von Warschau haben die christlichen Besucher unlängst, wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik" meldet, gegen die Zulassung von Juden zur Teilnahme an der unentgeltlichen Speisung im Speisesaale der Volksküche Protest erhoben, mit der Begründung, der Anblick der Juden sei ekelerregend. Die Verwaltung der Küche billigte diesen Protest und sonderte die Juden von den Christen ab. Aber die Journale „Polskaja Niva," und „Warschawskij Dnewnik" sind mit diesem Ausgange des Protestes nicht zufrieden: sie verlangen die völlige Ausweisung der Juden aus der Volksküche . . . Diesem Verlangen dürfte auch stattgegeben werden.;* Petersburg. In den kleinen Städtchen des sogenannten jüdischen Niederlassungsgebietes, wo infolge der geltenden Gesetze eine grosse Verdichtung der jüdischen Bevölkerung platzgegriffen hat, vernichten die häufig wiederkehrenden Teuersbrünste ausschliesslich jüdisches Hab und Gut. Die städtischen Versicherungs-Anstalten haben deshalb im Auftrage des Ministeriums die Aufnahme von jüdischen Häusern zur Versicherung gegen Brand eingestellt. Die Juden gingen nun zu den Privat- Versicherungs-Gesellschaften, welche die Versicherungsprämie bei Jude n auf das Doppelte erhöhten. Auch dies Hessen sich die armen Juden gefallen! Denn was konnten sie auch tun? Nunmehr aber haben sämtliche Privat-Versicherungs-Gesellschaften im gegenseitigen Einverständnisse beschlossen, die Versicherungsprämie bei Juden auf das Vierfache zu erhöhen . . . Die Juden haben angesichts dieser Tatsache beschlossen, den Minister des Innern zu ersuchen, ihre Immobilien zur Versicherung in ärarisehen Aemtern zuzulassen, da sie bereit seien, die im Vergleiche zu den Christen doppelte Prämie zu zahlen. ,* " Kamenetz-Podolsk. Aus einer Denkschrift, welche der neuernannte Chef der Branntweinmonopol-Verwaltung von Prosskurow, Staatsrat Wenoroki, der Akzisen-Verwaltung von Po doli n unterbreitet hat, erfahren wir interessante Einzelheiten über die Behandlung der Juden, welche früher beim Branntweingeschäfte ihr bescheidenes Auskommen fanden. Wie die „Odesskija Nowosti" mitteilen, wurde gleich mich der Einführung des Branntweinmonopols in Podolim deai Juden jedweder Zutritt zu diesem Geschäfte untersagt. Tausende jüdischer Familien wurden brotlos. Die Zurückweisung des jüdischen Elementes ging so weit, dass im Gouvernement Podolim kein einziges jüdisches Haus gemietet wurde, um dort eine riranntwein-Niederlage zu etablieren. Noch mehr, trotz Mangel an Arbeitern wurden Juden als Arbeiter in diesen ärarischen Niederlagen nicht beschäftigt. Herr Wenoraki versucht nun in seiner Denkschrift, die obere Akzisen-Verwaltung zu bewegen, ihm die Anstellung von Juden als Arbeiter und Bedienstete zu gestatten. .* Sebastopol. Die Zeitschrift .,Krym<f meldet folgendes: „In der letzten Zeit häufen sich die Falle, wo jüdische Eitern ihre Söhne taufen hissen, selbst aber im Schosse des Judentums verbleiben. Der Erzbischof Nikolai hat nun die Taufe solcher Judenkinder zurückgewiesen, da er darin nicht religiöse Aufrichtigkeit, sondern die Sucht nach materiellen Vorteilen erblickte." * Warschau. Das Mitglied der englischen Parlameiits- Koinmission für das Studium der Fremden-Einwanderung, Major Evans Gordon, welcher beschlossen hat, die ökonomische Lage der Juden in lluswland zu studieren, weilt seit einigen Tagen, wie der „Utrennij Kurjer" meldet, in Warscliau. Major Gordon hat alle Wohlfall rtsein rieh tinigen der jüdischen Gemeinde von Warschau besichtigt. Die jüdischen Handwerker haben ihm eine Gedenkmedaille überreicht. Bonn. Bei der Beerdigung unseres Altmeisters R ii 1 f hielt Herr Dr. Bodenheimer folgende Eede : Verehrte Trauerversammlung! Werte Freunde! Es ist schwer, wenn der Schmerz noch frisch ist, der uns im Herzen wühlt, die Bedeutung eines Verlustes zu ermessen, wie wir ihn durch den Hingang unseres verehrten Führers Dr. Rülf erlitten. Es fehlen mir darum fast die richtigen Worte, wenn ich mich meines Auftrages entledigen soll, namens des Zentral-Komitees der„Zionistischen Vereinigung für Deulschland,, und des Aktions-Komitees in Wien unserer Trauer über das Hinscheiden eines so bewährten Vorkämpfers unserer Sache gebührenden Ausdruck zu geben. . Ich habe aber fast alles gesagt, wenn ich darauf hinweise, dass wohl jedem, der den Namen Rülf kannte, bei der Nachricht seines plötzlichen Todes das ßewusstsein kam: Da ist ein grosser Führer der Bewegung verschieden, welche man die zionistische nennt, so eng war sein Marne mit dieser Sache verbunden. Dr. Rülf war ein Zionist, noch ehe der Zionismus entstanden war. Sein grosses Verdienst war es, zu den seltenen Männern zu gehören, welche für eine Idee kämpfen und leiden, noch ehe sich die Massen derselben angeschlossen haben und sie verteidigen. Dazu gehört ein hervorragender Mannesmut und ausserordentliche Ueberzeugungstreue. Ms die Pinsker'sche Schrift „Die Autoemanzipafcion" erschien, da gab er den Ideen derselben das feste Ziel, nach dem wir heute marschieren, „Zion", und war so nach Moses Hess der erste, welcher das zionistische Programm in seinem ganzen Umfange vertrat: Dem jüdischen Volke eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina und Syrien zu schaffen, den Bedrängten ein Asyl, eine Zuflucht. Das entsprach so recht einem grossen jüdischen Herzen. Als dann kurze Zeit darauf zu Kattowitz die hervorragendsten Zionisten zu einer Konferenz zusammentraten, um den Grundstein für die Schaffang eines neuen jüdischen Bauernstandes auf dem heiligen Boden unserer Väter zu schaffen, da eilte auch er herbei, um bei diesem Werke Hanl anzulegen und war so einer jener grossen Männer, welche unserer Jugend eine neue Hoffnung, unserem Volke eine neue Zukunft gaben, ein neues Ideal als Banner aufpflanzten. Ich will hier nicht davon reden, was er als Mensch im allgemeinen geleistet. Das haben wir aus beredtem Munde soeben gehört. Aber ich weiss mich der Stunden noch mit inniger Rührung zu erinnern, wie er in fast jugendlicher Begeisterung an dem II. Kongresse in Basel Anteil nahm. Als er die Bühne des Kongresses betrat, in dessen Präsidium er gewählt worden war, da zeigte ihm der brausende jubelnde Zuruf der Versammlung, wie sehr man sich freute, dem Altmeister des Zionismus den innigen Dank für seine hingebungsvolle Arbeit darbringen zu können.