Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Welt-Nationalfondsfest
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die 3* weit1 Hit **vs samkeifc unserer öffentlichen Meinung auf die zionistische Bewegung und auf unsere nationalen Institutionen zu lenken. Was ist jedoch zu diesem Zwecke vorzukehren? Der Schreiber dieser Zeilen hätte in dieser Hinsicht einen Vorschlag zugunsten unserer neuesten nationalen Stiftung, des Nationalfonds, vorzubringen. Vorher seien jedoch einige einleitende Worte gestattet. Wir Zionisten sind gewöhnt, gegen Arten von Gegnern und Hindernissen, äusseren wie inneren, anzukämpfen, die der Entwicklung und Verwirklichung unseres Gedankens im Wege stehen. Dennoch ist die Befürchtung nicht abzuweisen, dass wir einen inneren Feind — und möglicherweise ist es einer der gefährlichsten — bisher vernachlässigt haben. Ich meine: unsere Zufriedenheit. Ist es nicht betrübend, dass wir oft über dem, was wir bis jetzt geleistet und erreicht haben, vergessen, was wir noch nicht geleistet, noch nicht erreicht haben? Wenn wir von der Stärke unserer Organisation sprechen, vergessen wir in der Kegel ihre Schwächen, und wenn wir der Zahl und Tätigkeit unserer Arbeitskiäfte gedenken, ziehen wir nicht in Betracht, wie gel ing diese Zahl, diese Tätigkeit im Vergleiche zu den Erwartungen ist, die wir im Anfang gehegt haben. Wir weisen auf die Menge der SchekelSteuerzahler hin, vergessen aber, sie der Gesamtzahl der Juden gegenüberzustellen. Wir sprechen von dem Kapital und den Aussichten der Jüdischen Kolonialbank, ohne zu berücksichtigen, wie wir uns all dies doch anders vorgestellt haben, Wir freuen uns ob des Reichtums der jüdischen Literatur und vergessen ihrer ersehreckenden Armut. Oft begeistern wir uns an dem Anblick begabter junger Juden, denen es zufällig gelungen ist. ihre Kräfte und Gaben zu entfalten, verges.sea aber die hunderte und tausende von Jünglingen, die, nicht rninde»* begabt, in Not und Elend, ohne Luft und Licht dahinsehmaehten, ihre Geisteskräfte im Kampfe ums tägliche Brot aufbrauchen und im Dunkel verschwinden, ohne dass ihr Name auch nur in Sien Zeitungen genannt würde . . . Wir applaudieren zufrieden ob der Gründung einiger Muster-Chadarim, vergessen aber völlig die ungeheure Zahl derjenigen Chadarim, die nichts weniger als musterhaft sind. Um es kurz zu sagen: Wir vergessen gerne. Im Angesichte dessen, was wir haben, vergessen wir mit Vorliebe das, was wir haben könnten und sollten. Mögen unsere Gegner sagen, was sit. wollen. Wir sehen augenscheinlich, dass die zionistische Bewegung grosse Fortschritte macht, dass sie Herz und Willen unseres Volkes gewinnt, dass ihre flösse Zukunft ausser allem Zweifel steht. Wir i?incl dessen gewiss, dass keine einzige jüdische Organisation in unserer Zeit so sehr zur Regeneration der Juden und des Judentums beitragen kann, wie unsere Organisation. ^ber . . . Tieses ..Aber" machte ich sehr stark betonen. Unsere Ideale sind viel zu erhaben, als dass wir uns mit Kleinigkeiten begnügen könnten. Kleinigkeiten aber sind ja alle unsere Taten und Frfolge im Vergleiche zu denen, die möglich gewresen wären — das müssen wir einander zugestehen, wenn Mir unsere Leistungen unseren Idealen gegenüberstellen wollen. Mag der Hahn sich freuen, wenn es ihm gelungen ist, sich zwei Fuss über die Erde zu erheben; der hochstrebende Adler sieht verächtlich auf ihn herab. Wir aber — wie not tun uns die kühnen Schwingen und der stolze Flug des Adlers! Unsere Zufriedenheit — das ist unser Feind! Und gegen diesen Feind müssen wir jetzt ankämpfen, damit er unsern Geist nicht schwäche, unsere Kraft nicht lähme. Ich gestehe es offen: jedesmal, wenn ich einen Zionisten sehe, der beim Lesen der wöchentlichen Verzeichnisse von Spenden für den Nationalfonds seiner Freude Ausdruck gibt, sage ich mir im Stillen: Das ist ein schlechter Zionist! Denn wäre er ein guter, dann müsste er, anstatt in Begeisterung, in Erbitterung geraten über diese Verzeichnisse . . . Ich sage: in Erbitterung, nicht in Verzweiflung. Uns tut mehr als alles die Unzufriedenheit not; aber nicht d i e Unzufriedenheit, welche der Mutlosigkeit und Resignation entspringt, sondern die, welche im Gegenteil ihre Quelle in fester Zuversicht und im rastlosen Streben nach einem hohen Ideal hat; nicht die Unzufriedenheit, welche einschläfert, die Hände lähmt und den Menschen gleichgiltig macht gegen alles, was ihn umgibt, sondern die Unzufriedenheit, welche das Blut in Wallung bringt, das Herz erzittern macht und alle seelischen Kräfte zu harter und fruchtbringender Tätigkeit anregt. „Wir brauchen Geld, viel Geld; denn mit ein paar Groschen wird sich da nichts machen lassen." Diese Worte, die Dr. Herzl vor mehr als einem Jähre gesprochen hat, mögen uns keine Ruhe lassen! Denn Palästina ist kein abstrakter Begriff; es ist Grund und Boden, der dunamweise verkauft wird und dem zufällt, der ihn käuflich erwirbt. Der Boden aber wartet nicht auf uns — das müssen wir uns fest einpräge». Heute wissen wir alle sehr wohl, wie unrichtig, wie gefährlich für unsere Bewegung derzeit die schöne Phrase ist: „Das verödete Land wartet auf seine unglücklichen Kinder, dass sie kommen und es zu neuem Leben erwecken." Nein, nein — das Land wartet keinen Augenblick! Fragt doch die Männer, denen die Sachlage in Palästina aus eigener Praxis und Erfahrung bekannt ist: sie Averden euch sagen, dass die besten Industriezweige dort schon in nicht jüdischen Händen sind, ja, dass der Boden, wenn wir ihn nicht alsbald auslösen, nach und nach vollständig in fremden Besitz geraten könnte. (Bekanntlich hat ein solcher Prozess bereits faktisch begonnen.) Dann aber — Zionisten und Zionismus ohne Zion: ich kann mir gar nicht ausmalen, wie tragisch diese Erscheinung wäre! Der Nationalfonds ist ein so wichtiges Moment in der Geschichte unserer Bewegung, dass es an der Zeit ist, ihn überall, wo es auch nur einen Zionisten gibt, mit aller Solennität.und Publizität zu feiern. Dies also ist es, was ich vorschlage. Wie man in zahllosen Orten vor dem fünften Zionistenkongress einen „Welt-Zionistentag" veranstaltet hat, so möge man Jetzt, vor dem kleinen Kongress — während der Sukkoth-Feiertage, die sehr geeignet dazu sind — ein Welt-Nationalfondsfest feiern. Ich halte es fast für überflüssig, auf den zweifachen Nutzen hinzuweisen, den eine solche universelle Feier zur Folge haben müsstt?: die vielen Spendensammlungen und die ausgedehnte Agitation in allen Kreisen des Volkes. Ich beschränke mich daher darauf, in einigen Worten auseinanderzusetzen, wie ich mir dieses grosse Fest vorstelle. Es soll vor allem eine lange Kette von jüdischen Volksversammlungen auf dem ganzen Erdenrund sein, in denen das Wesen des Zionismus im allgemeinen und die Bedeutimg des Nationalfonds im besonderen erklärt werden soll. Es ist in der Tat erstaunlich, dass beispielsweise in England und Amerika, Ländern, in denen das öffentliche Leben so sehr entwickelt ist, grosse zionistische Volksversammlungen so selten und in so wenigen Orten veranstaltet werden. Ueberhaupt fehlt es an jüdischen Massenversammlungen in allen grossen jüdischen Zentren, wo sie doch allezeit grossen Nutzen stiften könnten. In Russland konnten die Zionisten bis vor kurzem aus Gründen, die ausserhalb ihres Wirkungskreises lagen, keine grossen Versammlungen einberufen. In jüngster Zeit ist dieses Hindernis jedoch bekanntlich geschwunden und in einzelnen Städten (wie Bialystok, Minsk, Warschau) hat die Behörde den Zionisten offiziell gestattet, öffentliche Volksversammlungen einzuberufen. — Stellen wir uns nun vor: in unzähligen Städten und Ortschaften aller fünf Erdteile versammelt sich die jüdische Bevölkerung zum NationalfondstagUnd lauscht den Worten des zionistischen Redners. Die Rede bringt den gewünschten Eindruck hervor und die Marken des Nationalfonds sowie billige Agitationsbroschüren werden massenhaft im Saale abgesetzt. Das Volk hört, liest und spendet! Es braucht nicht näher ausgeführt zu werden, was eine derartige universelle Veranstaltung für uns bedeuten würde! Andererseits muss auch die Intelligenz gemäss ihrem Geschmack berücksichtigt werden. Es müssen in jeder grösseren Stadt literarisch-musikalische Abende (selbstverständlich mit einer „Tendenzrede" verbunden) veranstaltet werden, deren Reinerträgnis dem Jüdischen Nationalfonds zugewendet werden soll. Unzweifelhaft werden solche Abende bei gehöriger Agitation gut besucht werden, einen bleibenden Eindruck hinterlassen und auch materiell viel einbringen. Unsere besten literarischen, musikalischen und sonstigen Kräfte werden gerne dabei ohne Entgelt mitwirken. Namentlich werden derartige Veranstaltungen viel zur Gewinnung der Jugend beitragen. Ich bin mit meinem Vorschlag zu Ende und glaube, dass der